Hello all,
„Felices Fiestas“ oder „Bon Nadal“ konnte ich 1965 in meiner neuen Wahlheimat Barcelona zu Weihnachten zwar schon sagen, aber ich wunderte mich „…wann gibt’s Geschenke?“ „Gibt’s hier nicht zu Weihnachten“. Sauber. Als Teenager war ich an dieser Frage fast genauso interessiert wie an der Nachbarstochter Nuria. Nuria hatte seit Anfang Dezember mit glockengleicher Stimme Weihnachtslieder geprobt, deren fröhliche Melodien spätnachmittags durchs Treppenhaus hüpften. Neben einer unnahbaren Nuria bescherten mir meine ersten Weihnachten in Spanien noch andere Überraschungen. War das feuchtkalt! Die Wohnung hatte keine Heizung. Ich zog drei Lagen Pullover über und kippte heiße Trinkschokolade becherweise in mich. Zusätzliche Wärme spendeten die „hogueras“, öffentliche Feuer, die am 21. Dezember in unserem Park in San Gervasio aufloderten. Als Mutprobe sprangen wir Jungens über die Flammen und schielten rüber zu den kicherenden Mädels, die unsere Sprünge kommentierten. Am nächsten Tag, 22. Dezember abends war die ganze Stadt aus dem Häuschen; der Schwarzweiss- Fernseher in der Eckkneipe war umlagert von den Nachbarn, bis auf die Strasse hinaus, um die Lottoziehung des „El Gordo“ mitzuerleben – so eine Art Zufallsbescherung der Wettgemeinschaft, die damals gefühlt alle Anwohner um mich herum umfasste. Ohne Gewinn. Am 24. hätte ich nur allzu gerne die flotten „Villancicos“, Weihnachtslieder mitgesungen, als die Sängergruppen – eine davon mit Nuria – mit Tamburinen durch unsere Strasse zogen, hin zu der großen, raffiniert hinterleuchteten Krippenlandschaft in unserer Nachbarschaftskirche San Gervasio. Ein riesiges Diorama war neben dem Altar aufgebaut. Es bildete mit Hunderten Figuren Bethlehem, die Verkündigung, Abweisung der schwangeren Maria, Geburt im Stall, die Anbetung und den Einzug der Drei Könige aus dem Morgenland ab. – Da kommen bis heute die 3D- Filme nicht ran. –
Aus Deutschland hatte ich bis dahin Weihnachten als ein eher stilles, besinnliches Fest gekannt, protestantisch schlicht, umrahmt von festlich getragener Musik samt (!). Spanischen Weihnachten entpuppten sich als zweitägige Dauerparty. Am 24.12. nach üppigem Festessen mit meinen Wirtsleuten gabs Gans, zog ich mit deren Großfamilie, Jung und Alt festlich gekleidet, zur „Misa del Gallo“ „der Hahnenmesse“ mitten in der Nacht. Tolerant war ich als Nichtkatholik einfach Teil der Truppe, auch wenn ich zum Gelächter meiner Leute immer falsch aufstand, stehenblieb oder niederkniete. Von der Messe schwärmten wir immer beschwingter bis zum Morgengrauen, von Wohnung zu Wohnung zum Gratulieren, Umarmen, Anstoßen, Futtern, Kartenspielen und Tanzen. Wer noch nicht vom Abendessen pappsatt war, der verstopfte sich den Mund mit knochentrockenen „polverones“ Staubgebäck und stahlharten „Turrones“ , Spaniens gnadenlose Antwort auf türkischen Honig. Am 28. Dezember kam es noch besser: Am „Día de los Innocentes“ , Tag der Ahnungslosen, schickte jeder jeden „in den April“ – und als völlig ahnungsloser Ausländer war ich ein ergiebiges Ziel derber Scherze. Bis nachmittags hatte ich dazugelernt. Am 31. 12. standen wir Nachbarn wieder mitternachts dichtgedrängt um den Fernseher an der Eckkneipe der Avenida República Argentina, und zählten das Jahr runter. Mit jedem TV -übertragen Glockenschlag schluckten wir eine Weintraube. Um Mitternacht brüllte jeder jedem Umstehenden ein „Feliz Anyo Nuevo“ zu; ich rief ein ganz spezielles (und lang geprobtes) “ Felic Any Nou“ – der sangesfreudigen Nachbarin mit der Glockenstimme zu. Doch auch diese wesentlich erweiterten Katalán- Kenntnisse würdigte Nuria nicht; nicht einmal mit einem angedeuteten Lächeln. Das war mein Weihnachtstiefstgefrierpunkt 1965/66.
Weihnachten endet in Spanien offiziell am 6. Januar, Drei Königstag, Bescherung. Für mich gab es einen Gutschein zur Tanzstunde. „You can’t have it all“, dachte ich mir damals, schöne Bescherung. Weihnachten hatte mir bis dahin auch ohne Geschenk exzellent gefallen.
Einen beschwingten Jahresausklang wünscht Ihnen Ihr
Global Oldie
P.S.
1.Frage:Und was hat das alles mit Alter zu tun?
2.Antwort: Die wunderbare Erinnerung, daß Weihnachten ganz anders so wunderschön sein konnte, auch ohne Bescherung am 24.12 .
3. Tanzen kann ich bis heute nicht.
2 Antworten
lieber global oldie, mit begeisterung lese ich immer ihre kommentare, so ein weihnachten würde ich mir in deutschland wünschen, fröhlich, lachen, ein miteinander und nicht dieses die seele belastende weihnachten, bewußt in die menschen versenkt (regt die kauflust an), verbunden mit depressiver einsamkeit von menschen, welche keine familie mehr haben.