Marianne Koch hat erst kürzlich ihren 90. Geburtstag gefeiert. Die »fünf Säulen der Jugendlichkeit« halten sie fit. Foto: Isolde Ohlbaum

Sie blickt gleich auf mehrere Karrieren zurück: Die Schauspielerin, Moderatorin, Ärztin aus Leidenschaft, Autorin und profunde Medizinjournalistin Dr. Marianne Koch. Vor wenigen Tagen feierte sie ihren 90. Geburtstag. Mut, Beweglichkeit und Neugier sind ihrer Ansicht nach wesentliche Eigenschaften, um geistig jung und voller Elan zu bleiben. Wir sprachen mit der Autorin, die schon seit vielen Jahren über Gesundheitsthemen schreibt, über ihr neues Buch mit dem Titel »Alt werde ich später«, von dem wir, siehe weiter unten, 10 Exemplare verlosen. 

sechs+sechzig: Frau Dr. Koch, in neun Kapiteln beleuchten Sie physiologische wie psychische Aspekte des Alterns. Darüber ist bereits viel geschrieben worden. Warum also ein neues Werk über das Älterwerden? 

Dr. Marianne Koch: Es geht um das Jungbleiben, auch wenn man älter wird. Die Lebenserwartung hat – zumindest in unserer westlichen Welt – dramatisch zugenommen, wir werden dadurch zu einer neuen Einteilung des Lebens motiviert. Die Vorstellung von Gebrechlichkeit hat sich von den 70- und 80-Jährigen zu den 90- und 100-Jährigen verschoben. Babys, die heute geboren werden, haben gute Chancen, 80 bis 90 Jahre alt zu werden. Mancher 60- oder 65-Jährige steht noch im Beruf und baut auf ein gutes Selbstwertgefühl. Leider mangelt es vielen Senioren an Selbstbewusstsein, sie fallen in ein Loch oder fühlen sich einsam. 

Sie haben als Ärztin selbst einen Bruch in Ihrer Karriere ­erlebt. Wie geschah das? 

Kurz bevor ich 68 Jahre alt wurde, musste ich meine internistische Hausarztpraxis in München aufgeben. Es gab seinerzeit eine neue Bestimmung, nach der man ab diesem Alter keine Kassenpatienten mehr behandeln durfte. Das war ein Schock für mich, ich befürchtete, in ein gewaltiges seelisches Loch zu fallen. Diese Bestimmung wurde übrigens längst wieder aufgehoben.

Wie haben Sie diese schwere Zeit überwunden?

Ich wollte schon immer »sprechende Medizin« betreiben. Dazu musste ich meinen Patienten exakt erklären, was bei ihnen nicht stimmte und warum ich diese oder jene Behandlung empfahl. Aber ich musste erst lernen, komplizierte medizinische Faktoren so darzustellen, dass meine Patienten mich nicht mehr mit großen Augen verständnislos anschauten, sondern meine Ausführungen verstanden. Die Voraussetzung dafür war jedoch, dass ich von der typischen Universitäts-Mediziner-Sprechweise auf die normale deutsche Sprache »herunterstieg«, um komplexe Vorgänge im menschlichen Körper zu erklären. Erst nach dieser mehr oder weniger freiwilligen Lektion fing ich an, medizinische Literatur für normale Menschen zu schreiben, z.B über das Herz oder zuletzt über unser erstaunliches Immunsystem. Damit hatte ich einen neuen, wunderbaren Beruf gefunden, der mir bis heute sehr viel bedeutet. 

Richtige Ernährung, viel Bewegung, schlank bleiben, sind gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Älterwerden. Wie macht man das?

Wenn wir uns fit machen wollen für einen gesunden Körper, geht es vor allem um die »Fünf Säulen der Jugendlichkeit«: Feste Knochen – geschmeidige Gelenke – starke Muskeln – elastische Blutgefäße – wache Gehirnzellen. Es geht ferner um das Vermeiden von Stürzen und um das Problem der allgemeinen Abnahme von Muskulatur. Aber in erster Linie ist wichtig, mit welcher Nahrung wir unseren Körper stärken. Wir brauchen nicht nur eine gesunde Ernährung, sondern eine, die unsere Sinne streichelt. 

Es stimmt also der Spruch: »Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wie alt du wirst?« 

Tatsächlich ist das, was wir essen, ein wichtiges Instrument zur Verhinderung von Alterskrankheiten. Wir müssen entscheiden, ob wir den vielfältigen Verlockungen einer ziemlich skrupellosen Nahrungsmittel-Industrie widerstehen wollen. Ob wir uns von den bunten Bildern in den Supermärkten, der Sportidole oder glücklichen Kühe im Fernsehen überzeugen lassen, dass Pizzas, Chips und Fertiggerichte nicht nur praktisch und billig sind, sondern dass sie uns auch glücklicher machen. Leider sind immer mehr Menschen bereit, statt frischer Gemüsesorten aus der Region, statt Obst der jeweiligen Jahreszeit, vitaminhaltiger Salate und hochwertiger lokaler Vollwertprodukte eher Lebensmittel aus den Industrielaboren zu kaufen, die unseren Körper belasten. Ganz zu schweigen von dem Zuviel an Fett, Zucker oder Salz. 

Sehen Sie das nicht zu streng, immerhin schmeckt das Zeug doch ganz gut?

Das sagen Sie, weil Ihr Geschmackssinn offenbar von diesem Zeug geprägt wurde. Wenn man Kindern heute – das hat man übrigens als Experiment gemacht – einen industriellen Erdbeerjoghurt und einen Naturjoghurt mit echten Erdbeeren zum Vergleich vorsetzt, dann ist die Chance groß, dass sie den künstlichen als »besser schmeckend«, »natürlicher« und »frischer« bezeichnen. Doch zurück zum Thema: Zum Glück haben wir die Möglichkeit, unsere Zellen zu entrümpeln durch frische Gemüse, Salate, Obst, Nüsse und hochwertige Pflanzenöle. Sie enthalten Stoffe, die besonders gut als Antioxidantien, also als Radikalenfänger, wirken. Es handelt sich um Vitamine, die helfen, die Zellen jung zu erhalten. 

Wir leben also länger, viel länger, um genau zu sein. Doch Biologen und Mediziner sind alarmiert und erklären, so ginge es nicht weiter. Was ist damit gemeint? 

Wir brauchen neue Maßstäbe, neue Ideen. Wir müssen kapieren, dass wir zwar ein höheres Lebensalter erreichen können, dieses längere Leben aber nicht unbedingt mit einem Abbau unserer körperlichen und geistigen Fähigkeiten einhergeht. Wir sollen mit 70 oder 80 Jahren nicht nur als verdiente Nichtstuer unsere Zeit zwischen Balkon und Sofa verbringen, sondern möglichst aktive, gefragte Mitglieder der Gesellschaft bleiben. 

Das sagt sich alles so leicht. Lebenslanges Lernen, mutig sein und gesund bleiben, ist doch sehr anstrengend. »Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker«, behauptet der Held im Roman »Jedermann« des US-Autors Philip Roth. Hat er recht? 

Meiner Meinung nach ist es etwas übertrieben. Zugegeben, das Älterwerden ist nicht immer ein Vergnügen. Es ist verbunden mit Krankheiten, Kränkungen und deprimierenden Momenten. Und gerade in dieser Phase, in der man oft verletzlich, dünnhäutig, vielleicht auch ängstlicher und pessimistischer geworden ist, fehlt die Unterstützung einer sozialen Gemeinschaft. Weil aber das selbstverständliche Miteinander eher selten geworden ist, Menschen oft nicht einmal wissen, wie ihre Nachbarn heißen, ist Einsamkeit zu einem großen Problem geworden. Umfragen ergaben, dass sich in Deutschland derzeit acht Millionen Bürger vereinsamt fühlen, in Europa sollen es 41 Millionen sein. 

Hat die Corona-Situation die Einsamkeit noch verstärkt?

Es war nicht nur diese Seuche. Die Pandemie hat dieses Gefühl »Ich bin eigentlich völlig allein« vielleicht verstärkt. Latent vorhanden war es vermutlich schon vorher. Es sind auch nicht immer die anderen, die zu beschäftigt sind, sei es mit Home-Office, ihren Twitter-Accounts oder ihren ständigen Event-Treffs. Oft sind es auch wir selbst, die sich zurückziehen, vor allem nach persönlichen Verlusten. Das ist fatal, weil dieses Gefühl des Nicht-mehr-Dazugehörens die Seele vergiftet und damit gleichzeitig den Körper schädigt. 

Sind wir im Älterwerden undankbar, ängstlich, sehen wir zu viele Schattenseiten? 

Man sollte das Alter nicht verdrängen, aber auch nicht ständig aufs eigene Geburtsdatum starren. Man sollte sich nicht ständig beeinflussen lassen von Sätzen wie »Kann ich nicht mehr«, »Muss ich auch nicht mehr« oder »Lohnt sich doch nicht mehr«. Jeder ältere Mensch ist eine unverwechselbare Persönlichkeit mit Geschichte und Zukunft, die noch dazulernen kann. Deshalb noch einmal: Mutig sein! Aufeinander zugehen, auch wenn man sich einer Gemeinschaft anschließt, mit der man vorher noch nichts zu tun hatte. Dazu passt ein Satz der Ökonomin und Autorin Noreena Hertz: »Das Gegenmittel der Einsamkeit kann letztlich nur darin bestehen, dass wir für andere da sind – ganz gleich, wer diese anderen sind.«

Frau Dr. Koch, wir bedanken uns für dieses Gespräch. 

Interview: Horst Otto Mayer
Foto: Isolde Ohlbaum


Verlosung

Das Magazin »sechs+sechzig« verlost zehn Exemplare des Buchs »Alt werde ich später« von Marianne Koch. Wer gewinnen möchte, schreibt bis 3. Oktober 2021 eine Mail mit dem Betreff »Marianne Koch« an info@magazin66.de oder schickt eine Postkarte an: Magazin sechs+sechzig, c/o Pegnitz­büros, Stichwort »Marianne Koch«,  Kaiserstr. 8, 90403 Nürnberg. Die angegebene Adresse wird ausschließlich für die Verlosung und ggf. den Versand des Buches benutzt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


Marianne Kochs Bilderbuchkarrierre


Ihrer alleinerziehenden Mutter verdanke sie zwei Eigenschaften, die ihr in Beruf und Krisen stets Halt gaben, erzählt Dr. Marianne Koch: Selbstständigkeit und Selbstvertrauen. Ihr Wunsch war es immer, Ärztin zu werden. Koch, 1931 in München geboren, machte jedoch zuvor einen Umweg. Als sie in den 50-er Jahren als junge Medizinstudentin in den Bavaria Filmstudios in Geiselgasteig für Nebenrollen jobbte, entdeckte man sie für den Film.

Eine Bilderbuchkarriere begann: Sie drehte Filme mit Clint Eastwood (»Für eine Handvoll Dollar«, siehe Bild), Gregory Peck, Curd Jürgens (»Des Teufels General«), O.W. Fischer  (»Ludwig II.«), Heinz Rühmann und vielen anderen, insgesamt über 70 Filme. Sie stand mit den besten Schauspielern der damaligen Zeit vor der Kamera, schwärmte besonders für Gregory Peck. Jedoch im Alter von 40 Jahren, von einem Tag auf den anderen, warf Koch die Schauspielerei hin, ihre Ehe ging kaputt, sie suchte nach einem neuen Inhalt. Sie nahm wieder ihr Medizinstudium auf, eröffnete danach eine eigene Praxis und schreibt seitdem Bücher über Gesundheitsthemen. Seit 2000 ist sie als Expertin in der BR-Hörfunksendung »Gesundheitsgespräch« (immer mittwochs um 10.05 Uhr auf Bayern 2) ein gefrager Gast. 

Seit Mitte der 70-er Jahre lebte sie mit dem Publizisten und Schriftsteller Peter Hamm zusammen, der 2019 verstarb. Von 1974 bis 1982 moderierte Marianne Koch die Talkshow »3 nach 9« von Radio Bremen. »Welches Schweinderl hätten’s denn gern?«, fragte Quizmaster Robert Lembke in der TV-Sendung »Was bin ich?«: 1955 war Koch dort zunächst Ehrengast, von 1961 bis 1988 gehörte sie fest zum Rateteam.