Hello All, wo sind sie heute, Spaniens alte Männer? Früher saßen sie tagsüber im Schatten vor den Bars, tranken cortados (Espresso), spielten Domino, lasen Zeitung. Sie kommentierten lautstark die Übertragungen von Fußball oder einer corrida de toros (Stierkampf) auf dem Fernsehapparat aus dem dunklen Inneren des Lokals. Sie teilten sich eine Parkbank unter Bäumen und diskutierten. Manche begnügten sich mit einem Stuhl vor dem Hauseingang, zogen an einer Zigarette. Wann immer es das Wetter erlaubte, zog es Spaniens betagte Männer tagsüber in die Öffentlichkeit,raus aus der Wohnung. Mag sein, dass sie dort drinnen störten oder es ihnen zu langweilig war. Wo etwas los war und sich Sitzgelegenheiten draußen boten, trafen sie sich mit Altersgenossen; Männer unter sich. Langärmelig bekleidet, mit Baskenmütze und Gehstock. Bevorzugt an belebten Straßen, Kreuzungen, am Hafen, vor einem Markt, an Haltestellen oder im Park. Solche Grüppchen betagter Männer gehörten in meiner Erinnerung der letzten sechzig Jahre zu Spaniens Straßenalltag.

Diese Erinnerung muss ich korrigieren. Aktuell wirken Passanten und Akteure auf den Straßen Zaragozas oder Barcelonas eigentümlich verjüngt. Dafür sind mehr Frauen unterwegs. An den traditionellen Altherrentreffpunkten sehe ich überwiegend jüngere Leute, Freunde, Pärchen; tagsüber beleben mehr Eltern oder Großmütter mit dem Nachwuchs an der Hand, im Kinderwagen und Buggy die Parks und Gehwege. Verstreut schlendern Alte allein mit einem Hund an der Leine. In den wenigen, noch verbliebenen Tapa-Bars sitzen mehr Touristen als Einheimische.  Sind den Alten ihre Stammlokale während Corona abhandengekommen, ähnlich wie unserem Wirtshaussterben auf dem Land?  Die Parkbänke stehen noch da; einige neue sind sogar dazugekommen; sie warten geradezu auf die alte Besatzung. Wollen oder dürfen die alten Männer aus Furcht vor Covid-19 Ansteckungen nicht aus dem Haus, weil ihnen vorsorgliche Angehörige das gesellige Beieinander draußen madig machen? Ist ihnen das Geld für Kaffee, Zigaretten oder ein Gläschen ausgegangen? Oder haben sie nach den in Spanien besonders langwierigen Lockdowns das Außerhausgehen verlernt?  Ich meine, inzwischen mehr Cafétische mit älteren Damen besetzt zu sehen als mit Männern. Ich gönne den Frauen ihre Geselligkeit. Doch ich vermisse die tertulias (Zusammenkünfte) und charlas (Gespräche) der alten Herren. Jetzt, da ich mich als Gleichaltriger hätte dazusetzen können, mit ihnen zu ratschen, zu spötteln oder zu schweigen. Auch das geht doch zusammen im Freien besser als allein zu Hause. Unbekannte, mögliche  amigos, wo seid Ihr?

Euer Global Oldie