Der Ort der Kindheit beschäftigt uns mit zunehmendem Alter immer mehr. Ein Ort, an dem wir uns wohlgefühlt haben, ist in unserer Erinnerung auch eine Zeitspanne des Glücks.

Meine Großmutter ist über 90 Jahre alt geworden. Sie hat dieses Alter ohne demente Momente erreicht. Nur in den letzten Wochen ihres Lebens hatte sie sich verändert – nach einem kleinen Schlaganfall. Da rührte sie in imaginären Töpfen. Da sprach sie mit ihren längst verstorbenen Geschwistern. War meine Oma durch Störung ihrer Hirnfunktionen wieder in die Jugend oder gar Kindheit gestürzt? War sie zurück in ihrer Heimat – sie, die Heimatvertriebene, geflüchtet aus Schlesien in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs? Sie hatte nie großes Heimweh nach der Vergangenheit geäußert. Doch je älter sie geworden war, desto häufiger hatte sie von Begebenheiten gesprochen, die in dieser Vergangenheit lagen.

Gibt es Zusammenhänge zwischen dem Altern und der Sehnsucht nach Heimat? Das Phänomen ist kaum erforscht. In den vielen Büchern, die in den letzten Jahren zum Thema Heimat erschienen sind, spielt es keine wesentliche Rolle. Eberhard Rathgeb erzählt in »Am Anfang war Heimat« (2016) vom Sterben seines Vaters: »Er sagte und dachte nicht an Gott, er sagte und dachte nur: zurück, über den Anfang hinaus, an dem er zu einem Menschen geronnen war, wie Dampf sich in einen Wassertropfen verwandelte. Das Heimweh erfüllte ihn, und er ließ es zu… Noch dieses letzte Aufflackern von Heimweh kurz vor dem Tod war ein Reflex auf die Grundbedingung des Lebens, dass es ein Zuhause gab und dass es ohne Heimat, auch in ihrer einfachsten Form, nicht sein konnte.«

Religiösen Menschen wird in diesem Zusammenhang sicher der Begriff Heimgang einfallen. Sie sind geprägt von der Vorstellung des Apostels Paulus, dass Heimat im Himmel sei, dass sich in einer Vorstellung von Geborgenheit jenseits des Todes jedes Heimweh (das Wort beinhaltet den Schmerz) endgültig auflösen ließe.

Die Bedeutung von Zeit

Der Philosoph Wilhelm Schmid denkt in seinem ganz neuen Buch »Heimat finden« über die Bedeutung von Zeit für den Umgang mit Heimat nach und formuliert: »Eine Heimat in der Zeit bietet vor allem der Horizont der Lebenszeit mit all den Jahren, die dem Einzelnen als ›seine Zeit‹ gegeben sind.« Die Zunahme dieser Lebenszeit, das Älterwerden, versetzt uns gern in Nostalgie. Das ist die Sehnsucht nach einer Wirklichkeit, die uns zwar noch vor Augen steht, wie Schmid schreibt, die aber nicht mehr da ist. Wir erinnern uns schmerzlich. Und mit Erinnerung hat Heimat wohl sehr viel zu tun. Und damit wieder mit dem Altern.

Denn je älter wir werden, desto größer wird der Zeitraum unserer Erinnerungen. Aber was aus diesen Erinnerungen in Zeit und Raum wählen wir aus, um es Heimat zu nennen? Wir diskutieren diesen Begriff aktuell ja deswegen so heftig, weil er lange Zeit umstritten und gemieden war. Umstritten, weil im Nationalsozialismus so heftig instrumentalisiert als reines Deutschtum. In dem Propagandafilm »Heimkehr« von 1941 heißt es zum Beispiel aus dem Mund von so genannten »Volksdeutschen« unter polnischer Zwangsherrschaft: »Auf der guten alten Erde Deutschlands werden wir wieder wohnen – daheim und zuhause. Und in der Nacht, in unseren Betten, wenn wir da aufwachen aus dem Schlaf, da wird das Herz in einem süßen Schreck plötzlich wissen: Wir schlafen ja mitten in Deutschland – daheim und zuhause…und ringsum, da schlagen Millionen deutsche Herzen…«

Ein Vorrat von Erinnerungen

Wegen solcher Floskeln war man vorsichtig geworden im Umgang mit dem Wort Heimat. Doch je unübersichtlicher die Welt in den Zeiten von Globalisierung und Migration wird, desto bedeutungsvoller wird es wieder. Das Alter macht den Vorrat an Erinnerungen auch unübersichtlich. Vielleicht suchen die Alten deswegen nach einem festen Standpunkt für die eigene Herkunft.

Aber so einfach scheint die Definition nicht zu sein: Heimat ist, wo ich herkomme. Der Ort der Herkunft kann ein unheimlicher Fluchtort sein. Vielleicht empfinden wir als Heimat eher einen Ort, an dem wir uns wohlgefühlt haben, einen Zeitraum des Glücks. »Heimat ist überall, wo die Liebe zur Erfahrung wird«, sagt Wilhelm Schmid. Also kann sie ganz gegenwärtig sein. Wieso haben wir dann meistens ein Verlustgefühl, wenn wir von Heimat sprechen? Muss Heimat in der Kindheit liegen und entfernt sich daher mit unserem zunehmenden Alter? Es ist jedenfalls auffällig, dass junge Menschen viel weniger von Heimat reden als Ältere.

Zustand von Verklärung, nie von Realität

Der Philosoph Ernst Bloch hat Heimat als etwas definiert, »das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.« Das heißt, dass Heimat immer utopisch ist, immer ein Zustand von Verklärung, nie von Realität. Aber wir glauben uns doch an den Geschmack von Speisen zu erinnern, an den Geruch bestimmter Räume, die wir mit Heimat verbinden, an Geräusche. Schwieriger wird es schon, wenn wir uns überlegen, in welcher Musik wir zu Hause sind. Wie klingt Heimat? Nach Schlagern, nach Volksmusik, nach den Beatles oder nach Richard Wagner? Fühlen wir uns heimatverbunden, wenn wir die Oldies etwa auf Bayern 1 hören? 

Oder die Sprache. Viele Menschen fühlen sich in der Sprache »dahoam«. Deswegen sprechen in der Migrationsgesellschaft so wenige Deutsch, wenn sie mit »Landsleuten« zusammen sind. Eine besondere Sprachheimat ist der Dialekt. Da muss ich wieder an meine Großmutter denken. Sie sprach ein nettes, leichtes Oberschlesisch. Ich habe es nie gelernt, blöderweise. Der Dialekt geht verloren, nachdem die Heimat verloren gegangen ist, nachdem die Menschen gegangen sind, die sich darin zu Hause fühlten. Für die Späteren kann er keine Sprachheimat mehr sein.

Wir können die Phänomene Heimat und Altern hier nicht endgültig klären. Aber Wilhelm Schmid liefert uns in seinem Buch noch einen wesentlichen Denkanstoß: »Unmerklich entsteht ein Heimatgefühl in der Zeitspanne zwischen Geburt und Tod. Zwischen diesen Eckpunkten liegt die eigene Zeit, die in der ersten Hälfte des Lebens schier endlos erscheint, in der zweiten Hälfte aber plötzlich als schrecklich knapp realisiert wird. Zuhause ist ein Mensch in dieser Zeitspanne, da ihm die persönlichen und historischen Ereignisse, die zu »seiner Zeit« geschehen, sowie die typischen Musikstile, Gedanken und Verhaltensweisen vertraut sind. Verliert sie ihre Vertrautheit, wird ihm bewusst, dass dies nicht mehr seine Zeit ist.

Herbert Heinzelmann

Zur Lektüre empfohlen: Wilhelm Schmid: »Heimat finden – Vom Leben in einer ungewissen Welt«. Suhrkamp Verlag. 480 S., 24.- Euro