Bei der Lebenshilfe fühlt sich Christoph Holezko wohl, obwohl er schon im Ruhestand ist. Foto: Michael Matejka

Die alten Menschen, die den Pavillon an der Langseestraße in Nürnberg-Mögeldorf besuchen, nennen es »das schöne Gartenhaus«. Im sperrigen Deutsch der Bürokratie heißt die Einrichtung »Tagesstrukturierende Maßnahme« (TSM). Zwölf Männer und Frauen im Alter zwischen 52 und 77 Jahren kommen täglich hierher. Was sie verbindet: Sie alle sind geistig behindert und finden hier eine sinnvolle Beschäftigung.
Für viele Menschen ist der Übergang vom Arbeitsleben in die Rente ein tiefer Einschnitt in ihrem Leben. Plötzlich fällt das übliche Programm weg, die Tagesabläufe, die vorher von Arbeit und häufig von Stress geprägt waren, sind plötzlich ganz anders. Die meisten genießen die neue Freiheit und freuen sich, endlich Zeit für die Dinge zu haben, zu denen sie während ihres Arbeitslebens kaum gekommen sind. Reisen, Freunde treffen, ehrenamtliches Engagement und vielleicht auch mehr Stunden mit den Enkelkindern zu verbringen, füllen das Leben aus.
Für Behinderte, und vor allem für geistig Behinderte, sieht das ganz anders aus. »Für sie ist das viel dramatischer«, sagt Horst Schmidbauer, Vorsitzender der Lebenshilfe Nürnberg und früherer SPD-Bundestagsabgeordneter. Wer in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet hat, konnte nicht nur viel Selbstwertgefühl aus seiner Tätigkeit ziehen, sondern verfügte hier meist über die wichtigsten sozialen Kontakte. Kinder haben die Gehandicapten in aller Regel nicht, geschweige denn Enkel, mit denen sie nun Zeit verbringen könnten. Und ans Reisen ist ebenfalls nicht zu denken. Für geistig Behinderte bricht mit Beginn der Rente deshalb häufig der gesamte Lebensinhalt weg.
Um diese Menschen kümmert sich die Lebenshilfe in Nürnberg mit zwei Einrichtungen. Neben der Tagesstrukturierenden Maßnahme an der Langseestraße, die im Jahr 2001 eröffnet wurde, gibt es seit 2004 eine ebensolche Einrichtung an der Waldaustraße in Schweinau, wo 19 Behinderte betreut werden. Die meisten wohnen in Wohngemeinschaften gleich nebenan.
Kaffee und Zeitung
So kommen sie denn auch selbstständig und ohne fremde Hilfe in das »schöne Gartenhaus«, wenn morgens um neun die Türen aufgesperrt werden. Nach einem gemeinsamen Kaffeetrinken gibt es eine »Zeitungsrunde«, in der das aktuelle Tagesgeschehen mit den Behinderten besprochen wird, berichtet Heilerziehungspflegerin Silvia Reichel, die sich mit zwei anderen Fachkräften, zwei Fachschülerinnen und einem Bundesfreiwilligendienstler um die behinderten Älteren kümmert. Anschließend stehen Angebote auf dem Programm, in die sich jeder nach seinen Fähigkeiten einbringen kann. Neben basteln, malen und handarbeiten können dies Botengänge sein, ein anderer geht einkaufen und ein Dritter besucht einen Kurs im Bildungszentrum. Manchmal muss einer zum Arzt begleitet werden. »Das A und O ist, die Fähigkeiten der alten Menschen zu erhalten oder sogar zu entwickeln«, sagt Schmidbauer. So findet regelmäßig ein Gedächtnistraining statt, und auch das Singen alter Schlager wie »Lilli Marleen« oder »La Paloma« hält das Gehirn auf Trab.
Beim gemeinsamen Mittagessen müssen alle mithelfen: Tisch decken, abräumen und die Küche in Ordnung bringen. Dienstags kochen die Behinderten sogar gemeinsam für sich und die Bewohner des Lebenshilfe-Wohnheims. »Wir wollen, dass sich die Menschen hier wohlfühlen, dass sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun«, beschreibt Wilfried Klatt, Gesamtleiter Wohnheime bei der Nürnberger Lebenshilfe, die Ziele.

Früher arbeitete Matthias Sajonz im Stadtarchiv. Heute kommt er regelmäßig ins »schöne Gartenhaus« der Lebenshilfe an der Langseestraße in Nürnberg. Foto: Michael Matejka

Für Franz Brix war der Übergang vom Arbeitsleben zur Rente keine einfache Zeit, weil das Gefühl des Gebrauchtwerdens plötzlich wegbrach. »Es fiel mir schwer, mit der Arbeit aufzuhören«, erzählt der 83-Jährige. In verschiedenen Werkstätten hatte er Lineale eingepackt und Spielzeugautos montiert. Er ist im Vergleich zu vielen anderen recht selbstständig und kommt nur zum Essen in die TSM und nimmt an gemeinsamen Ausflügen teil. Auch Matthias Sajonz erinnert sich gern an die Zeit zurück, als er noch berufstätig war. »Ich habe im Stadtarchiv gearbeitet und durfte Sachen tragen, Akten aus Papier«, berichtet der 66-Jährige, der erst im Alter von neun Jahren infolge einer Krankheit seine geistige Behinderung erworben hatte. Daher kann er auch lesen und schreiben. Er setzt sich gern ein wenig abseits an einen Tisch am Fenster mit Blick in den Garten und notiert mit Vorliebe außergewöhnliche Namen aus der Zeitung oder schreibt das Fernsehprogramm ab.
Es ist ein verhältnismäßig neues Phänomen, dass es überhaupt geistig Behinderte im Rentenalter gibt. Aufgrund der Euthanasie im Dritten Reich fehlt eine ganze Generation von Behinderten. Rund 120.000 Männer, Frauen und Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung und psychisch Kranke wurden zwischen 1939 und 1945 systematisch ermordet. Hinzu kommt, dass durch bessere Betreuung und Förderung behinderte Menschen heute eine wesentlich höhere Lebenserwartung haben als in früheren Jahrzehnten. Das lässt sich auch deutlich an der Altersverteilung geistig Behinderter ablesen: So gab es zum Jahresende 2009 laut einem Bericht des Statistischen Bundesamts rund 56.000 Personen im Alter von 45 bis unter 55 Jahren mit einer Störung der geistigen Entwicklung oder geistigen Behinderung. In der Altersgruppe der 55 bis 65-Jährigen sind es dagegen nur gut 27.000. Und ebenso viele sind 65 und älter. Die Lebenshilfe und andere Verbände, die behinderte Menschen betreuen, müssen sich also auf eine deutlich steigende Zahl von alten Behinderten einstellen.
»Das ist die Sonnenseite«
Solange sie gesund sind, können sie in ihren betreuten Wohngruppen bleiben – und tagsüber in die Tagesstrukturierende Maß-nahme kommen. »Das ist die Sonnenseite«, sagt SPD-Politiker Schmidbauer. Schlimm wird es, wenn zum Handicap eine Pflegebedürftigkeit oder Demenz hinzukommt – da beginnt die Schattenseite. Denn im Gegensatz zu einem »normalen« Patienten kommt ein mobiler Pflegedienst nicht in ein Wohnheim, weil dafür eine Abrechnung nicht möglich ist. Der sonst übliche Grundsatz »Ambulant vor stationär« gilt nicht für Behinderte. Wer pflegebedürftig wird, muss ins Pflegeheim. So ist derzeit die rechtliche Situation, die Schmidbauer »eine Katastrophe« nennt, weil die Behinderten aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen würden.
Von der Politik fühle sich die Lebenshilfe da allein gelassen, klagt Schmidbauer. Deshalb strebe sein Verband eine Musterklage an, bei der höchstrichterlich entschieden werden soll, dass häusliche Pflege auch in einem Behindertenwohnheim ermöglicht wird. »Wir warten nur noch auf einen Anlass, um zu prozessieren.«
Der Politiker weiß, dass der Einsatz für Behinderte häufig von Neid begleitet wird, schließlich gibt es viele alte Menschen, die sich (durchaus zu Recht) benachteiligt fühlen. »Wir müssen die Konkurrenz zwischen Alt und Behindert aufgeben und dürfen uns nicht in einen gesellschaftlichen und politischen Kampf begeben«, sagt Schmidbauer. Immerhin 13 Prozent der Befragten stuften bei einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung vor eineinhalb Jahren das Leben von Behinderten als »unwert« ein, so der Lebenshilfe-Vorsitzende – ein Begriff, der untrennbar mit der Nazi-Zeit verbunden ist.
Als »unwert« würde Gisela Kandolf ihr Leben trotz schwerer Behinderung sicher niemals bezeichnen. Sie hat sich auf ihren Lieblingsplatz auf dem Sofa zurückgezogen und beobachtet mit sichtbarem Vergnügen das Geschehen im Gruppenraum. Sie liebt das Spiel mit der Melodica und der Veeh-Harfe, geht gern zum Einkaufen mit und hilft beim Aufräumen in der Küche. Ins »schöne Gartenhaus« komme sie gern, erzählt sie, während sie nervös mit den Fingernägeln spielt. »Ich habe Freunde hier. Ich freue mich, sie zu sehen.«
Georg Klietz