Die Redaktion von sechs+sechzig plant eine neue Rubrik mit dem Titel: »Das war lecker«. Machen Sie mit:
Nennen Sie uns Rezepte, Speisen und Lebensmittel, die für Sie nach Kindheit schmecken und erzählen Sie uns gerne eine Geschichte dazu. Ein Foto wäre ebenfalls schön. So helfen Sie mit, alte Rezepte zu bewahren und legen mit dem Magazin 66 gemeinsam eine Sammlung an, in der mancher fündig wird, der ein Gericht aus vergangenen Zeiten sucht, aber niemand mehr in der Familie danach fragen kann. Wir veröffentlichen die eingesandten Rezepte online und manchmal auch in dem gedruckten Magazin 66. Ihre kulinarischen Erinnerungen schicken Sie uns bitte per Mail an folgende  Adresse: info@magazin66.de

Lassen Sie sich von unseren Einführungstext inspirieren.

Omas süße Klunkersuppe mit Milch oder der böhmische Kartoffelsalat, den die Tante früher zu Feiern mitgebracht hat: Lecker! Unser Geschmackssinn hat ein gutes Gedächtnis. Bestimmte Speisen erinnern uns an alte Zeiten, lassen liebe Erinnerungen an die Kindheit wach werden und spenden Trost, wenn die Melancholie uns im Griff hat. Das geht selbst Spitzenkoch Alexander Herrmann und dem Steiner Blogger Christian Krömer so, die uns von ihren Geschmackserinnerungen erzählt haben.

Alexander Herrmann, erinnert sich gerne an Lieblingsspeisen aus der Kindheit. Foto: Jens Hartmann

Der fränkische Spitzenkoch Alexander Herrmann, den viele als Juror in der Sendung »The Taste« und als Betreiber des legendären Nürnberger »Palazzo« kennen, hat eine genaue Vorstellung davon, wie Kindheit schmeckt. »Als ich noch klein war, hat es bei meiner Mutter immer Tomatensuppe mit Reis und pochiertem Ei gegeben«, erzählt Herrmann. Jahrzehnte später hat er mit seinem Team in seinem Nürnberger Restaurant »Fränk`ness« für einen Brunch das israelische Gericht Shakshuka ausprobiert – eine Tomaten-Paprika-Pfanne, bei der das Ei in der heißen Soße gegart wird. »Es hat mich fast vom Barhocker gehauen: Da war er wieder, dieser Geschmack von damals, von geschmorten Tomaten und dem wunderbaren Ei, das zerfließt, wenn man mit der Gabel hineinsticht. Das habe ich 40 Jahre nicht mehr bekommen«, sagt Herrmann. »Gleich der erste Bissen hat mich in die Zeit zurück versetzt, als ich ein sechsjähriger Junge war. Ich habe mich in unserem Wohnzimmer gesehen, als wir alle zusammen gegessen haben.« Eines seiner Lieblingsessen heute sind Spaghettoni – auch sie mit einer Soße aus im Ofen geschmorten Tomaten.

Essen vermittelt ein Stück Heimat

Essen kann etwas anstoßen, wie auch die Musik: »Wenn Du mit bestimmten Eindrücken konfrontiert bist, kommen die Gefühle von damals wieder hoch – das vermittelt auch ein Stück Heimat, Geborgenheit«, sagt Herrmann. Was Herrmann nicht kennt, das sind Familienrezepturen, die immer wieder zubereitet und an die nächste Generation weitergereicht werden. Er ist im Familienhotel in Wirsberg im Landkreis Kulmbach aufgewachsen. Das Essen kam aus der Hotelküche und das Angebot der Gerichte war über die Jahre einem steten Wandel unterworfen – so wie überall. »Wir nehmen heute meist nicht mehr das zu uns, was wir vor 20 oder 30 Jahren gegessen haben. Da hat man noch gerne als Brotzeit fette Würste geliebt, heute ist Tomate mit Mozzarella und Basilikum der Hit.«

Mit den Jahren hat der Spitzenkoch ein gutes Gespür dafür entwickelt, was sich die Leute kulinarisch wünschen. Er ist überzeugt: »Das Empfinden der Menschen, ja einer Gesellschaft, drückt sich auf dem Teller aus.« Nach Nouvelle Cuisine, der mediterranen Welle und Crossover, also dem Mix von verschiedenen Zubereitungsarten und Stilen, sei jetzt das Einfache, Ehrliche beliebt.

Lieber Tradition als Experimente

Das gute alte Schnittlauchbrot, das man als Kind bekommen und dann lange als spießig empfunden hat, kommt zu neuen Ehren. Oder ein traditioneller Sauerbraten statt Experimenten mit einem an Zitronengras geschmorten Rind mit Dattelchutney. Und definitiv im Trend sei eine Ernährung mit weniger Fleisch. Vom neuerdings oft propagierten Fleischersatz – etwa für Burger – hält Herrmann allerdings wenig. »Da nehme ich lieber im Ofen gegrillte und gehäutete Paprika. Das schmeckt sagenhaft.«

Das Einfache, Klare ist es auch, was den Blogger Christian Krömer an seine Kindheit erinnert. »Die Pfannkuchen meiner Oma haben immer am besten geschmeckt – und sie tun es auch heute noch«, sagt der 27-Jährige. Das liege nicht nur daran, dass sie mit Liebe gemacht seien. Seine Großmutter verwendet statt Keimöl eine extra großzügige Portion Butter zum Ausbacken. So bekommt die Eierspeise einen wunderbar krossen Rand und den heimeligen Geschmack von früher als der Genuss noch wichtiger war als die schlanke Linie.

Aber die 92-Jährige, Oma Lisbeth oder Lissi genannt, kann ihren Enkel auch mit herzhaften Klassikern wie Braten mit Klößen begeistern. »Seit ich denken kann, hat sich meine Familie mindestens einmal in der Woche, meist am Sonntag, zum gemeinsamen Essen getroffen. Dann hat die Oma Braten, Roulade oder Schäufele mit Brezen-, Kartoffel- oder Mehlklößen gemacht.« Früher haben die Großeltern ihm ihre Zeit geschenkt, jetzt ist es Christian Krömer, der seine Oma unterstützt, sie täglich besucht und regelmäßig mit ihr einkaufen geht, damit sie die Lebensmittel nicht alleine heimschleppen muss. Es geht meist einfach darum, zusammen zu sein. Dass er dann oft mit guten Gerichten verwöhnt wird, versteht sich von selbst.

Die gemeinsame Zeit mit der Oma ist ihm heute besonders wichtig. Er schaut ihr beim Kochen über die Schulter, schreibt sich die Rezepturen auf und dreht Videos. Die kulinarischen Anregungen postet er bei Tiktok (500 000 Follower) Instagram (über 200 000) unter dem Account @lisbeth_lissi. »Wir wollen gute Laune vermitteln, die Leute begeistern und mitnehmen in unseren Alltag, bei dem gutes Essen eine große Rolle spielt«, berichtet der junge Mann. Der trockene Humor von Elisabeth Krömer und ihre fränkisch direkten Kommentare (»Gib obacht!« oder »Geh ham, etzerdla«) kommen dabei genauso gut an wie ihre traditionellen Gerichte, mit denen Christian Krömer ausgewachsen ist.

Mal was anderes

Das Generationen übergreifende Miteinander des ungewöhnlichen Duos spricht viele an. »Unter all den Beauty- und Fitness-Blogs ist das mal was anderes. Ich bekomme oft die Rückmeldung, dass jemand einen unserer Beiträge zum Anlass für ein langes Telefonat mit den Großeltern genommen hat.« Elisabeth Krömers Können in Sachen »Soulfood«, wie Leibspeisen heute gerne genannt werden, hat der Enkel in dem Kochbuch »Immer nur Blödsinn im Kopf« (Kampenwandverlag, 19,99 Euro) zusammengefasst und mit Autorin Michelle Schrenk herausgebracht. Es ist eine liebevolle Sammlung mit fränkischen Schmankerln – von der Brotsuppe über Fleischküchle bis hin zum Schäufele. Die Mengenangaben bei den Gerichten sind manchmal etwas vage. Als geübte Hausfrau verlässt sich Oma Lissi eher auf ihre Erfahrung als auf die Waage. Zusammen mit ihren eigenen Aufzeichnungen hat der Enkel jetzt eine schöne Sammlung an Rezepten. »Darum sollte sich jeder wirklich rechtzeitig kümmern. Es ist doch toll, wenn die Beschreibungen der Familienklassiker an die folgenden Generationen weitergegeben werden«, sagt er.

Wenn der sportliche junge Mann, der in einer Wohngemeinschaft lebt, selbst kocht, muss es zur Zeit etwas Leichtes sein: Er macht bald in der RTL-Sendung »Ninja Warrior Germany« mit. Hier gilt es einen athletisch äußerst anspruchsvollen Hindernisparcours zu meistern, Fitness ist zwingend erforderlich! Damit er dafür gut in Form ist, stehen abends Salat mit Thunfisch oder Schafskäse auf dem Plan. Denn ausschließlich Oma Lisbeths Küche ist für einen Modellathleten eher nicht geeignet.

Text: Alexandra Voigt/ Fotos: privat