Hello All, es war damals die vorhersehbar letzte Weihnacht meiner jungen Schwägerin. Deshalb kamen Familienmitglieder aus Nah, Fern und Übersee zu uns, um die Arme mit der Nestwärme vieler Verwandter einzuhüllen. Onkel, Tante, drei Elternpaare, fünf Kinder und wir Großeltern als Gastgeber. Sechzehn Leute unter einem Dach gaben sich mächtig Mühe, es den anderen recht zu machen. Sowohl den vorweihnachtlich aufgekratzten Kleinen, den Eltern unter Kleinkindschlafentzug, den anderen mit neunstündigem Jetlag, uns als flitzenden Gastgebern und vor allem der tapferen Krebskranken. In jedem Zimmer standen Bettlager, offene Koffer, verstreutes Spielzeug oder Windelkartons. Im Eingangsbereich stolperten wir über Dutzende Schuhpaare, Handtaschen und Roller. Der ausziehbare Esstisch ließ nur schmale Taillen zu den Wandsitzen durch; Klobesuche verlangten Taktik und Langmut. Drei Sprachen im Kinderdur bis zum Seniorenmoll schwirrten durchs Wohnzimmer. Alle paar Minuten meinte jemand, es sei höchste Zeit zum Durchlüften oder es sei viel zu frisch, wegen der Kleinen am Boden. Wir trauten uns – unter Protest –  echte Kerzen am Weihnachtsbaum anzustecken; wegen der Stimmung und des Bienenwachsduftes.  Da wir über kein transkulturelles Liederrepertoire verfügten, überließen wir den Gesang den Profis aus dem CD-Spieler, mal zu laut, mal zu leise; doch bis dahin ein bilderbuchreifes Fest. Mit der Bescherung der Kinder brach das Chaos aus. In wenigen Minuten hatten die vier älteren Enkel alle Verpackungen aufgerissen, die Kartons, Styroporeinsätze, Plastikbeutel und Schnüre über das Erdgeschoß verstreut. Das Baby schrie untröstlich und gab damit den Auftakt zur Explosion eines kreischenden Infernos aus Kinderzanken, elterlichen Ermahnungen und elektronischem Gejaule der neuen Spielsachen. „Sag danke“, „siu samaa“, „what’s that“ „ho mh ho wanaa“, „wie geht das“ „ that’s mine! “….Während meine Nervenvorräte im Sturzflug dem „ ich kann nicht mehr- Punkt“ zurasten, lächelte unsere Kranke milde, als wollte sie sich mit dem prallen Leben der anderen vollsaugen; sie hielt stoisch durch.  Wir Erwachsenen bewunderten sie, ließen die Kinder zuerst toben, dann wüten und quengeln, schließlich bis zum Einschlafen fernsehen. Ruhe, nur noch Ruhe! Stunden später hatten wir gefühlte Kubikmeter Müll weggeräumt, kiloweise Geschirr gespült, übermüdete Kinder zu Bett gebracht und einen Pfad zwischen Couch, Essecke, Küche und Treppe frei gelegt. Stumm saßen wir Erwachsene noch eine Weile beieinander; geschafft. Unsere Kranke verstarb im folgenden Sommer.

Wir haben unsere Familienlektion gelernt. Die darauffolgenden Weihnachten feierten wir anders, in Form von sequentiellen Besuchen. Es trafen sich die Familien reihum, je zwei Parteien, an wechselnden Orten. Erst zwei Jahre nach dem Großereignis sprachen wir offen aus, was wir uns damals nicht zu sagen getraut hatten:  Zuviel Familie auf einmal ruiniert das Fest. In jener Form  nicht noch mal.  Alle zusammen feiern klingt gut, doch nacheinander ist besser. Weniger Arbeit für den Gastgeber, weniger Kompromisse für Gäste. Mit weniger Leuten gleichzeitig  kann irgendwann mal jeder mit jedem in Ruhe reden, zusammen etwas machen, worauf zwei oder drei Gleichgesinnte wirklich Lust haben. Man findet für eine Weile eine ruhige Ecke, kann sich zurückziehen in ein eigenes Zimmer oder ohne Warteschlange und Zeitdruck aufs Örtchen. Selbst im Hotel Wohnen ist seitdem in unserer Familie als Gastunterkunft voll akzeptiert. Es fördert die Harmonie. Allen ein frohes Fest und schöne Familientreffen, wünscht Ihr

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