vignette2012Hello All, letztes Wochenende haben wir das chinesische Neujahresfest begangen; wie früher, zumindest so ähnlich, wie in der Heimat der meisten unseres Clans, damals, als alle noch zusammen waren. Heimat? Wie übersetzt man „Heimat“ in einer mehrsprachigen Runde? Auf Englisch lautet das „homeland“ ; passt aber gar nicht zum heimeligen Gefühl: Unter „homeland“ verstehe ich eher einen politischen Anspruch auf – oft eroberte – Ländereien. Spanisch: „patria“ – das Vaterland? Das ist für mich diese nicht unschuldige Idee von gemeinsamer Geschichte, Kultur, Schicksalsgemeinschaft und Raum; ein zu belastetes Konzept, das auch für unser Heimatgefühl deutlich überdimensioniert erscheint. Auf Hochchinesisch wird Heimat oft nur mit „jia“ 家 , übersetzt, was gleichbedeutend ist mit Familie, Clan, Haushalt. Das schien uns zu eng auf die eigenen vier Wände und deren Inhalt begrenzt. Also versuchten wir es mit Beschreibungen. Die Jüngeren am Tisch sahen Heimat dort, wo heute ihre Eltern leben, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hatten und vieles noch heute, vom Schlittenberg bis zum Geruch von Trinkschokolade und Lebkuchen, lieb gewonnene Eindrücke aufleben lassen. Heimat sei, was an Gefühl übrig bleibt, wenn man alle negativen Erinnerungen auslässt: Ist Heimat auch ein Ort? Ja, auch die typische Landschaft mit allem, was dazu gehört.
„Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat“.
Vor allem für die Älteren aus Hong Kong war’s schwieriger, ihre Heimatvorstellungen ähnlich zu definieren. Die geographischen Koordinaten des Stadtstaates stimmen zwar noch; aber das war’s dann auch fast schon, bis auf die arg ausgedünnten Star Ferrylinien und zur Zeit ebenfalls ausgetauschten Doppeldeckerstrassenbahnen. Nach vierzig Jahren gibt es die alte Heimat fast nirgendwo mehr zu sehen, weder zu schmecken, hören oder treffen: Wo Häuschen an schmalen Fußpfaden sich in die Bergflanken geschmiegt hatten, ragen heute Wolkenkratzer in den Himmel; die Gerüche und das Geschnatter der Freiluftmärkte sind für immer verflogen und verstummt; wo Sampans und Dschunken dümpelten recken sich Bürotürme. Die Eltern? Sind nicht mehr; die Jugendfreunde in alle Welt verstreut. Selbst die Muttersprache, das Kantonesisch hat sich verändert; Redewendungen und Aussprache klingen zunehmend anders, beschleunigt seit der Übernahme der Kronkolonie durch die VR China 1997. Sprachlose Heimat?
Fast nichts bietet unseren alternden Emigranten brauchbare Ankerplätze für deren fragilen Erinnerungen. Deren geglückte Immigration nach Kanada, USA oder Europa schuf ihnen neue, schöne Zuhause, gewiss; spannende Biographien, Erfolge unter neuem Pass, Zugang zu neuen Sprachen, neue Freunde – ist das Heimat? „Heimat sind wir selbst, zueinander“; Heimat sind die uns vertrauten Menschen; heimatlich kommen wir uns vor, wenn wir uns bis ins Altern begleiten können. Heimat ist kein Ort, da waren wir Alten uns einig; sondern das sind für uns die langjährigen Mitmenschen; Heimat ist das Gefühl der Zugehörigkeit, verbunden mit vertrauten Klängen, Stimmen, Farben, Geschmack, Gerüchen als Kulisse zur Selbstfindung– alles mobil, kein fester Ort mehr , aber um so wertvoller.
Wohl dem, der jetzt noch – eine Heimat hat, egal in welcher Sprache.
Ihr Global Oldie
P.S: das hier ist ein unschuldiger Blog und keine Dissertation. Dennoch sei erwähnt: Das Leitmotiv “Wohl dem…” stammt aus der Feder von Friedrich Nietzsche; seine melancholische Metapher zu Winter, Kälte und Einsamkeit. Meinte er mit Winter auch das Alter? Sehr lesenswert, am besten jedoch in heimeliger Stimmung.