Anni Bohl und Pflegerin Carolin Hollmann-Johannsen sind froh, dass ein persönlicher Umgang miteinander wieder möglich ist.

Die Masken sind weitgehend beiseite gelegt, man trifft sich mit Freunden, und in den meisten Einrichtungen sind die Türen wieder geöffnet. Ist mit dem politisch festgelegten Ende der Pandemie alles gut und vorbei? Oder bleiben Fragen offen und Probleme ungelöst? Im Bereich der Altenpflege bestimmt. Deswegen hat das Seniorenamt der Stadt Nürnberg das Thema »Alltagsbeschränkungen in Altenheimen« nicht zu den Akten gelegt. Bei einer Ethik-Konferenz unter dem Motto »Praxis trifft Wissenschaft und Politik« im Treff Bleiweiß haben sich Fachleute und Seniorenvertretungen Gedanken gemacht über eine bessere Vereinbarkeit der unterschiedlichen Bedürfnisse von Beschäftigten, Bewohnern und Angehörigen mit den Zielen von Gesundheitspolitikern. Es ging darum, künftig besser vorbereitet einer möglichen weiteren Welle der Covid-Pandemie oder einer vergleichbaren Situation gegenüberzutreten.

In der Rückschau hat mancher schon fast vergessen, wie sich der Alltag in den ersten beiden Coronajahren unter der Fülle von Freiheitsbeschränkungen gestaltete. Wer allerdings einen nahen Angehörigen oder Freund oder Freundin während dieser Zeit in einem Pflegeheim hatte, wird die Situation nicht so schnell vergessen. Denn unter der Prämisse, die betagten und oft von chronischen Krankheiten geplagten Bewohner zu schützen, fielen hier die Maßnahmen besonders drastisch aus.

»Als großes Problem wird empfunden, dass in den verschiedenen Heimen unterschiedliche Regelungen getroffen wurden«, sagt Klaus Schmitz, stellvertretender Leiter des Nürnberger Seniorenamts. Den Fachtag zu ethischen Fragen organisierte das Seniorenamt aufgrund eines fast zwei Jahre alten Antrags der SPD Stadtratsfraktion, der ein solches Forum zur Aufarbeitung der Grundrechtseinschränkungen durch Besuchs- und Kontaktsperren anregte. Nun wurde die Atempause im Pandemiegeschehen dafür genutzt.

100 Prozent richtig gibt es nicht

Schmitz möchte die unterschiedlichen Sichtweisen der Beteiligten zur Sprache bringen. Ihm ist es wichtig, dass »Probleme benannt werden« wie die Einschränkung von Rechten der Bewohner und was sie in der Praxis ausgelöst haben. »Es wird immer gerne nach Schuldigen gesucht, aber es geht gar nicht um die Schuldfrage, sondern darum, Verständnis für die Situation der anderen zu wecken,« fasst er zusammen. »Hierbei sollte die Erkenntnis Raum finden, dass es ein zu 100 Prozent richtiges Handeln nicht gibt«, erklärt Sozialreferentin Elisabeth Ries. Für die Abwägung zwischen Risiken und Freiheiten in existenziell schwierigen, nicht planbaren Konstellationen gebe es keine vorgefertigten Lösungen. Es bleibe immer eine Entscheidung von Einzelnen, häufig der Pflegekräfte oder der Leitung der Einrichtung, oft unter zeitlichem Druck. Das gilt für viele Situationen im Pflegebereich, führt sie aus, beispielsweise für Sicherheitsmaßnahme am Bett. Nimmt man in Kauf, dass Menschen sich frei bewegen und dabei auch stürzen können oder wird dies durch Fixierung verhindert? Hier eine Entscheidung zu treffen – indem eine richterliche Anordnung beantragt wird – , sei immer wieder notwendig. Dabei könnten vorher definierte fachliche Standards oder Prüfschemata eine Hilfe sein, die aber für die unvorhersehbare Lage der Pandemie kurzfristig nicht zur Verfügung standen.

Während der Pandemie haben Politiker auf den verschiedenen föderalen Ebenen, also Bund, Land und Kommune, die Rahmenbedingungen maßgeblich mitbestimmt. Das Tempo, in dem sich die Vorschriften änderten und die Art, wie diese kommuniziert wurden, müssen sich auf jeden Fall ändern, lautet das Fazit von Pflegekräften und Heimleitungen. Sie hatten sich schon vor einiger Zeit in einem vom Seniorenamt organisierten Workshop über die Pandemiefolgen ausgetauscht. Kritisiert wurde unter anderem, dass Anordnungen für den Umgang mit Bewohnern und Besuchern im Juristendeutsch und häufig sehr umfangreich mit bis zu 14 Seiten zu einer massiven Überforderung der Beschäftigten führten. Die darin getroffenen Regelungen liefen zum Teil dem Berufsverständnis des Pflegepersonals zuwider.

Das war besonders der Fall, wenn Menschen allein sterben mussten, weil ihre Angehörigen sie aus Pandemieschutzgründen nicht begleiten durften. Eine solche Situation steht Ansprüchen einer angemessenen und an der »Palliative Care« ausgerichteten Begleitung in der letzten Lebensphase und im Sterben entgegen und verursacht laut Experten bei den professionell Pflegenden ein moralisches Belastungserleben, »moral distress« genannt. Die Folgen können mit einem Burn out verglichen werden und führen in letzter Konsequenz dazu, dass sich die Fachkraft womöglich aus dem Pflegeberuf verabschiedet.

Qualitätszirkel ist aktiv

Damit es nicht so weit kommt, soll die Ethik-Konferenz in eine Reihe von Aktivitäten im Pflegebereich eingebettet werden. Im Zuge der Pflegequalitäts­offensive, die 2019 initiiert wurde, ist unter der Moderation des Seniorenamtes ein Austausch unter den Trägern von Einrichtungen der Langzeitpflege schon eingespielt. Der Qualitätszirkel ist hier bereits aktiv. Auf Bundesebene hat sich unter anderem die BAGSO, ein Zusammenschluss von vielen Seniorenorganisationen, schon frühzeitig zu den Corona-Bedingungen zu Wort gemeldet und Verbesserungen für Heimbewohner gefordert.

Eine Vereinheitlichung der Regeln ist aber bisher nicht gelungen. Zu sehr hängt die Umsetzung der Bestimmungen von den Gegebenheiten vor Ort und der Art ab, wie Hygieneregeln eingehalten werden können. Bleibt also, mit gelungenen Praxisbeispielen Anstöße zu geben. So hat das St. Elisabeth Pflegeheim im oberfränkischen Wallenfels schon zu Beginn der Pandemie im April 2020 im ehemaligen Besprechungsraum ein »Abschiedszimmer« eingerichtet. Es hat einen direkten Zugang und wurde schön gestaltet. Hier wurde ein Weg gefunden, der Angehörigen und Heimbewohnern gerecht wurde und gleichzeitig die Anforderungen an die Corona-Pandemie erfüllten. Anderswo mussten die Angehörigen vor dem Fenster stehen oder den Bewohnern von Ferne zuwinken.

Das liegt noch gar nicht so lange zurück. In bestimmten Bereichen, z.B. im Nürnberger Klinikum, bestand noch Anfang 2022 ein striktes Besuchsverbots mit allen – auch negativen – Folgen für die Patienten. Wie künftig die Abwägung zwischen Schutz und Selbstbestimmung ausfallen wird, ist schwer vorherzusagen. Veranstaltungen wie die Ethik-Konferenz im Treff Bleiweiß sind sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Text: Petra Nossek-Bock

Fotos: Petra Nossek-Bock, Kat Pfeiffer