Sabine Wittmann leitet das »TagesHospiz« und findet die Arbeit bereichernd. Foto: Kat Pfeiffer

In der Versorgung todkranker Menschen geht das Mathilden-Haus der evangelischen Diakonie Nürnberg-Mögeldorf neue Wege. Zusätzlich zum ambulanten Hospizdienst und zur stationären Versorgung Sterbender gibt es dort seit Oktober letzten Jahres ein »TagesHospiz« – ein Angebot, das in dieser Form in Deutschland noch einmalig ist. Sabine Wittmann leitet die Einrichtung, die kürzlich die ersten Gäste aufgenommen hat.

sechs+sechzig: Frau Wittmann, die Diakonie ist mit ihrem Angebot schon breit aufgestellt, wieso kommt jetzt noch eine neue Variante hinzu?

Sabine Wittmann: Weil wir damit eine Lücke in der Versorgung schließen. Das Angebot wird gebraucht, die Anfragen sind da. Es ist nötig, weil es Menschen gibt, die zu Hause völlig isoliert wären, weil sie niemanden haben, der sich um sie kümmert. Andere haben Partner, die noch berufstätig sind und die Betreuung deshalb nicht leisten können. Wir möchten diese Leute auffangen, sie können hier zur Ruhe kommen und sind nicht allein. Außerdem geht es um die Entlastung der Angehörigen, die sonst 24 Stunden am Tag zuständig sind. Wir wollen dazu beitragen, dass das System daheim nicht zusammenbricht. Bislang war in solchen Situationen das Krankenhaus die einzige Anlaufstelle.

Warum ist in solchen Fällen das stationäre Hospiz nicht die richtige Wahl?

Im stationären Hospiz sind die Menschen häufig bereits bettlägerig und brauchen viel mehr pflegerische Unterstützung. Das TagesHospiz dagegen richtet sich an Menschen, die noch relativ fit sind und Kontakt zu anderen herstellen können und wollen. Dennoch brauchen sie ein spezielles Angebot, weil sie in einer besonderen Lage sind und einer speziellen palliativmedizinischen und palliativpflegerischen Versorgung bedürfen. Wir nehmen nur Menschen mit einer schwerwiegenden Erkrankung auf, die fortschreitend ist und zum Lebensende führt. Die Aufnahmekriterien sind ähnlich wie bei einem stationären Hospiz, ein Arzt muss die Notwendigkeit bescheinigen.

Wenn das Angebot so wichtig ist, warum ist es das erste seiner Art in Deutschland?

Die Kostenträger haben es offenbar bisher nicht für notwendig erachtet. Unser TagesHospiz ist ein Pilotprojekt, weil wir das erste teilstationäre Hospiz sind, das einen Versorgungsvertrag mit den Kranken- und Pflegekassen hat und darüber finanziert wird, abgesehen von einem Eigenanteil von fünf Prozent, den wir als Träger aufbringen müssen. Wir werden wissenschaftlich begleitet und stehen in engem Austausch mit den Kostenträgern. Zwei Jahre lang dürfen wir Erfahrungen sammeln, das wird sicher eine spannende Zeit. Bis jetzt gibt es nur einige ehrenamtlich geführte Tageshospize, bei uns dagegen arbeiten Fachkräfte, die von Ehrenamtlichen unterstützt werden.

Wie sieht denn ein Tag in der neuen Einrichtung aus?

Zwischen acht und neun Uhr werden die Gäste gebracht. Sie können von Montag bis Freitag kommen, manche möchten aber auch nur einmal in der Woche hier sein. Wir frühstücken dann erst mal gemeinsam und machen verschiedene Angebote.

Die Menschen, die zu Ihnen kommen, sind todkrank. Brauchen sie nicht auch Rückzugsmöglichkeiten?

Die haben sie natürlich auch. Jeder unserer sechs Gäste hat sein eigenes Tageszimmer, das er für die Mittagsruhe, für Therapien oder für Besuche nutzen kann. Zu jedem Zimmer gehört auch ein eigenes Bad. Raum für Gemeinschaft ist im Wohnzimmer und in der Küche.

Als Hospiz-Mitarbeiterin haben Sie diese Rückzugsmöglichkeit nicht. Wie belastend ist Ihre Arbeit?

Weil wir täglich mit dem Tod zu tun haben, ist er tatsächlich für uns ein Stück Normalität. Wir sehen auch, dass er manchmal eine Erlösung ist, aber natürlich nimmt uns das auch mit. Ich selbst habe mir, nach vielen Jahren als Leiterin des Caritas Hospizes Haus Xenia, eine Auszeit genommen. Aber das Thema hat mich nicht losgelassen, weil die Arbeit auch sehr bereichernd ist. Man ist in dieser Situation so nah dran am Menschen, das ist schon etwas ganz Besonderes. Wir können hier Gemeinschaft leben, miteinander trauern, aber auch lachen und uns in schweren Situationen die Hand reichen. Dazu beitragen zu können, dass der Abschied gelingt, ist sehr befriedigend.

Interview: Silke Roennefahrt
Foto: Kat Pfeiffer

Informationen: TagesHospiz im Mathildenhaus, Ziegenstr. 30, Nürnberg, Tel. 0911 995 41 75, tageshospiz@diakonie-moegeldorf.de