Viele Menschen erinnern sich gerne an ihre Kindheit und die damaligen Lebensumstände. Foto: Bittdorf-Lechner

Wie war das auf der Flucht damals? Als man alles zurücklassen musste? Was heißt es, adoptiert zu sein? Was bedeutet Heimat? Der Rückblick auf das Leben – es ist mehr als ein bloßes Erinnern, das ebenso Wehmut wie auch ein Lächeln hervorrufen kann beim Gedanken an besondere Momente. Es ist viel mehr.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie wird für viele ältere Menschen immer wichtiger, um besser zu verstehen, Traumen zu verarbeiten oder bei der Begleitung von Menschen mit Demenz. »Wenn Menschen ins Erzählen kommen, hat das oft schon heilende Wirkung«, weiß Cornelia Stettner. Sie kennt viele Gründe, warum man sich einer Lebensgeschichte zuwendet – der eigenen oder der eines anderen. Als sich die Dekanin am Forum Erwachsenenbildung vor einigen Jahren dem Thema beim Evangelischen Bildungswerk Nürnberg e.V. erstmals widmete, ahnte sie zwar, dass Interesse dafür besteht, doch nicht, wie groß es tatsächlich ist. 2018 ging daraus sogar eine eigene Einrichtung hervor: das Institut für Biografiearbeit in Nürnberg.

Wer bin ich, wo will ich hin, was gibt mir Sinn?

Cornelia Stettner kennt auch den Grund dafür, warum das Bedürfnis danach in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat: »Die Menschen haben heute viel mehr Wahlmöglichkeiten. Sie müssen nicht mehr Schuster werden, nur weil der Vater Schuster war.« Doch um Fragen nach der Berufswahl, der Familiengründung oder dem Lebensort beantworten zu können, sei es für viele Menschen wichtig, sich erst einmal den Grundfragen des Lebens zuzuwenden: Wer bin ich, wo will ich hin, was gibt mir Sinn.

Das Institut nähert sich diesen Themen auf unterschiedliche Weise. »Wir arbeiten in unseren Seminaren unter anderem mit Fotos, mit Gerüchen, mit Musik oder mit Stoffen. Bohnerwachs oder der Duft frisch gemahlenen Kaffees sind etwa Gerüche, die bei einer älteren Generation Erinnerungen wecken«, weiß Stettner. Lieder wie »Che Sera« von Doris Day gehörten ebenso dazu wie »Das bisschen Haushalt« von Johanna von Koczian.

Intensives Zuhören ist wichtig

Das Institut arbeitet vor allem mit Menschen, die ihrerseits mit Menschen arbeiten: Sozialpädagogen, die in der Adoptionsberatung und -vermittlung tätig sind, Lehrer von Grundschulen und Gymnasien, in der Flüchtlingshilfe Tätige, Pflegende und Ehrenamtliche, die Sterbende im Hospiz begleiten. »Bei uns lernt man, wie man mit all diesen Themen umgeht.«

Lebensfragen stellen sich in jedem Alter: Woher komme ich, wer bin ich, was macht mich aus – das sind Fragen, die sich typischerweise adoptierte Söhne und Töchter stellen, meist schon als Jugendliche. Gegen Ende ihres Lebens möchten die Menschen dagegen vor allem erzählen, hat Cornelia Stettner erfahren. »Es gibt einen großen Bedarf an wertfreiem, intensivem Zuhören, ein großes Bedürfnis nach wirklich menschlichem Kontakt.« Das ist nicht immer in der Familie zu finden, wo schnell Sätze fallen wie: »Das hast du schon 100 Mal erzählt.« Dabei könnten sich im Erzählen, im Aussprechen Dinge sortieren, weil man auf einmal Zusammenhänge sehe, die einem vorher so nicht klar waren.

Ein Schatz für Kinder und Enkel

Wie gerne man mehr über die Eltern gewusst hätte, wird einem oft erst bewusst, wenn diese nicht mehr sind. Oder wie gerne würden Großeltern ihren Enkeln ihre Geschichte erzählen, die vielleicht viele Kilometer entfernt wohnen. Diesen Wunsch versucht das Institut mit dem Projekt »Meine Lebensgeschichte erinnern und bewahren« zu erfüllen – mit neun Stunden Zeit. Drei Mal drei Stunden hören ehrenamtliche Helfer den Erzählenden nicht nur zu, sondern zeichnen das Gesprochene auf, das anschließend in kompakter Form auf CD gebrannt wird. »Was das für ein Schatz ist, erkennen Kinder und Enkel oft viel später«, weiß Stettner. Die Nachfrage danach ist deutlich größer als das Team an Zuhör-Partnern und Mitarbeitern, die sich dem Institut dafür zur Verfügung stellen. Der Erlös für eine solche CD fließt komplett in die Stiftung »Großeltern stiften Zukunft«.

Über ihr Leben sprechen zu können, ist für viele Menschen allerdings nicht selbstverständlich. Weil sie nicht so erzogen wurden, weil gerade die Kriegs- und Nachkriegsgeneration oder Menschen auf der Flucht Unaussprechliches erlebt haben. Auch im Umgang damit will das Institut mit seinen zahlreichen Fortbildungen aufklären.

Auch die Brüche im Leben sind wichtig

Ein wesentlicher Aspekt der Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ist für die Dekanin, sich den Brüchen im Leben zuzuwenden, anzuerkennen, dass und wie man diese bewältigt hat, was man doch alles geschafft hat: Beispielsweise alleine vier Kinder großgezogen, eine Krankheit überstanden oder eine Insolvenz bewältigt zu haben. »Das Leben ist nicht ständige Selbstoptimierung. Es geht nicht um ein gelingendes Leben, sondern um ein gutes Leben«, sagt Stettner. Letztlich sei es doch wichtig, sein Leben sinnerfüllt und in der Hinwendung zu anderen Menschen gestaltet zu haben.

Text: Anja Kummerow
Foto: Bittorf-Lechner

Weitere Informationen: www.feb-nuernberg.de/institut-biografiearbeit/