Anzeige

Renteneintritt bringt Partner oft in Schieflage

Plötzlich viel Zeit miteinander: Im Ruhestand müssen die Partner neu zueinander finden.

Renate (64), Krankenschwester, und Helmut (64), Banker, sind vor einem Jahr gemeinsam in Rente gegangen. Geld ist angespart, die materielle Versorgung also gewährleistet. Sie schmiedeten Pläne, wollten ausschlafen, morgens gemütlich die Zeitung lesen, große Reisen machen, das Haus sanieren, die Enkel verwöhnen. Doch wie sieht es jetzt, ein Jahr später, aus? 

Sie hat damit gerechnet, dass er nun mehr Verantwortung für den Alltag übernimmt, nachdem sie lange für seine Karriere zurückgesteckt hat. Doch er stürzt sich ausgiebig in seine Hobbys, ist tagsüber unterwegs und kümmert sich abends noch um die Büroarbeit. Sie ist frustriert, nörgelt an ihm herum, was wiederum ihn ärgert. Streitigkeiten sind vorprogammiert. Ganz ähnlich läuft es im Loriot-Film »Pappa ante portas« (1991) ab: Seitdem der zwanghaft ordentliche Abteilungsleiter Heinrich Lohse in den Vorruhestand geschickt wird, treibt er Frau und Sohn mit seinen Putzplänen und Einkaufslisten an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

Viele möchten gemeinsam in den Ruhestand gehen

Das kann so kommen, muss es aber nicht. Ob ein Partner zuerst in Rente geht oder beide gemeinsam – es bedeutet in jedem Fall große Veränderungen. Bei einer Studie wurden 5000 Menschen aus den Jahrgängen 1942 bis 1958 in den Jahren 2013, 2016 und 2019 befragt. Ergebnis: Ein Drittel der Paare wünscht sich, zusammen in den Ruhestand zu gehen. Bei einem weiteren Drittel sei dies nur für einen Partner von Bedeutung. Das letzte Drittel hingegen legt darauf keinen größeren Wert.

Viele Rentner und Rentnerinnen haben anfangs Schwierigkeiten, ein neues Miteinander zu finden. Denn der Eintritt in die dritte Lebensphase ist ein gewaltiger Einschnitt. Vertrautes geht verloren, Anerkennung und soziale Kontakte fallen weg. Nach Meinung von Experten sind davon mehr Männer betroffen als Frauen, da Männer ihr Selbstwertgefühl in der Regel stärker vom Beruf abhängig machen. Überdies pflegen sie Kontakte oft vorrangig im Kollegenkreis. Und der existiert mit einem Mal nicht mehr. Frauen dagegen wissen ihr Leben in der Regel besser auszufüllen, sie pflegen vielfältigere soziale Kontakte.

Reden, um einander besser zu verstehen

Altersforscher, Sozialberater und Therapeuten empfehlen daher: Miteinander reden, reden und noch einmal reden. Es sollte aber nicht, so Ursula Zeh von der psychlogischen Beratungsstelle im Erzbistum Bamberg, in einer Art Generalabrechnung enden nach dem Motto »Du hast immer schon…« Vielmehr gehe es darum, sich gegenseitig die eigenen Bedürfnisse und Wünsche mitzuteilen, wie es einem mit der veränderten Situation geht, um herauszufinden, wie man das Miteinander künftig gestalten kann. Die Paare sollten, so die Einschätzung der Psychologin, sich darüber im Klaren sein, »dass diese Zeit des Umbruchs ein bis zwei Jahre dauern kann und zusätzlich Energie und Kraft kosten, bis sich alles wieder eingespielt hat«. 

Auch Sozialtherapeut Wolfram Gail von der Stadtmission Nürnberg begegnet in seinen Vorträgen zum Thema »Verrentung« nachdrücklich diesem Problem. Beim Katholischen Soldatenbund sprach er viele Frauen an, die sich darüber Sorgen machten, was sie erwartet, wenn ihre Ehemänner aus Krisengebieten zurückkommen und in Rente gehen. »In einer komplexen Welt brauchen immer mehr Menschen Hilfestellung«, sagt er. Dass sich selbst ältere Paare scheiden lassen, kommt seiner Meinung nach nicht von ungefähr, »denn für selbstbewusste, finanziell unabhängige Frauen ist es viel leichter geworden, diesen Schritt zu gehen, als vor 40 oder 50 Jahren«. Es gebe sogar Fälle, dass beide Ehegatten im Altenheim getrennte Zimmer wollten.

Schwerhörigkeit macht Vieles schwer

Therapeuten machen noch auf ein spezielles Problem älterer Paare aufmerksam, das die Kommunikation erschwert und zu vielen Konflikten führt: die Schwerhörigkeit. Da wird zum Beispiel um das Tragen eines Hörgeräts gestritten. Derjenige, der schwer hört, findet, dass er es zu Hause nicht braucht, weil es juckt, laut und lästig ist. Deshalb versteckt er es sogar manchmal. Die Partnerin oder der Partner fordert aber, es ständig zu tragen, denn die Kommunikation ohne Hörgerät ist sehr mühsam. Man erlebt es als Zumutung, wenn man alles wiederholen muss. Daraus entstehen viele Missverständnisse und Kränkungen. 

Geht es auch anders? Die gute Nachricht ist, dass sich auch ältere Menschen ändern können und dass der Eintritt in den Ruhestand viele Chancen und Möglichkeiten mit sich bringt. Vielleicht kann man ein gemeinsames Hobby aufleben lassen, einen  Lebenstraum verwirklichen oder ein Ehrenamt übernehmen. Manche gehen an die Senioren-Uni, kaufen sich eine Staffelei, organisieren die nächste gemeinsame Reise. Trotzdem sollte man darauf achten, dass sich jeder seine eigene Welt bewahrt, wie es Vorbereitungskurse zur Pensionierung empfehlen. So bleibt man für den anderen interessant. Betroffene können sich aber auch Hilfe holen, wenn man allein keine Lösung findet. Dazu die Psychologin Zeh: »Wir können ältere Paare nur dazu ermutigen, sich beraten zu lassen. Dass dieses Angebot der Familien- und Lebensberatungsstellen immer mehr Paare über 70 annehmen, finde ich bemerkenswert.«

Text: Horst Otto Mayer
Foto: pexels.com / vlada Karpovich

Hilfe bieten an: 

Psychologische Beratung bei Ehe- und Partnerschafts-, ­Familien- und Lebensfragen im Erzbistum Bamberg, Nürnberg, Heideloffstraße 21-25, Tel. 0911/9928222-0, www.psychologische-beratung.erzbistum-bamberg.de 

Sozialtherapeut Wolfram Gail, Erziehungs-, Paar- und Lebensberatung, Nürnberg, Rieterstraße 23, Tel. 0911/352400, w-gail@gmx.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Aktuelle Beiträge

Skip to content