Ein Festtagsbrauch, der nicht alle erfreut: Die Tischrede. Cartoon: Sebastian Haug

Mein Junge kann so schön reden«, seufzte meine Großtante stets gerührt, wenn ihr Sohn, damals gut in den Vierzigern, zu jedem festlichen Anlass das Wort ergriff. Die Familie kannte das schon: Der »Junge«, etwas beleibt, erhob sich, drückte den Rücken durch, strich die Krawatte glatt und klopfte an sein Glas. Er räusperte sich kurz, und dann legte er los. Die Profis unter den Gästen, die schon wussten, was auf sie zukam, verliehen ihren Gesichtszügen den Ausdruck gesammelter Aufmerksamkeit, schalteten auf Durchzug und hoben im richtigen Augenblick die Hände, um Beifall zu spenden. Mit ein bisschen Pech für die Zuhörer ergriff nun noch ein zweiter Festredner das Wort und schwang sich verbal in die Höhe zu einer weiteren, eindrucksvollen Ansprache.

Aber so langsam ändern sich die Zeiten – bei privaten Feiern wird jetzt gern das Wort vom Bild abgelöst. Eine vertane Chance für alle begnadeten Redner.

»Ist er nicht süüß«, hauchen jetzt pflichtschuldigst die Gäste zu Opas Siebzigstem, wenn auf der provisorischen Leinwand gerade das Bild des Jubilars auf der Krabbeldecke erscheint. Alle Stationen seines Lebens, zunächst von den stolzen Eltern, später auch von anderen Angehörigen und Freunden auf Fotos oder in Videos festgehalten, sind nun, dank der Möglichkeit des Digitalisierens, von einem liebevollen Enkel zusammengefasst. Und werden zum heutigen festlichen Anlass in einer Vorführung, die gefühlt fünf Stunden dauert, zum Besten gegeben. Die Anwesenden bemühen sich um angemessene Begeisterung und unterdrücken ein Gähnen bei der ausführlichen filmischen Darstellung vom Wachsen und Werden des Geburtstags«kindes«, einfach herzig als Baby, Kleinkind, Schulkind, Teenager, Student, Bräutigam, Vater und Großpapa. Zwingend folgt die längere Dankesrede des Geehrten. Danach wird (hoffentlich!) das Essen serviert.

Aber das WORT ist uns nicht abhanden gekommen. Zum Glück stehen jetzt die vorweihnachtlichen Feiern auf dem Programm. Die in der Regel ganz ohne Diashows oder Filmchen auskommen. Hoch-Zeiten für alle Dichter, Denker und Vortragenden (bitte weibliche Personen aus Gründen der Gendergerechtigkeit gedanklich einbeziehen!)    Weihnachtsfeiern ohne Ende! Wer jetzt als Redner nicht zum Zuge kommt, ist selber schuld. Bestimmt warten Familienmitglieder, Mitarbeiter, Kollegen, Ehrenamtliche und Freunde seit Wochen gespannt auf das rhetorische Ereignis.

Besonders anspruchsvoll ist natürlich selbst fabrizierte Lyrik. Als Vortragsort in Frage kommen besonders Veranstaltungen in Seniorenresidenzen. Nach einführenden Worten der Heimleitung »trägt unsere liebe Traudl wie in jedem Jahr« ein schönes langes Gedicht vor, das sie selbst verfasst hat. Nach etwa der fünfzehnten Strophe driftet das wehrlose Publikum geistig ermattet weg und kommt erst mit einem Ruck wieder zu sich, wenn das Streich-Quartett eine musikalische Einlage gibt. Geziemender Beifall. Die Dichterin schreitet bescheiden lächelnd zu ihrem Platz und nimmt das erwartete Lob der Heimleiterin entgegen: »Traudl, Du machst das immer so toll.«

Tja, was soll man dazu sagen. Überlassen wir es Friederike Kempner, seinerzeit bekannt als »der schlesische Schwan«. Sie kam 1836 in Opatow (Posen) zur Welt, blieb ihr Leben lang ein »Fräulein« und dichtete unablässig mit umwerfender, leider unfreiwilliger Komik. Sie wusste: »Die Poesie, die Poesie/Die Poesie hat immer Recht/Sie ist von höherer Natur/Von übermenschlichem Geschlecht./Und kränkt ihr sie und drückt ihr sie/Sie schimpfet nie, sie grollet nie/Sie legt sich in das grüne Moos,/ Beklagend ihr poetisch Loos.«

Es hilft nix: Bald ist Advent, die Weihnachtsfeiern nahen. In Abwandlung des alten Esso-Werbespruchs sagen wir heute: »Es gibt viel zu reden, hören wir`s an!«

Text: Brigitte Lemberger
Cartoon: Sebastian Haug