In einer Erhebung des Seniorenamts der Stadt Nürnberg gaben 12,7 Prozent der Befragten an, sich einsam oder eher einsam zu fühlen. Das war im Jahr 2019. Mit dem Lockdown in der Corona-Pandemie dürfte der ohnehin schon hohe Wert noch gestiegen sein. Was machen die Einschränkungen der direkten Kontakte mit nicht mehr ganz jungen Menschen? Welche Strategien haben sie entwickelt, damit umzugehen?

»Manche haben tiefe Verlustgefühle, so als sei der Partner gerade gestorben und habe sie allein in der vertrauten Wohnung zurückgelassen«, erzählt Dr. Sia Kissel-Ure. Die Nürnberger Psychotherapeutin, gebürtige Österreicherin, erlebt unerwartete Entwicklungen: Bei einer Patientin sollte die Therapie eigentlich auslaufen. Doch anstelle eines monatlichen Termins musste sie zu wöchentlichen Gesprächen zurückkehren, weil die Frau mehr litt. »Es sind Angst und Hilflosigkeit, die manche Menschen in Depressionen stürzen«, weiß die Therapeutin.

Andere wiederum können mit dem Lockdown gut umgehen. Sie telefonieren, um Kontakte zu halten, oder sie haben sich an Videokonferenzen gewöhnt, damit sie ihre Familien wenigstens virtuell sehen können. Der Sohn oder Enkel installiert die Apps auf ihrem Computer, und schon öffnet sich eine neue Welt. »Manche hatten vorher Bedenken und sind dann ganz überrascht, wie nah man sich über Zoom oder Skype sein kann.« Sia Kissel-Ure selbst und ihre beiden Kolleginnen von der Praxisgemeinschaft in der Breiten Gasse haben seit Wochen größtenteils umgeschaltet auf Videogespräche. »Auch für mich ist das eine neue Entdeckung. Mit einer Patientin bin ich virtuell durch die ganze Wohnung gegangen, und sie hat mich ihrer Katze vorgestellt.«

Aktiv gegen die Melancholie

Ruth fotografiert gerne Blumen. Das hilft ihr über vieles hinweg.

Das beste Mittel gegen Depressionen sei oft die Aktivierung. So hilft es beispielsweise, mit einem sympathischen Menschen spazieren zu gehen oder mit einem anderen zusammen zu fotografieren. Der Zugriff auf innere Ressourcen, die Halt geben, ist für die Psychotherapeutin Dr. Karin Mirgel ist der Dreh- und Angelpunkt. Wer darauf nicht zurückgreifen kann, etwa weil sie verschüttet sind, gerät leichter in eine persönliche Krise. Mirgel berichtet von einer Patientin, die ihren Job in der Covid-Krise verloren und sehr unter dem Gefühl der Einsamkeit gelitten hat, da die persönlichen beruflichen und privaten Kontakte, die dieses Gefühl kompensieren könnten, sehr reduziert sind. Glücklicher dran seien jene Menschen, die Zugang zu ihren inneren Kraftquellen haben. Verschlechtern sich plötzlich die Lebensumstände, meistert diese Gruppe die schwierige Zeit meist besser.

Der Nürnbergin Priska Bartke gelingt das ganz offenbar recht gut. Vielleicht ist das auch eine Typfrage. »Jammern ist nicht meine Sache«, stellt sie gleich beim ersten Gespräch klar. Ihre Lebensphilosophie: »Ich sehe das Glas halb voll, nicht halb leer.« Beim ersten Lockdown mit all der Verunsicherung und dem Unwissen um das Virus allerdings sei es ihr nicht so prächtig gegangen. Anders heute. »Im Moment fühle ich mich ausgeglichen und freue mich an dem, was ich kann«, erklärt die 62-Jährige. Die Freude kommt auch vom regelmäßigen Spielen mit ihren Enkelkindern. »Zu erleben, wie sie immer mehr sprechen, singen und hüpfen können, gibt mir unglaublich viel Kraft.«

Überhaupt fühlt sie sich voll eingebunden in das Familienleben ihrer fünf Kinder, außerdem hilft sie oft ihrem allein lebenen Vater. So sei sie auf gute Weise beschäftigt und gefordert. Und das Wichtigste: »Ich habe einen gesunden Umgang mit mir selbst gefunden, habe mir eine Resilienz aufgebaut, die mich schützt, und meine Dankbarkeit geschult.« Nach schweren Krankheiten und Operationen hat sie gelernt, sich zu fragen: »Was ist mir wichtig in meinem Leben?«

Gerade bei Singles verändere sich das Krankheitsbild, berichtet Christine Greiff. Die Physiotherapeutin und Supervisorin lehrt Menschen etwa mit Rückenproblemen spezifische Übungen, die die Beweglichkeit erhöhen und schmerzhafte Verspannungen lindern. »Mir fällt auf, dass seit Dezember mehr Patienten mit psychosomatischen Beschwerden zu mir kommen.« Das äußert sich durchaus erschreckend: »Ich berühre eine Patientin für die Behandlung, und sie bricht in Tränen aus.« Was früher selten passierte, häufe sich in der Corona-Krise. Im April 2020 stellte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fest: »Betrachtet man die unterschiedlichen Altersgruppen, zeigt sich: Fast alle sind während des Lockdowns einsamer als in den Vorjahren. Aber besonders einsam sind die Menschen unter 30 Jahren.«

Dazu passt eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Im Sommer 2020 kam dabei heraus, dass sich Ältere nicht stärker von Covid 19 bedroht fühlten als Menschen mittleren Alters. »Möglicherweise hilft älteren Menschen ihre Lebens- und Krisenerfahrung, um auch diese Pandemie einzuordnen und zu bewältigen.« Auf das Lebensgefühl von Barbara Dahl (77) trifft das zu. »Ich lasse mir das Leben durch Corona nicht versalzen«, sagt sie. Ebenso wenig schüchtern sie die »staatlichen Direktiven« in der Pandemie ein. Seit Anfang Februar ist sie überdies »voll gefordert« mit dem Homeschooling ihres jüngsten Enkels. »Dafür muss ich morgens um acht auf der Matte stehen.« Die übrige Zeit verbringt sie mit Spazierengehen und lesen. »Für Depressionen habe ich keine Zeit.«

Was Einsamkeit generell anrichten kann, hat auch die Hirnforschung auf den Plan gerufen. Professor Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler und Psychiater aus Ulm hält Einsamkeit für einen erheblichen Risikofaktor. Sie verursache chronische Schmerzen, begünstige Krankheiten von Erkältungen über Depression und Demenz bis hin zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und Krebs. »Aufklärung ist immer der erste Schritt zur Veränderung«, sagt Spitzer, »und daher auch zur Beantwortung der Frage, was uns gut tut.«

Text: Angela Giese / Fotos: Kat Pfeiffer