Auf dem Platz vor dem Haupteingang des August-Meier-Heims an der Regensburger Straße in Nürnberg findet ein kleines Treffen statt. Eine Gruppe aus Heimbewohnern genießt den milden Oktobertag bei Musik, Kaffee und Kuchen. Fetzen des Schlagers »Rote Lippen soll man küssen« wehen über das Gelände. Es ist ein Stück Normalität in der Pandemie, die gerade ältere Menschen stark getroffen hat.

Mit dem Küssen ist es immer noch so eine Sache. Denn die Hygieneregeln und weitere Vorsichtsmaßnahmen sind weiter in Kraft. Aber »die Schutzmaßnahmen dürfen nicht zu Lasten der sozialen Bindungen gehen«, ist Michael Pflügner überzeugt. Der Leiter des NürnbergStifts (NüSt), dem organisatorischen Dach aller städtischen Seniorenheime in Nürnberg, ist bestens informiert und plant voraus. Denn Pflügner gehört zum Leitungsteam der städtischen Katastrophenschutztruppe. In dieser Funktion kennt er die Situation der mehr als 50 Alten-und Pflegeeinrichtungen privater und öffentlicher Träger mit unterschiedlichem Betreuungsgrad in der Stadt.

»Viele Dinge sind gut gemanagt worden«, zieht er Bilanz nach den Krisenmonaten des Lockdowns. Im April wurde im Sebastianspital eine zentrale Pflegestation für Coronakranke aus allen Einrichtungen geschaffen. Bis zu 60 Personen versorgte das Team dort gleichzeitig. Ende Oktober waren es noch drei, Tendenz steigend. Bei einem hohen Infektionsgeschehen ist hier eine schnelle Isolierung möglich und eine gute medizinische Versorgung gewährleistet, betont Pflügner. Das sei wichtig, weil es in der Vergangenheit bei manchen Einrichtungen zehn und mehr an Covid 19 Erkrankte auf einen Schlag gab. Durch die Verlegung der Betroffenen ins Sebastianspital wurde die Infektionskette durchbrochen und das Pflegepersonal vor Ort entlastet, ergänzt Indira Schmude-Basic, fachliche Leiterin im NüSt.

Inzwischen wird die dritte Impfung bei den Heimbewohnern organisiert. »Über 80 Prozent haben im August-Meier-Heim bereits die Auffrischung erhalten«, berichtet Schmude-Basic. Bei den Mitarbeitern sei die Quote noch nicht ganz so hoch. Wer sich testen lassen möchte, kann das in jeder Einrichtung durchführen. Das gilt für Beschäftigte und Besucher gleichermaßen. NüSt-Chef Pflügner plädiert dafür, mehr Geld und Energie in die Diagnostik zu stecken, um einen Nachweis über den Immunisierungsgrad zu erhalten. Entsprechendes Wissen und Methoden zur Anwendung seien in Fachkreisen vorhanden. Mit einem solchen Verfahren wären Aktivitäten innerhalb der Einrichtung leichter zu steuern.

Die Bewohner des Wohnstifts Vitalis hoffen auf eine schöne Weihnachtsfeier trotz erneut drohendem Lockdown. Foto: Masha Tuler

Auch für die Bewohner des Wohnstifts Vitalis waren die letzten Monate mit vielen Entbehrungen verbunden. Kerstin Fengler, die seit langem in der Geschäftsführung der Einrichtung tätig ist, möchte den Bewohnern wieder mehr Abwechslung bieten. Das Wohnstift hat sich als Erlebnis-Haus einen Namen gemacht. Für die Beschäftigten war es eine große Erleichterung, als »der Eingang nicht mehr geschlossen bleiben musste«, sagt sie. Von den 140 Bewohnern, die bis Pflegegrad 5 im Haus betreut werden, haben viele regelmäßig die zahlreichen Unterhaltungsangebote mit Freude genutzt. Im vergangenen Jahr war das nicht möglich. Selbst die Silvestergala musste ebenso wie die Tanz- und Musikveranstaltungen abgesagt werden.

»Für die Mitarbeiter war das eine große Belastung«, erzählt Kerstin Fengler. Diese mussten – wie in anderen Häusern auch – zusätzliche Aufgaben übernehmen. Um im Kontakt mit den Angehörigen zu bleiben, wurde regelmäßig ein Newsletter verschickt. »Es gab schwierige Situationen durch die Kontaktsperre«, erinnert sich die Managerin. Diese zu meistern, sei eine anstrengende Herausforderung gewesen.

Gesprächskreis zu Glaubensfragen

Eine neu geschaffene »Seelensprechstunde« diente als Anlaufstelle und Ventil für die Bewohner. Ein weiterer Gesprächskreis sorgte für Austausch für alle, die einen Glauben haben, egal welcher Konfession. Zudem »haben sich schöne Freundschaften gebildet«, berichtet Kerstin Fengler. Eine Bewohnerin hat regelmäßig Gymnastikstunden im Garten gegeben. »In der Situation ist der Zusammenhalt gewachsen«, ergänzt Fengler. Das gilt auch für das Team, das noch mehr zusammengeschweißt wurde.

Als Einrichtung des Betreuten Wohnens galten für das Vitalis nicht alle Regeln, die von Land und Bund für stationäre Seniorenheime erlassen wurden. »Wir wussten manchmal nicht, wo wir dazugehörten«, erklärt Fengler. Eine finanzielle Förderung von Freistaat und Bund gab es nur für die Beschäftigten. Das ist in den Häusern des NüSt anders. Hier greifen die Corona Hilfszahlungen, die laut Michael Pflügner bis Ende Dezember laufen und den finanziellen Verlust abfedern.

Einen Einbruch verzeichnen die verschiedenen Senioreneinrichtungen bei der Nachfrage. Die Delle während des Lockdowns schlägt sich statistisch nieder. Nach den Daten, die der AOK Bayern für den Zeitraum vom Juli 2020 bis Juni 2021 vorliegen, stieg die Zahl der Leistungsempfänger in der Pflege innerhalb von zwölf Monaten um rund 4,8 Prozent von 237.141 auf 248.554 Personen. Die absolute Zahl der vollstationären Pflegefälle hat in dieser Zeit hingegen abgenommen (von 48.673 auf 46.686).

Wer hilft den Angehörigen?

Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Die Lage in der ambulanten Versorgung muss nicht unbedingt besser sein, da die pflegenden Angehörigen häufig während der Krise »sehr allein gelassen wurden«, bemängelt Pflügner, der auch im Vorstand der Angehörigenberatung der Alzheimer Gesellschaft Mittelfranken aktiv ist. Schließlich waren zahlreiche Entlastungsangebote wie die Tagespflege und die Kurzzeitpflege stark eingeschränkt. Hier müsse mehr passieren, fordert er. Die Situation in den Familien habe die Politik »überhaupt nicht auf dem Schirm«.

Dagegen wird auch während der vierten Welle in der Pandemie wieder der Schutz von Menschen in den vollstationären Einrichtungen ein wesentlicher Faktor sein. Dafür müssen genügend Pflegekräfte zur Verfügung stehen. Doch während der Krisenmonate haben sich manche wegen der hohen Belastung beruflich umorientiert. Sie fehlen und sind schwer zu ersetzen. Somit führt der schon länger währende Pflegekräftemangel zu weiteren Problemen bei der Versorgung.

Schon mehren sich Meldungen über Impfdurchbrüche in Heimen. Aber noch plant das Team NüSt Weihnachtsfeiern, auch im Pflegebereich. Denn eine Perspektive ist für Bewohner und Belegschaft gleichermaßen wichtig. Dann erklingen statt alter Schlager andere vertraute Lieder wie »O, du Fröhliche« und »O Tannenbaum«. Das weihnachtliche Zusammensein soll allen eine Atempause bescheren am Ende dieses anstrengenden, von Corona geprägten Jahres.

Text: Petra Nossek-Bock; Fotos: Masha Tuler