Hello All,

Tini kommt in die Grundschule. Ab diesem Meilenstein will sie nicht mehr „Tini“ gerufen werden; von niemandem, nie wieder! Sondern Betina, als großes Mädchen. Ihre abgetragene Namenshülle sortiert sie aus, zusammen mit anderem Kindergartenkram, wie die Brotzeitbox mit Einhornmotiv. Die neuen Statussymbole, Schultüte und Schulranzen, warten bereits. Betina hat inzwischen ihren Rollerführerschein und eine Freischwimmerurkunde erworben, auf der sie ihren Vornamen buchstabieren kann. Auch „aus“ für jegliche Kosenamen, wie „Knuddel“ und „Little Lady“. Die ausschließliche Anrede mit dem verbrieften Vornamen wertet Betina als sozialen Aufstieg. Vorläufig.

Denn schon in der Schule lauern neue Spitznamen. Hoffentlich solche, die ihr genehme Eigenheiten herausstellen, wie beispielsweise „Speedy“ oder „Komet“.  Eines Tages soll der Liebste ihr neue Kosenamen zuraunen. Sie wird diese wunderbar finden. Im Berufsleben werden ihr Kollegen und Kunden den einen oder anderen „nome de guerre“ verpassen. im besten Fall mit etwas Respekt befrachtet. Je nach Job und Eigenschaft vielleicht „Zahlenfresserin“ oder „Paragraphendiva“. Erfahrungsgemäß eher kritisch eingefärbt. Umso wichtiger, sich in den sozialen Medien rechtzeitig einen nett klingenden Avatar zuzulegen und diesen zu selbst zu propagieren.  Bevor es andere tun und damit mobben. Sinnstiftende Kriegernamen wie „Der mit dem Wolf tanzt“ sind allerdings in unserer eiligen Zeit zu lang.  Social media gerechter wäre da ggf. ein biographischer Rückgriff auf „Tini2015“.  In spanischsprachigen Ländern erhält man öfters einen Spitznamen mit Regionalhinweis: El Cordobés oder El Andalúz. Betina müsste also mit „Bavaria“ klarkommen, wenn ihr Lebensmittelpunkt außerhalb Bayern läge.

Im Alter kommen neue Namenszusätze oder gar als Ersatz in Frage. Chinesen sprechen Ältere anstatt mit vollem Namen respektvoll mit dem letzten Dienstrang an. Frau Vize-Direktor plus Nachname ist eine akzeptable Anrede, selbst in der Freizeit oder im späteren Ruhestand. Ebenfalls üblich ist in China die Anrede ohne Namen, jedoch mit ranghohen Familienfunktionen wie „große Schwester“, „werte Tante“, ohne tatsächliche familiäre Beziehung. In Lateinamerika ist  „Ingenieur“ oder „Doktor“ für mutmaßlich Bessergestellte als generische Anrede gebräuchlich, ohne Bezug auf denen tatsächlichen Bildungsabschluss. Egalitärer stimmt  die generische Bezeichnung „compadre“, Kumpel. Unserem altmodischen Begriff „Gevatter“ ähnlich. In russischer Folklore sind es dann die „Mütterchen“ und „Väterchen“ für die Senioren.

Mit zunehmenden Alter ersetzen auch bei uns soziale Funktionsbezeichnungen die  Tauf- und Spitznamen. Vor dreißig Jahren wollten wir fortschrittlich wirken und boten unseren Teenager-Kindern an, uns Eltern beim Vornamen anzusprechen; wir scheiterten an deren Widerstand. Wir Alten heißen weiterhin wie unsere sozialen Rollen. Eltern, Tante, Onkel, Großeltern. Demzufolge wird eines fernen Tages auch aus dem Schulkind „Betina“  schlichtweg eine „Mama“;  noch später einmal eine „Oma“. Zur Unterscheidung von der anderen Grußmutter vielleicht noch „Oma Betina“. Oder, weil kleine Kinder gerne hell klingende Bezeichnungen lieben, dann doch “Oma Tini“?

Ihr Global Oldie