Sabine Seide, Jazz- und Popsängerin: “Was wir seit dem Frühjahr erleben, bedeutet für uns Musiker Enteignung durch Berufsverbot.”

Sein Video-Weckruf ging viral um die digitale Welt: Der Jazzmusiker Till Brönner hat eine Wutrede zur Zwangspause für viele Künstler gehalten. »Wenn ein gesamter Berufszweig per Gesetz gezwungen wird, seine Arbeit zum Schutze der Allgemeinheit ruhen zu lassen, dann muss doch die Allgemeinheit dafür sorgen, dass die Menschen nach Corona noch da sind«, sagte der Trompeter. Denn viele stünden unmittelbar vor dem Bankrott. »Wir sind keine kleine Minderheit. Und es geht hier nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um Geld.« Einmal drei Tage ohne Musik im Radio – dann würden die Menschen verstehen, wie wichtig die Kultur ist. 

Wir haben Musiker und bildende Künstler gefragt, wie sie nach der Abstinenz ihre Wiederauftritte empfunden haben – ebenso haben wir mit Besuchern von Live-Veranstaltungen gesprochen. Der zweite Lockdown nun hat das Kulturleben erneut durchein­ander gebracht. Künstler und Publikum brauchen einander und empfinden die Zwangspause als große Belastung. Den einen fehlen Einnahmen, den anderen ein Lebenselexier.

»Enteignung durch Berufsverbot«

Sabine Seide, Jazz- und Popsängerin: »Was wir seit dem Frühjahr erleben, bedeutet für uns Musiker Enteignung durch Berufsverbot. Wir vom Trio Dreiklang hatten genau zwei Konzerte seitdem: Eines im Zeltner Schloss im Sommer und eines am 25.10. im DB Museum. Und auch um dieses habe ich bis zuletzt gezittert: Werden wir wirklich auftreten dürfen? Ansonsten wurden alle Auftritte abgesagt, vom Firmenevent über private Geburtstagsfeiern und Eröffnungsfeiern von Einkaufszentren bis hin zu Vernissagen. Viele von uns, die Musik studiert haben, geben gleichzeitig Unterricht als zweites Standbein. In meinem Fall hatte ich den Unterricht an Musikschulen heruntergefahren, weil die Gigs immer mehr zunahmen und ich zu wenig Zeit für Schüler hatte. Das Unterrichten lässt sich aber nicht flugs wieder hochfahren. Unterm Strich verdiene ich seit acht Monaten nur fünf Prozent von dem, was in normalen Jahren rumkommt. Ich würde mir wünschen, dass sich die Stadt Nürnberg finanziell mehr ins Zeug legt für ihre Künstler.«

Konzertbesucherin Christina Maier-Hofer, Lehrerin: »Ich vermisse die Kunst sehr. Normalerweise gehe ich auch gerne in die Oper und ins Theater. Seit März leider nicht mehr. Umso mehr finde ich es total schön, heute wieder Sabine und ihr Trio Dreiklang hören zu dürfen. Schon zum zweiten Mal, denn ich war auch im Zeltner Schloss dabei. Ich kenne Sabine, sie schickt mir immer ihre Auftrittstermine. Daher weiß ich auch, dass die Kulturschaffenden selbst ihre Live-Auftritte sehr vermissen. Dieser Rahmen mit den riesigen Abständen ist nicht so angenehm. Zumal wir heute zu Fünft hier sind. Wir sitzen alle einzeln, weit auseinander. Da kann man nicht so ausgelassen sein. Überhaupt fehlt mir die Spontanität, kurzentschlossen zu einer Veranstaltung zu gehen. Das Online-Reservieren im Voraus nervt. Uns allen ist mit Corona die Unbekümmertheit völlig abhanden gekommen.«

»Ich fühlte mich wie in der Mausefalle«

Stefan Grasse, Gitarrist: “Ich fühlte mich wie in der Mausefalle.”

Stefan Grasse, Gitarrist: »Vor einem guten Jahr war ich mir bombensicher: 2020 wird das erfolgreichste Jahr in meiner ganzen Musiker-Laufbahn. Und es begann ja auch gut. Es fühlte sich wunderbar an: Auslandskonzerte in Spanien, Italien, Israel, Polen und Ungarn, das Zugticket nach Budapest hatte ich schon in der Tasche. Noch am 7. März hatte ich mit ›Liedern zur Revolution‹ ein ausverkauftes Konzert, zusammen mit Bettina Ostermeier und Elke Wollmann. Dann eine Woche später die Katastrophe. Die Gesamtbilanz: Von 88 fest gebuchten Konzerten fielen 57 ins Wasser. Ich fühlte mich wie in der Mausefalle. Anstatt die Welt zu bereisen, hockte ich allein in meiner Wohnung. Eine richtige Pause entstand trotzdem nicht. Ich habe viel auf meinen Gitarren geübt von Klassik bis Latin Jazz und komponiert, zusätzlich 800 Seiten mit Noten veröffentlicht. Hinzu kam das Beantragen von Hilfen, da muss man ja erst einmal durchblicken. Im Grunde habe ich mehr gearbeitet als sonst.

Mein Glück war, dass ich lange schon einen eigenen Online-Shop unterhalte. Ich traf auf eine Welle der Solidarität, meine Fans bestellten wie verrückt, manche gleich 20 CDs auf einmal. Ab Juni liefen Präsenz-Konzerte dann wieder super, oft allerdings, ohne dass daran was verdient war. Wenn nur ein Viertel der Besucher zugelassen ist, schrumpfen meine Einnahmen entsprechend. Und manches ist ehrenamtlich, etwa die musikalischen Abendgottesdienste, die einige Pfarrerinnen und Pfarrer angeregt hatten. Ich fand es vor allem sehr bewegend, endlich wieder auftreten zu können wie in der Friedenskirche am 6. Juni und am 11. Juni in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche. Die wenigen verfügbaren Plätze waren markiert.

Das Wort ausverkauft bekam auch bei anderen Konzerten eine vollkommen neue Bedeutung. Egal, auch in luftiger Reihung zeigten sich die Zuhörer dankbar für das gemeinsame Erleben von Musik. Kultur ist ja Ausdruck menschlichen Daseins. Ein bisschen fürchte ich das erste Vierteljahr 2021, dafür ist das Booking fast zum Erliegen gekommen. Die Veranstalter besetzen vorrangig Nachholtermine von verschobenen Konzerten. Auch viele Agenturen wissen nicht, ob es sie 2021 noch geben wird. Sie machen wie ich jeden Monat Verluste. Aber was soll ich sagen: Hätte ich Angst vor dem Risiko, wäre ich nie Berufsmusiker geworden.

Kulturfan Kat Pfeiffer, FotografinDas Konzert war für mich ein besonderes Erlebnis. In der Zeit des Lockdowns war ich ständig alleine zu Hause und habe leider nur Musik aus der Box gehört. Die Live-Musik, vor allem Jazz, ist Bestandteil meines Lebens. Ohne an dem Musikgeschehen live teilnehmen zu können, ist die Sache für mich wie Atmen ohne Sauerstoff. Das Konzert von Stefan Grasse hat mir den Atem zurückgebracht. 

Es war freilich nicht dasselbe, wie das, was ich von Vor-der-Pest-Zeit kannte. Die Leute saßen weit voneinander entfernt, alle maskiert, die Musik klang für mich einsam, auch wenn sie wunderschön war. Mir haben die Nähe zu Anderen und die Interaktion gefehlt. Ein Konzert ist die ganze Magie dessen, was Musik mit Zuhörern und dem Raum macht – dazu gehört, was im Dialog als Antwort zurückkommt. Das ist die Dynamik des Lebens allgemein.

Stefan ist ein vielseitiger Musiker, ein echt feiner Gitarrist, und die Musik an diesem Abend war herrlich. Wie eine Reise fühlten sich die Bossa Novas aus Copacabana, Tangos aus Buenos Aires, die Boleros aus Havanna und der Flamenco aus Andalusien an. Auch etwas von Johann Sebastian Bach hat er gespielt. Hört sich unjazzig an? Ganz im Gegenteil. Bachs Dur- und Molltonleiter leben doch im modernen Jazz weiter. Ich liebe Bach!

»Ich blickte in glückliche Gesichter«

Hadi Alizadeh: “Ich habe die Zeit genutzt, um ein Buch mit 220 Seiten zu vollenden über Rhythmen aus vielen Kulturen.”

Hadi Alizadeh, Handtrommel-Spieler und Musiklehrer: »Mir haben die Auftritte sehr gutgetan. Atmosphärisch war es in den Sommermonaten schon anders als vorher ohne die riesigen Abstände. Sonst tuscheln die Zuhörer mehr miteinander und jubeln gemeinsam. Doch ich blickte in glückliche Gesichter, alle zeigten sich froh, endlich wieder ein Live-Konzert zu erleben. Das Publikum gibt mir Energie, auch deshalb bin ich ein absoluter Konzertmensch. Zumal ich jedes Mal einen Musikerfreund oder eine –freundin einlade, in diesem Fall ›Kamerun trifft Iran‹. Jeder zeigt seine eigene Kultur, das ist immer eine Herausforderung für mich, auf verschiedene Akzente einzugehen. Und ein Lernprozess: Wir lernen voneinander, am Ende fühlt sich jeder bereichert. Ich habe ja auf der Bühne erzählt, wie wichtig mir die Musik schon von Kindesbeinen an war. Jede Woche fuhr ich mit dem Bus nach Teheran zum Musikunterricht. 14 Stunden hin, 14 Stunden zurück.

Vielleicht liegt es an diesem starken Willen, dass ich mich in den ereignislosen Monaten gar nicht gelangweilt habe. Ich habe die Zeit genutzt, um ein Buch mit 220 Seiten zu vollenden über Rhythmen aus vielen Kulturen. Ich werde es bald vorstellen. Zwei weitere Bücher sind in Planung. Die Musikschule, an der ich sechs Wochenstunden unterrichte, hat mir mit den Konzerten und obendrein mit Workshops sehr geholfen. Ein Workshop war nach vier Stunden ausgebucht – toller Erfolg. Allerdings tut es mir sehr weh, dass momentan viele meiner Konzerte in ganz Deutschland abgesagt wurden. Ein bisschen mehr Unterstützung vom städtischen Amt für Kultur und Freizeit könnte mir helfen.«

Konzertbesucher Gerd Fischer, Rentner: »Meine Partnerin und ich hatten monatelang keine Kulturveranstaltungen mehr besucht und dann, bei Hadis Open-Air-Konzert auf AEG am 17. Juli, empfand ich es als überaus beglückendes Gefühl, als eine Öffnung der Wahrnehmung, eine seelische und körperliche Explosion. Dass die Zuschauerreihen so luftig waren, hat mich nicht gestört, auch nicht, dass jeder einzeln zur Toilette geführt wurde. Ist ja notwendig. Das Schönste war, dem gebürtigen Iraner und Percussionisten Hadi Alizadeh auf Tonbak und Daf, den zentralen Trommelinstrumenten der traditionellen persischen ­Volksmusik, und seinem Kollegen, dem aus Kamerun stammenden Sänger, Multi­instrumentalisten, Komponisten und Erzähler Njami Sitson, zuzuhören. Und zwar zusammen mit anderen Menschen, die sich auch für ferne Kulturen begeistern. So entstand ein Gemeinschaftsgefühl, das mir so gefehlt hatte. Das genaue Gegenteil erlebten wir nach Wiedereröffnung im Kino – wir zwei hatten den Saal für uns alleine, da fühlt man sich schrecklich einsam.«

Konzertbesucherin Ilse Wangerin, Rentnerin: »Ich bin heute noch begeistert, wie toll Hadi mit dem Publikum und seinem Musikerkollegen mit Blicken und Worten kommuniziert hat. Die coronabedingten Einschränkungen waren mir nur recht, die Musikschule hat das wunderbar organisiert. In einen Konzertsaal hätte ich mich zu dem Zeitpunkt nicht gewagt. Ich wünsche mir trotzdem, dass solcherart Veranstaltungen im Winter fortgeführt werden. Dazu müsste die Stadt Nürnberg ihre größeren Säle öffnen, wobei der Löwenanteil der Einnahmen an die Künstler weitergegeben werden sollte. Wie sonst sollen sie überleben? Es ist schon ein Wunder, wie Künstler diese lange Krise bisher durchgestanden haben. Wir dürfen sie in der Not nicht alleine lassen.«

»Ich habe freie Bahn für die Kunst«

Azita Sheshbolouki: Corona hat für mich einerseits positiv bedeutet, dass ich freie Bahn für meine Kunst habe. Andererseits fehlen mir die kleinen Jobs, die mir Geld brachten für Farben und Leinwand.

Azita Sheshbolouki, Malerin: »Ich stamme aus einer Künstlerfamilie. Meine Mutter ist Sängerin, doch Frauen dürfen im Iran nicht allein auftreten. Meine Tochter ist Fotografin, ich habe sie acht Jahre lang nicht gesehen. Das schmerzt mich, auch wenn wir täglich über WhatsApp Kontakt halten. Ich habe viele schlechte Erinnerungen an den Iran, auf der Straße musste ich jede Sekunde um Leib und Leben bangen. Denn ich war bekannt als Frauenrechtlerin, war auf Demos dabei. Dabei verprügelte mich die Polizei, einmal brach mir ein Polizist das Handgelenk. Dann wurde es für mich lebensgefährlich. Freunde warnten mich vor einer baldigen Verhaftung.

Vor dieser Gefahr bin ich vor neun Jahren nach Deutschland geflüchtet. Anfangs ging es mir hier nicht so gut, musste Gewalterfahrungen verkraften. Seit einiger Zeit aber erlebe ich einen Schub an Schaffenskraft und freue mich schon am Morgen, noch vor dem Aufstehen, auf ein unfertiges Werk, das auf Vollendung wartet. Corona hat für mich einerseits positiv bedeutet, dass ich freie Bahn für meine Kunst habe. Andererseits fehlen mir die kleinen Jobs, die mir Geld brachten für Farben und Leinwand. Mein größter Wunsch wäre ein Atelier außerhalb, vielleicht mit anderen Künstlern zusammen.«

Protokolle: Angela Giese
Fotos: Kat Pfeiffer (3), Gerd Grimm (1)