Siegbert Rudolph gibt seine »Rezepte« zum Lesenlernen gern weiter.

Lesen und Lesen lernen ist so leicht wie ein Rezept nachzukochen«, sagte sich Siegbert Rudolph, legte seinen Plan für einen Ruhestand als Hobbykoch zu den Akten – und wurde stattdessen »Lesekoch«. Als solcher ist er auch im Internet zu finden. Seine besten Rezepte sind die, bei denen Kinder und Jugendliche spielerisch mit der deutschen Sprache und ihren vielen Tücken umzugehen lernen, von den allereinfachsten in der Elementarstufe bis hin zu schwierigeren Texten. Natürlich kostenlos, denn der 76-Jährige, der zuvor Vorstandsmitglied des Software-Riesen Datev war, ist ehrenamtlich im Rahmen des Bildungsprogramms der Aktivsenioren Bayern tätig. 

Begonnen hatte es für den Nürnberger im Jahr 2010 mit der Unterstützung für ein Bewerbungstraining für die Mittelschule. »Eine Schülerin der dritten Klasse konnte überhaupt nicht lesen«, sagte er, »da habe ich mir überlegt, woran hängt es bei ihr? Und es hat an vielen Stellen gehangen.« Also schrieb er extra groß und extra langsam, übte mit der Schülerin immer wieder die schwierigen Passagen, »und irgendwann hat es bei ihr geschnackelt. Von da an ging’s gut.« 

Der Lesekoch ist Entwicklungshelfer für die Karriere

Rudolph selbst lernte in diesen eineinhalb Jahren auch viel.« Entscheidendes Kriterium für den Erfolg sind Zeit und Geduld, auch um herauszufinden, wo die Schwächen liegen«, sagt er und fügt gleich hinzu: »Beides haben Lehrer im Schulalltag oft nicht.« Aber er als Rentner konnte und kann sein Übungsprogramm Schritt für Schritt ausbauen und online stellen. Das erweist sich derzeit, wo kein Präsenzunterricht stattfinden kann, als Segen. »Ich habe auf meiner Internet-Seite über 600 registrierte Nutzer, einige Übungen werden 8000 bis 9000 Mal abgerufen.« Alles kostenlos, wie gesagt, bei einigen Aufgaben muss man sich allerdings aus urheberrechtlichen Gründen registrieren lassen. 

Der Erfolg gibt Rudolph recht. Trotzdem bleibt der »Lesekoch« bescheiden: »Das Entscheidende sind nicht meine Übungen, sondern die Trainer draußen, die damit umgehen.« Sie müssten sich auf die Kinder einstellen und Geduld aufbringen, dürften sie nicht überfordern, keinen Druck ausüben. Rudolph selbst hat rund 100 Trainer in Mittelfranken ausgebildet, zum größten Teil an und zusammen mit Schulen. Wer geeignet ist, für den ist alles gar nicht so schwer. »Wer einmal gesehen hat, wie es funktioniert, der kann es auch.« Er habe für jede Form der Lese- oder Schreibschwäche spezielle und abwechslungsreiche Übungen entwickelt. Daneben schult er Lesepaten, zumeist sind das Eltern oder Großeltern. Wie alt auch immer ein Trainer oder eine Trainerin ist, betont der 76-Jährige, »wenn die Kinder merken, dass der Erwachsene ihnen wirklich helfen will, wenn er sie nicht überfordert, aber ab und zu lobt, dann machen sie auch mit«. Deshalb sei das auch für Senioren eine Tätigkeit, »die etwas bringt und bei der man Erfolge sieht und auch Dankbarkeit erfährt«.

Seine Übungen hat Siegbert Rudolph auf einer eigenen Website zusammengestellt. Unter www.der-lesekoch.de sind die Aufgaben und weitere Informationen zu finden.

Junge Menschen fit machen fürs Vorstellungsgespräch 

Karin Führ macht Menschen fit für das Bewerbungsgespräch.

Aus der Schule in den Beruf – meist kommt die nächste Hürde in Form einer Bewerbung, schriftlich und mündlich – und mancher scheitert an ihr. »Was wissen Sie über unser Unternehmen?« »Nichts, ich will ja erst bei Ihnen anfangen.« Dieser Dialog hat tatsächlich vor Jahren bei einem Bewerbungsgespräch stattgefunden – und den Kandidaten aus dem Rennen geworfen. Karin Führ war damals selbst dabei, in führender Position bei der Telekom. Inzwischen im Ruhestand, wirkt sie bei den Aktivsenioren mit, koordiniert bayernweit den Bereich Bildung. Sie nutzt ihre Erfahrungen, solche mit missglückten Vorstellungsgesprächen, vor allem aber auch mit erfolgreichen, um Bewerber optimal vorzubereiten.

»Wir machen das zusammen mit Volkshochschulen und der Technischen Hochschule Nürnberg«, sagt die 66-Jährige. »Wir gehen mit unserem Bewerbungstraining aber auch an Schulen.« Wegen Corona muss derzeit allerdings auf Online-Kontakte umgeschaltet werden, »obwohl das persönliche Feedback vor allem für die Jüngeren so wichtig wäre«, sagt Führ. Die Workshops bieten ein umfangreiches Programm. Der Weg zum Praktikum wird beschrieben, das Erstellen von Bewerbungsmappen, die Simulation von Vorstellungsgesprächen, die Kurzbewerbung beim Speed-Dating und das praktische Verhalten bei Selbstpräsentation und bei Gruppendiskussionen erklärt. 

Stärke betonen, aber auch Schwächen zugeben

Worauf kommt es besonders an? »Ganz wichtig ist, dass der Bewerber oder die Bewerberin authentisch ist«, betont Führ. Die Aktivseniorinnen und
-senioren haben allesamt genügend Erfahrung in Führungsaufgaben, um im Training erkennen zu können, »wenn jemand versucht, uns über die eigenen Fähigkeiten etwas vorzumachen«. Wenn dann unbequeme Fragen gestellt werden, »hält niemand länger als fünf Minuten durch«. Bei einem Bewerbungsgespräch würde es also schnell peinlich für die Kandidaten. Also sollte man schon die eigene Stärke betonen, aber auch mal Schwächen zugeben. 

Für Fortgeschrittene gibt es Führungsseminare, die auf eine entsprechende Position in kleinen und mittleren Firmen zugeschnitten sind, oder sogar für entsprechende Aufgaben in Vereinen. Damit Kandidaten und Kandidatinnen lernen, sich durchzusetzen, »treten wir Aktivsenioren im Training als besonders aufsässige Mitarbeiter auf«, betont Karin Führ. 

Geschäftsmodell von Gründern wird von Experten geprüft

Matthias Sperber gründete erfolgreich eine eigene Firma, hier arbeitet er in seiner Werkstatt in Wachenroth.

Das »Kerngeschäft« der Aktivsenioren ist jedoch die Existenzgründung. Von der Erfahrung der Älteren hat auch Matthias Sperber profitiert. Der 33-Jährige hat sich Anfang des Jahres selbstständig gemacht und zum Hauptberuf gemacht, was zuvor Hobby und Nebenerwerb war. Er gründete die Dienstleistungsfirma Sperber IT, die darauf spezialisiert ist, gebrauchte Notebooks oder PCs und alle übrige Hardware und Komponenten, die für die elektronische Datenverarbeitung nötig sind, wieder aufzurüsten. Der Schritt in die Selbständigkeit hat sich für Sperber gelohnt. Zum einen, weil die Nachfrage wegen Corona einen zusätzlichen Schub bekommen hat, zum anderen, weil sein Geschäftsmodell von Experten der Aktivsenioren geprüft und für gut befunden wurde. 

Zehn Jahre lang hatte Sperber gebrauchte Geräte aufgerüstet, bis er 2019 das damals neue Angebot der Brückenteilzeit nutzte: Bei seinem Arbeitgeber war er nur noch 20 Wochenstunden als Informatiker beschäftigt und baute nebenher in Wachenroth im Landkreis Erlangen-Höchstadt sein IT-Geschäft auf und aus. Am Ende der »Brücke« wollte er nicht mehr zurück zur Vollzeitbeschäftigung, sondern ganz raus aus dem Betrieb und selbstständig werden. Im Jobcenter erfuhr er im Herbst 2020, dass das Landratsamt Erlangen-Höchstadt (wie alle Städte und Kreise) solche Initiativen fördert, und dort machte man ihn auf einen bevorstehenden »Gründertag« aufmerksam. So kam der erste Kontakt mit den Aktivsenioren zustande, der dann in konkrete Beratung mit Gruppen- und Einzelgesprächen überging.

“Ich dachte, ich wüsste schon alles”

»Ich dachte, ich wüsste schon alles, weil ich doch schon ein Geschäft hatte«, sagte der 33-Jährige, »doch die Leute hatten Erfahrung und erklärten Abläufe, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht hatte.« Ende November gab Sperber dem Aktivsenioren-Team den konkreten Beratungsauftrag, schon in der ersten Dezemberwoche war der Finanzplan fertig. »Da merkt man gleich, dass die Leute Erfahrung haben«. Und das alles für einen pauschalen Kostenbeitrag von 100 Euro. 

Ein Businessplan sollte noch folgen, der wird unter anderem für Fördergelder oder Kredite benötigt. »Da steht auch drin, was mein Betrieb eigentlich macht.« Und das ist einiges. Dem Aufrüsten von Notebooks ist er treu geblieben – Spezialität sind gebrauchte Lenovo ThinkPads. Dieses und andere Geräte bekommt er als Leasing­rückläufer, aus Privatverkauf oder auch mal aus dem Sperrmüll. Entscheidend ist für ihn dabei auch der Umweltgedanke: Alte Geräte und Komponenten wieder zu nutzen sei doch allemal besser, als neue herzustellen. 

Text: Herbert Fuehr
Fotos: Mile Cindric

Kontakt: 

Mitglieder als ehrenamtliche Berater werden laufend gesucht, sie müssen vor dem Ruhestand selbstständig oder in Führungsfunktion (mit Budgetverantwortung) gewesen sein. Interessenten wenden sich bitte an stephan.kessler@aktivsenioren.de 

Alle Termine finden sich unter www.aktivsenioren.de.