Erkrankungen der Schilddrüse sind häufig, und sie können sehr komplex sein. Patienten profitieren in solchen Fällen von der umfassenden Betreuung durch ein interdisziplinäres Team, wie es zum Beispiel das Schilddrüsenzentrum am St. Theresien-Krankenhaus in Nürnberg bietet. Dort diskutieren Endokrinologen, Nuklearmediziner, Chirurgen, HNO-Ärzte, Augenärzte und Strahlentherapeuten komplexe Krankheitsbilder und legen die Behandlung fest. Wann das Risiko für eine Schilddrüsenerkrankung steigt und worauf vor allem ältere Menschen achten sollten, weiß Dr. Clemens Lohmüller, Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeinchirurgie und chirurgischer Sprecher des Schilddrüsenzentrums am St. Theresien-Krankenhaus.

Herr Dr. Lohmüller, erhöht sich mit dem Alter die Gefahr einer Schilddrüsenerkrankung?

Nein, das allgemeine Erkrankungsrisiko ist nicht erhöht, auch die Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenkrebs steigt mit den Jahren nicht zwingend an. Was aber steigt, ist das Risiko für Knotenbildungen in der Schilddrüse. So sind zum Beispiel 75 Prozent der 75-Jährigen von diesem sogenannten Kropf betroffen. Doch längst nicht alle dieser Veränderungen sind behandlungsbedürftig.

Wann sollte man denn zum Arzt? Und welche Knoten müssen behandelt werden?

Meistens haben die Patienten ein Druckgefühl, sie spüren den berühmten Kloß im Hals. Wenn das der Fall ist, sollten sie sich untersuchen lassen. Der erste Weg führt zum Hausarzt, der die Basisdiagnostik übernimmt und den Patienten gegebenenfalls zum Nuklearmediziner schickt. Entscheidend ist dann, um was für einen Knoten es sich handelt. Wir unterscheiden kalte und heiße Knoten.

Und welche sind gefährlicher?

Warme oder auch heiße Knoten sind immer gutartig. Sie können jedoch zu einer Überfunktion führen, die behandelt werden muss. Die Schilddrüse produziert dann zu viel Schilddrüsenhormon. Typische Symptome dafür sind Gewichtsverlust, ein schneller oder unregelmäßiger Herzschlag, vermehrtes Schwitzen und Schlafstörungen. Kalte oder hypofunktionelle Knoten dagegen müssen beobachtet und genauer untersucht werden. Hier kann eine bösartige Erkrankung zugrunde liegen. Zum Glück ist das selten. Zur Abklärung setzen wir unter anderem auf hochauflösenden Ultraschall und eine Feinnadelpunktion zur zytologischen Untersuchung.

Wie werden denn die Schilddrüsen-Probleme behandelt?

Bei einer Überfunktion können Medikamente oder eine Radiojodtherapie das Mittel der Wahl sein, in manchen Fällen ist auch eine Operation sinnvoll. Das hängt vom Ausmaß der Beschwerden ab. Die Schilddrüsenunterfunktion dagegen wird medikamentös behandelt. Hier produziert die Schilddrüse zu wenig Schilddrüsengewebe, eine mögliche Ursache sind Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto Thyreoditis. Dabei richtet sich das Immunsystem gegen die Schilddrüse. Symptome können eine trockene Haut, Konzentrationsstörungen, eine depressive Stimmungslage und Bluthochdruck sein. Eine Unterfunktion geht nicht zwangsweise mit einer Knotenbildung einher. Frauen sind übrigens häufiger betroffen als Männer.

Wenn die Diagnose »Krebs« lautet, führt vermutlich an der Operation kein Weg vorbei?

Das ist richtig. Bei bösartigen Tumoren wird in der Regel die komplette Schilddrüse entfernt, im Anschluss erfolgt gegebenenfalls noch eine Radiojodtherapie. Die Risiken einer solchen Operation sind überschaubar. In erster Linie besteht die Gefahr einer Stimmbandverletzung, denn der Stimmbandnerv liegt im OP-Gebiet. Wir überwachen den Eingriff deshalb mit einem Neuromonitorgerät, sollte es zu einer einseitigen Stimmbandlähmung kommen, wird die Operation beendet. Das Risiko ist jedoch sehr gering, und die Beschwerden, die aus der Verletzung resultieren, sind meistens vorübergehend. Auch Nachblutungen sind möglich, aber ebenfalls sehr selten. Und wie schon gesagt: Bösartige Knoten sind die Ausnahme, und in allen anderen Fällen ist eine Operation nicht zwingend. Sie kann sinnvoll sein, wenn die Schilddrüse drückt oder der Patient Schluckbeschwerden hat. Aber die meisten Schilddrüsenknoten muss man nicht operieren. Wichtig ist es herauszufinden, wer von der OP profitiert und wer nicht.

Wie kann ich einer Schilddrüsenerkankung vorbeugen?

Extrem wichtig ist eine Jopdprophylaxe. Seit den 1990er Jahren wird in Deutschland das Speisesalz jodiert, die Zahl der Kropfbildungen hat sich seitdem deutlich reduziert. Mit einem normalen Salzkonsum kann man den Jodbedarf in der Regel gut decken, das jodierte Salz steckt ja auch in Brot oder Brötchen. Auch Seefisch enthält Jod und darf gern regelmäßig auf dem Speiseplan stehen.

Interview: Silke Roennefahrt,

Foto: TKH / Uwe Niklas