Hello All,

die Corona- Klausur bietet mir Zeit satt, um  Alben, Do-It-Yourself-Kalender, Fotokartons, Negative, Dias, Speicherkarten und CDs zu sichten und einer Triage zu unterwerfen. Fotos in akzeptabler Bildqualität mit mir bekannten Menschen oder Situationen kommen in die A- Gruppe „behalten“.  Sie dürfen vorläufig im gewohnten Milieu weiter schlummern. Die besten daraus will ich scannen; vielleicht in Fotobücher thematisch neu anordnen und kommentieren. Diese Bilder machen mir Freude.

In die zweite Kategorie wandern die viel zu vielen Fotos, die ich nicht zuordnen kann; weil Namen, Ort, Anlass oder Datum fehlen.  In dieselbe Kategorie „B“ fallen Fotos, die fast identisch sind oder solche, die ich mit PhotoShop nachbearbeiten sollte. Sie machen in erster Linie Arbeit, wobei mir unklar bleibt, ob sich der Aufwand lohnt.

In die dritte, C-Kategorie, sortiere ich neben Bilderschrott auch alte Fotos und Alben, aus denen längst Dahingegangene in die Kamera schauen. Bei manchen dieser Schwarz-weiß-Fotos steht auf der Rückseite in akkurater Schönschrift ein Hinweis auf Menschen und Begebenheiten, die mir nichts mehr sagen. Und meinen Kindern und Enkel dann wohl auch nicht. Weg damit.

Weg damit, aber wie? Aus sentimentalen Gründen würde ich sie, diskret verhüllt, im Altpapiercontainer versenken: so im Sinne von alt zu alt. Entsorgungstechnisch gesehen sind Fotos und Alben jedoch „Restmüll“.  Den empfinde ich angesichts meiner abgebildeten Vorfahren als pietätlose Ruhestätte. Fotos hat man damals nicht einfach mal so runter geknipst. Da sind herausragende Anlässe festgehalten; mit Profis am Auslöser. Fotos waren rar und wertvoll; und dann diese disziplinierten Handschriften in Reih und Tinte! Ich habe weder genügend Zynismus und Mumm, so etwas zusammen mit muffig riechendem Haushaltsmüll in die graue Tonne zu werfen. Selbst wenn ich die Alben und Bilder verpacken würde, um ihnen den direkten Kontakt zur unappetitlichen Nachbarschaft zu ersparen, bis sie gemeinsam in der Müllverbrennungsanlage in Rauch aufgehen. Asche zu Asche…

Ich denke über einen robusten Papierreißwolf nach. Manche der Pappen sind zäh. Und wegen der Anonymität. Die Abbilder mutmaßlicher Angehöriger zu schreddern mutet mich an wie deren Folter vor der Vollstreckung.  Das schaffe ich nicht.

Bleibt mir die Vermeidung. Indem ich alles aus der „C“-Kategorie in adrette Kartons verstaue, diese beschrifte und erneut unauffällig einlagere.  Soll doch eines Tages die nächste Generation über das Schicksal der alten Sachen entscheiden. Denen mag es dann ähnlich wie mir derzeit ergehen.

Ich habe noch einen Vorschlag. Er beruht auf einer Idee des katalonischen Autors Carlos Ruiz Zafón. In einigen seiner Romane* ziehen sich die verfolgten Protagonisten in ein mysteriöses Haus in Barcelonas Altstadt zurück, das in seinem geheimen Inneren einen „Friedhof der vergessenen Bücher“ verbirgt. Eine riesige Bibliothek, die ungelesenen, verbotenen, unverlegten und vergessenen Büchern ein angemessenes Lager bietet. Zugänglich nur für die Eingeweihten, die solche Schätze zu würdigen wissen.

Nur allzu gern würde ich all jene Fotos und Alben, die ich zu entsorgen zu feige bin, zu einem „Friedhof der vergessenen Fotos“ bringen. Pietätvoll übergeben, dort von kundiger Hand archiviert, sicher verwahrt und, wer weiß, eines Tages von unbekannten Connaisseurs geschätzt.  Ein verschwiegenes, aber nicht verschollenes Endlager. Müsste ja nicht in Barcelona sein. Wie wäre es mit Gorleben oder mit einem stillgelegten Kreuzfahrtschiff?

Ihr Global Oldie

*Z.B. „Der Schatten der Winde“ oder „Das Spiel des Engels“