Der leitende Oberarzt Lars Eden zeigt am Modell die Rotatorenmanschette.

Wenn die Nachtruhe gestört ist, weil man nicht richtig liegen kann, oder man die Töpfe in der ­Küche vom obersten Fach nach unten räumt, um sich nicht so strecken zu müssen, dann sollte man dies nicht auf die sprichwörtlich leichte Schulter nehmen. Denn das Schultergelenk ist im Alter störanfälliger als der Laie denkt. Das wissen die Experten der Schulter- und Ellenbogenklinik am Krankenhaus Rummelsberg: Chefarzt Prof. Dr. Richard Stangl und der leitende Oberarzt Dr. Lars Eden führen in der zertifizierten Schulterklinik jährlich rund 400 minimalinvasive Eingriffe an der Schulter durch und etwa 200 in offener Technik. Beide Methoden haben ihre Stärken. Die beiden Spezialisten geben Antwort auf die häufigsten Fragen rund um die Behandlung des ebenso komplizierten wie wichtigen Gelenks.

Welche wichtigen Funktionen übernimmt die Schulter und warum ist ihr Aufbau so kompliziert?

Die Bewegung der Schulter ist ein komplexes Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Strukturen. Das Schultergelenk ist kraft- und nicht formschlüssig und daher verletzungsanfällig. Das ist der Preis für das sehr hohe Bewegungsausmaß. Es gibt Haupt-und Nebengelenke, die an einer freien Beweglichkeit beteiligt sind. Häufig übersehen wird zum Beispiel das Nebengelenk zwischen Brustwand und Schulterblatt. Sollte es hier zu Verklebungen kommen, ist allein deswegen schon ein Armheben über 90° nicht mehr problemlos möglich. Man muss also bei der Analyse an sehr viele verschiedene Strukturen denken.

Was für diagnostische Methoden wenden Sie an und warum?

Die klinische Untersuchung ist sehr wichtig. Wir machen zahlreiche Tests, die die Strukturen der Schulter gezielt untersuchen. Hierfür ist allerdings sehr viel Erfahrung nötig, da Ausweichbewegungen die Tests verfälschen können. Als apparative Diagnostik spielen Röntgen, Ultraschall, MRT- und CT-Untersuchungen eine wichtige Rolle. Nicht alle Patienten brauchen alles, aber Röntgen und MRT stellen Basisuntersuchungen für nahezu alle Patienten dar. Das Röntgenbild zeigt den Knochen am besten, das MRT die Weichteile wie zum Beispiel die Rotatorenmanschette.

Gibt es auch Befunde, bei denen eine Operation nicht empfehlenswert ist?

Ja, wenn man zum Beispiel an Patienten denkt, die durch angeborene Bindegewebsschwächen das Schultergelenk willkürlich und unwillkürlich in alle verschiedenen Richtungen ausrenken können. Da sind operative Stabilisierungsmethoden wenig erfolgversprechend. Das sind Erkrankungen, die vor allem durch eine intensive Physiotherapie zu behandeln sind.

Hat der Patient bei einem minimalinvasiven Eingriff große Vorteile gegenüber der sonst üblichen Methode?

Definitiv ergeben sich dadurch häufig Vorteile – eine erfolgreiche, korrekt indizierte Operation vorausgesetzt. Durch den minimalinvasiven Eingriff ergeben sich für den Patient kleinere Narben, schnellere Regenerationszeiten, ein geringeres Infektionsrisiko und weniger Schmerzen postoperativ. Allerdings gilt es stets, Minimalinvasivität, Zeitdauer des Eingriffes und Güte der anatomischen Rekonstruktion zu beachten. Es gibt auch minimalinvasive Eingriffe, die mit einer erhöhten Komplikationsrate einhergehen, zum Beispiel bestimmte knöcherne Stabilisierungsoperationen.

Warum wird die minimalinvasive Operation an der Schulter von Krankenhäusern so selten angeboten?

Die Zahlen sind durchaus zunehmend. Eine Arthroskopie zu Beginn der Operation ist flächendeckend üblich. Ob die Rotatorenmanschette zum Beispiel arthroskopisch genäht wird, kann von vielen Faktoren abhängen. Sicher ist einer die Erfahrung und die Vorliebe des Operateurs, weil sich davon auch die Dauer der Operation ableiten lässt. Wissenschaftlich fundierte Vorteile bestehen für die Stabilisierungsoperation nach Schulterluxation mit arthroskopischer Gelenklippenrefixation und die Vergrößerung des Raums unter dem Schulterdach bei Impingementsyndrom (Engesyndrom). Rotatorenmanschettenrekonstruktionen können über arthroskopische Techniken und je nach Risstyp auch über minimal offene Zugänge versorgt werden. Am Krankenhaus Rummelsberg bieten wir auch eine minimalinvasive Technik der Schulterprothesenimplantation über einen muskelschonenden Zugang an. Wir sind davon überzeugt, dass die Patienten durch diese sehr muskelschonende Technik eine schnellere Rehabilitation bei sehr guter anatomischer Rekonstruktion erzielen.

Durch den E-Bike-Boom und die im Trend liegende Radbegeisterung steigen doch sicher die Fallzahlen spürbar an. Wie ist Ihre Erfahrung?

Bei E-Bikes liegen noch keine validen Zahlen vor. Der Eindruck verstärkt sich, dass die Quote an Schlüsselbeinbrüchen bei E-Bike-Fahrern erhöht ist. Deswegen wäre ein Übungskurs vorher sinnvoll. Denn die Krafteinwirkung kann auf einen anderen Faktor treffen, zum Beispiel eine Osteoporose, und dann bricht der Knochen leichter. Oder die Sehnen reißen schneller als bei Jüngeren. Manchmal reicht eine dumme Bewegung des Arms aus, und es kommt zu einer Verletzung. Viele Menschen ab 50 haben erste Risse in der Rotatorenmanschette.

Finden sich nicht viele Menschen mit Schmerzen bei Bewegungen ab und schieben sie auf das Alter?

Vielleicht ist es aber doch kein Schicksal, und man könnte es mit einer relativ kleinen Operation bzw. Eingriff beheben. Das sollte man unbedingt abklären.

Wohin geht die Entwicklung in Ihrer Fachdisziplin?

Ein großer Teil beschäftigt sich mit der Frage, wie Defekte biologisch geheilt werden können, was man auch als »Tissue engineering« bezeichnet. Dabei geht es zum Beispiel um Knorpelauf- und -abbau. Da – und auch bei vielen anderen Fragestellungen – wird in Zukunft wahrscheinlich der 3D-Drucker eine große Rolle spielen. Bereits Anwendung findet der sogenannte In-Space-Ballon. Diese spannende und schonende Methode wird zur Stabilisierung des Gelenks bei nicht rekonstruierbarer Rotatorenmanschette eingesetzt. In dem Ballon ist eine Kochsalzlösung eingespritzt. Der Ballon wird mit der Zeit biologisch abgebaut und erhält trotzdem seine Funktion. Dadurch wird ein rezentrierender Effekt des Oberarmkopfes erzielt, der die Beschwerden behebt. Das klingt nach Zukunftsszenario, ist aber bereits schon Realität.

Text: Petra Nossek-Bock
Foto: Krankenhaus Rummelsberg / Uwe Niklas