
Die Wirkung liegt weniger in großen Gesprächen als in den kleinen Momenten: ein kurzer Gruß, fünf Minuten Zuhören und das Gefühl, überhaupt wahrgenommen zu werden, das erfreut Menschen in der Anonymität der modernen Stadt, in denen Einsamkeit ein Problem geworden ist. Und zwar nicht nur Ältere.
Die Orte der Begegnung leuchten manchmal bunt bis hin zu Regenbogenfarben, meistens orientieren sie sich an dem, was man als Stadtmöbel kennt: Bänke zum Ausruhen oder Verweilen im öffentlichen Raum, gezimmert und auf die Füße gestellt nach den Vorgaben der jeweiligen Kommune, aber eben mit einem eindeutigen Zusatzhinweis: Fillebank, Quassel-Bank, Ratschbankerl, Schwätzbänkle oder hierzulande schlicht und einfach Plauderbank lautet dieser. Der Name ist Programm für ein, im Gegensatz zu den meist älteren Nutzern, vergleichsweise junges soziales Konzept: Die so gekennzeichnete Bank signalisiert, dass Menschen dort offen für ein Gespräch mit Fremden sind.
Entstanden ist das Plauderbank-Format 2018 in England. Als Initiator gilt der Brite Ashley Jones. Der Polizist ließ in Burnham-on-Sea die erste „Chat Bench“ aufstellen. Ziel war es, Einsamkeit und soziale Isolation im Alltag zu verringern. Von Großbritannien aus verbreitete sich die Idee schnell, zunächst in andere englischsprachige Länder wie Kanada und die USA, später auch nach Deutschland, Polen, Spanien oder sogar Jordanien und Katar. Besonders nach der Corona-Pandemie nahmen viele Kommunen das Konzept auf, weil Einsamkeit als Massenphänomen sichtbarer wurde.
Den Zusammenhalt stärken, das Miteinander fördern

Im Stadtpark Nürnberg freuen sich oben neben Seniorenamtsleiterin Anja-Maria Käßer (links), Georg Reif (Magazin 6+60) und Christian Vogel, damals noch 3. Bürgermeister der Stadt, Bankpatin Lisa Baumgartl (unten rechts) sowie Gabi Penzkofer-Röhrl, ebenfalls Magazin 6+60, über den neuen Treffpunkt.

Start für die Plauderbank im Stadtpark Schwabach: Rechts hinten Georg Reif mit Stadtrechtsrat Knut Engelbrecht, unten links Doris Weigand, Amt für Senioren und Soziales und Sabine Wehrer, Leiterin des Amtes in Schwabach.

Einweihung der Plauderbank Forchheim im April mit der damals noch amtierenden 3. Bürgermeisterin Dr. Annette Prechtel und Georg Reif.
In Deutschland entstanden ab etwa 2020 zahlreiche lokale Projekte, etwa in Oldenburg, Ettlingen, Heidelberg, Berlin, Rostock, Regensburg, Landau und natürlich auch in Nürnberg und seinen Nachbarstädten. Maßgeblich beteiligt ist hier inzwischen der Verein zur Förderung des Dialogs der Generationen, der das Magazin sechs&sechzig herausgibt. Er setzt sich dafür ein, dass ältere Menschen leichter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, eine Plauderbank ist dafür ein guter Katalysator. Für Georg Reif, den Vorstandsvorsitzenden des Vereins und seine Mitstreiter ist dieses Engagement ein Baustein ihrer Arbeit für eine lebenswerte Stadtgesellschaft: „Einsamkeit ist eine Herausforderung, die viele Menschen betrifft. Umso wichtiger sind Angebote im öffentlichen Raum, die Begegnung ermöglichen. Die Plauderbänke sind ein einfaches, aber wirkungsvolles Instrument, um Menschen zusammenzubringen, den Zusammenhalt zu stärken und das Miteinander aktiv zu fördern.“
Der Bedarf ist unzweifelhaft da, viele Seniorinnen und Senioren leiden heute im Laufe des Älterwerdens unter Einsamkeit. Die Kinder sind aus dem Haus, Familie wird nicht mehr so großgeschrieben. Die Freunde sind weniger geworden, Kollegen und Kolleginnen trifft man nach der Rente nicht mehr täglich am Arbeitsplatz. Und die spontanen Begegnungen, ob im Urlaub oder in der Freizeit nehmen aufgrund der einen oder anderen Einschränkung ab.
Für ein paar nicht alltäglich Lichtblicke im Alltag, die sonst nie stattgefunden hätten, kann da eine Plauderbank sorgen. Initiatoren berichten, dass Menschen dort plötzlich über Alltägliches, persönliche Lebensgeschichten oder Sorgen ins Gespräch kamen, und zwar zwischen Generationen und sozialen Gruppen, die sonst kaum Kontakt hatten. Manchmal wird auch etwas nachgeholfen. In Bocholt etwa ist die Plauderbank Teil einer Initiative gegen Einsamkeit. Freiwillige setzen sich bewusst auf die Bänke, um ansprechbar zu sein. Manche Besucher kommen regelmäßig nur für ein kurzes Gespräch und ein offenes Ohr.
Begegnungen zwischen den Generationen finden statt
Pate hierfür stand die Friendship Bench aus Simbabwe, quasi die Urmutter der Plauderbank. Der Psychiater Dixon Chibanda entwickelte dort bereits 2006 ein Modell, bei dem eigens geschulte ältere Menschen, liebevoll Großmütter und -väter getauft, auf den Bänken Gespräche mit psychisch belasteten Personen führen. Das Konzept wurde international bekannt. Warum, zeigt die Forschung zu seinem Modell: Studien stellten deutliche Verbesserungen bei Leiden wie Depressionen und Lebensqualität fest. Experten aus Sozialpsychologie, Stadtsoziologie und Gesundheitswissenschaft betonen heute gleich mehrere positive Aspekte des spontanen Austauschs: Schon kurze soziale Kontakte können Wohlbefinden und Zugehörigkeitsgefühl stärken, es finden Begegnungen zwischen den Generationen statt, öffentliche Plätze werden belebt und so Vertrauen und gesellschaftlicher Zusammenhalt gestärkt. Und niedrigschwellige Angebote wie die Plauderbank funktionieren halt oft besser als formelle Beratungsangebote, weil sie weniger Einstiegshürden haben.
Der Bedarf ist da, denn viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass Einsamkeit gesundheitliche Risiken birgt, vergleichbar mit chronischem Stress. Plauderbänke gelten als kleine, aber sinnvolle präventive Maßnahme, quasi als „Türöffner“: Sie ersetzen keine Sozialarbeit, können aber Begegnungen erleichtern. Aber sie müssen, auch in den Augen von Georg Reif, gepflegt und begleitet werden von weiteren Aktivitäten, denn eine Plauderbank macht noch keinen Sommer. Das Zauberwort heißt attraktives Umfeld: „Unsere Plauderbänke werden aktiv von Seniorennetzwerken begleitet, die mit ihrem Engagement dafür sorgen, dass sie zu Treffpunkten der Generationen werden.“ Der Kommunikations-Soziologe Oliver Langewitz würde das sofort unterstreichen, er sieht es außerdem auch als Aufgabe von Kommunen, solche inklusiven Hotspots zu fördern. Und das vor allem nachhaltig durch begleitende kulturelle und soziale Angebote oder Anker-Events, die sich auch Reif rund um die gespendeten Plauderbänke wünscht.
Bankpaten sind immer willkommen
In Nürnberg und Umgebung wurden vom Verein zur Förderung des Dialogs der Generationen inzwischen sieben solche Hotspots in Kooperation mit dem städtischen Seniorenamt sowie SÖR (städtischer Servicebetrieb öffentlicher Raum) ermöglicht: auf dem Sebalder Platz, in der Gostenhofer Veit-Stoß-Anlage, im Stadtpark am Neptunbrunnen, in Johannis hinter dem Kinder- & Jugendhaus Wiese 69 beim Westbad und am Marktplatz in Forchheim sowie im unteren Stadtpark in Schwabach. In Zabo entsteht bereits die nächste Plauderbank. In der Nürnberger Südstadt tourt außerdem die mobile Plauderbank der AWO an wechselnden Standorten.
Bankpaten, also aktive Plauderer und Ideengeber, sind immer und überall willkommen, Vorschläge für Türöffner-Events ebenfalls. Und ein Standort-Problem wie manche Engländer haben die Franken dabei an zum Plaudern einladenden Sommertagen Gott sei Dank nicht. Im britischen Sussex wurden die Bänke nämlich aufgrund des berüchtigten englischen (Dauer-)Regens erst gar nicht im Freien aufgestellt, sondern mussten in Büchereien, öffentlichen Gebäuden oder Kirchengeländen Unterschlupf finden.
Infos und Kontakt
Wenn Sie als Ideengeber oder Eventpartner im Umfeld unserer Plauderbänke mitwirken wollen, wenden Sie sich einfach mit einer kurzen Beschreibung Ihres Beitrags an buero@magazin66.de.
Mehr Informationen zum Thema Einsamkeit und Unterstützungsangebote finden Sie z.B. unter https://kompetenznetz-einsamkeit.de.




