Claudia Wöger und Hündin Cleo haben endlich Zeit, die Geschichte von verlassenen Orten wie diese Kapelle zu erkunden.

Die Corona-Pandemie erfordert ein großes Maß an Verzicht: Viele Menschen können in ihrem Beruf nicht oder nur eingeschränkt arbeiten, der Urlaub fällt aus, Unternehmungen wie Konzerte und Museumsbesuche waren nicht möglich und sind auch jetzt von Einschränkungen überschattet. Was aber am schlimmsten ist: Wir müssen Abstand halten, um Angehörige und Freunde sowie uns selbst zu schützen. Doch auch in dieser Krise können Menschen Bereicherndes und Neues entdecken, wie vier Beispiele zeigen.

Claudia Wöger marschiert mit energischen Schritten den Weg entlang. Neben ihr trottet ihre Hündin Cleo und wedelt mit dem Schwanz. Zwei Stunden sind sie jeden Tag im Lorenzer Reichswald unterwegs – seit dem Lockdown sind ihre Runden deutlich länger geworden. »Ich war durch den Hund auch früher viel draußen, aber jetzt habe ich mir ›meinen Wald‹ hier noch einmal ganz neu erschlossen.«

Begegnungen mit Fuchs, Marder, Bussard und Geschichte

Erst kürzlich hat sie auf wenig frequentierten Pfaden Fuchs, Marder und Bussard gesehen. »Wo hat man denn so nah an der Großstadt noch die Gelegenheit zu solchen Begegnungen?«, sagt sie. Doch das Gebiet am Schmausenbuck hat nicht nur Natur zu bieten, sondern auch jede Menge Geschichte. Dabei hat sie herausgefunden, dass die Justizvollzugsanstalt (JVA) am Holzweiher ein landwirtschaftliches Gut betrieben hat, das bis in die 1970er Jahre bestand. Der Zaun dazu fiel erst in jüngster Zeit. Häftlinge arbeiteten hier tagsüber in verschiedenen Betrieben. Es gab eine Baumschule und einen Tierzuchtbetrieb. Außerdem wurden Nutzpflanzen angebaut. Am Abend wurden die JVA-Insassen wieder zurück in ihren Gefängnistrakt gebracht. 

Claudia Wögers Spaziergänge führen sie auch zur sogenannten Russenwiese, einer 15 Hektar großen Lichtung nahe dem Trainingsgelände des 1. FC Nürnberg. Der Name hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg eingebürgert, weil es dort während des Krieges ein Lager für russische Kriegsgefangene gab. Im Zweiten Weltkrieg waren auf dem Gelände bis zu 2000 Zwangsarbeiter vorwiegend aus Osteuropa in einem provisorischen Zeltlager untergebracht. Sie mussten unter schlimmen Bedingungen leben. Auch das Nürnberger »Arbeitserziehungslager« befand sich vom Oktober 1942 bis zu seiner Zerstörung bei einem Luftangriff im August 1943 auf der »Russenwiese«. 

Sie lebt bewußt zurückgezogen

Die Zeit zwischen Natur und Geschichte bedeuten der 56-jährigen Nürnbergerin gerade in dieser Krisenzeit unheimlich viel. »Meine ausgedehnten Ausflüge in den Wald und die Nürnberger Geschichte sind ein wichtiger Ausgleich. Wir leben gerade sehr zurückgezogen.« Sie will nämlich mit einem guten Beispiel vorangehen und ihren Teil dazu beitragen, dass diese Infektionswelle bald ein Ende hat. Gerade erst hat sie endlich auch eine kleine Kapelle im Wald entdeckt, von der sie wusste, dass es sie gibt. Nun will herausfinden, was es mit dem verfallenen Gemäuer auf sich hat. 

 Wesentlich kleiner, aber ebenso erfüllend sind die Runden von Gertraude Rudel. Die 97-Jährige lebt im Stift an der Bingstraße in Nürnberg. Hier dürfen die Bewohner zwar weiterhin die Anlage verlassen, Besucher sind aber im Heim wegen Corona tabu. Deshalb trifft sich die betagte Dame nun regelmäßig am Valznerweiher mit ihrer Tochter Silke. Ihr Lieblingsplatz ist eine etwas abgeschiedene Bank mit einem dichten Schilfgürtel im Hintergrund. Sie wird bei den Treffen schön gedeckt wie ein Tisch. Dann gibt es Kaffee und Kuchen – und natürlich Neuigkeiten aus der Familie und dem Stift. Die beiden Frauen unterhalten sich aber auch über die allgemeine Lage und Politik. 

Zu Fuß zur Lieblingsbank ganz ohne Rollator

Manchmal wird Gertraude Rudel von ihrer Tochter mit dem Auto abgeholt. Meistens aber schafft sie den Weg vom Bingheim zur Lieblingsbank auch zu Fuß – ganz ohne Rollator. »Es ist toll, wenn ältere Menschen noch etwas anderes sehen und hören, sich etwas zutrauen. So kommt sie heraus aus ihrem Trott, ohne dass wir gegen die Regeln verstoßen«, freut sich die Tochter und die Mutter pflichtet nickend bei. »Ich will doch wissen, was im Leben meiner Familie los ist.«

Es zahlt sich aus, dass sie sich auch in Corona-Zeiten nicht ängstlich in ihre vier Wände zurückgezogen hat, wie leider viele der anderen Bewohner. Sie macht täglich einen langen Spaziergang. Für die geistige Fitness sorgen Zeitunglesen, TV-Nachrichten und -Sendungen, vor allem aber das regelmäßige Kaffeekränzchen an ihrem neuen Lieblingsplatz am Weiher. Diese soziale Ansprache ist umso wichtiger, als die gemeinsamen Mittagessen der Heimbewohner, die vor der Pandemie liebevoll zelebriert wurden, aus Sicherheitsgründen ausfallen müssen. Dieses Zusammensein und der Austausch fehlen den alten Menschen. 

Opa Dieters Video-Lesestunde

Karl Dieter Wilhelm hat sich schnell umgestellt und seine Geschichten für Kinder als Videos aufgenommen.

Auch Karl Dieter Wilhelm hat in der Phase des Daheimbleibens etwas Neues für sich entdeckt, das ihm »Social Distancing«, also das Abstandhalten, ermöglicht, ohne dass der soziale Kontakt ganz verloren geht. Der 87-jährige Nürnberger ist nämlich eigentlich ein äußerst kommunikativer und aktiver Mensch, der sich trotz seines Alters ehrenamtlich engagiert. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie hat er einmal pro Woche Jungen und Mädchen in der Kindertagesstätte MIO an der Bärenschanzstraße aus seinem Kinderbuch vorgelesen und seine selbst geschriebenen Geschichten erzählt. Auf dieses Ritual zu verzichten, war für Wilhelm undenkbar. Da kamen die Erzieherinnen auf eine Idee: Er sollte sich beim Erzählen der Geschichten selbst auf Video aufnehmen. Die Aufnahmen wurden dann über den Computer in die Daten-Cloud hochgeladen und den Eltern zur Verfügung gestellt. So konnten die Kinder sich auch zu Hause von ihrem »Opa Dieter« etwas vorlesen lassen, als die Tagesstätte geschlossen war.  

Sein Erfolgsgeheimnis: »Ich bin im Innern Kind geblieben.« Die Episoden von Emil Rotschopf, den Pflasterkindern oder dem Hausgeist sind mittlerweile in drei Bänden mit dem Titel »Opa Dieter, haste noch ’ne Geschichte?« erschienen. »Kinder lernen durch Vorlesen, aufmerksam zu sein und Dinge zu hinterfragen. Es erweitert ihren Wortschatz«, betont Wilhelm. Auch für die Eltern der MIO-Kinder war seine Vorlesestunde eine Wohltat. Sie konnten sich ein paar Minuten entspannen oder wichtige Dinge erledigen, solange ihr Nachwuchs beschäftigt war. Für den 87-Jährigen war das Aufnehmen des Videos zwar eine neue Erfahrung. Schwierigkeiten aber hatte er nicht damit. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern des Computerclubs Nürnberg CCN 50 plus und ist bis heute aufgeschlossen für technisch Neues. 

Bridge goes Internet

Viel mehr als eine Notlösung ist für Barbara Hanne ein Bridge-Turnier auf der Online-Plattform.

Auf Technik und Digitalisierung als Mittel gegen Untätigkeit, Einsamkeit und Hobbyverlust in der Corona-Zeit setzt man auch bei den 26 regionalen Bridgeclubs im Landesverband Nordbayern. Die Aussichten, das Spiel in Zeiten der Quarantäne und Kontaktbeschränkungen weiter zu spielen, schienen erst einmal mehr als schlecht. Denn hier geht es neben dem Spiel an sich darum, andere Leute zu treffen, neue Spieler kennenzulernen und mit bereits vertrauten zusammenzukommen. »Das Eingebundensein in eine Gemeinschaft ist wichtig«, erläutert Barbara Hanne, die sich seit Jahren für Bridge engagiert.

Umso trauriger wäre es gewesen, wenn die Szene in Corona-Zeiten brach gelegen hätte. Denn eigentlich handelt es sich bei Bridge um ein Präsenzspiel. Für die Partien treffen sich vier Personen. Je zwei sich gegenüber sitzende Spieler bilden ein Paar, das auch zusammen gewertet wird. Ziel ist es, die angekündigte Stichzahl nicht nur zu erreichen, sondern zu erhöhen. »Man muss ständig konzentriert sein, vorauschauend denken, abschätzen, rechnen und reagieren – das ist Gehirnjogging pur für die Generation 50 plus«, so Barbara Hanne.

Onlinespiele und -Turniere, bis die Clubs wieder öffnen

Statt sich in die Untätigkeit zu fügen, bietet der Landesverband Nordbayern nun auf einer Plattform an, dass sich Bridge-Begeisterte übers Internet treffen, zu Onlinespielen und -Turnieren verabreden und austauschen, bis alle Clubs wieder öffnen können. »Und siehe da: Die Kommunikation läuft weiterhin«, freut sich die 65-Jährige. »Menschen, die schon in ihren Siebzigern oder Achtzigern sind und Computer bisher zum Teil für Teufelszeug gehalten haben, machen hier mit. Alles, was früher spieltechnisch in den Clubs lief, läuft jetzt online auf der Bridge Base Online BBO«, berichtet Hanne begeistert. »Wir rufen uns vorher an und verabreden uns – das kurbelt die Kommunikation untereinander sogar noch an.«

Und auch wer krank oder körperlich geschwächt ist, kann nun mit von der Partie sein. Außerdem steigen jetzt junge Menschen mit ein. »Im Wandel liegt auch eine Chance«, da ist sich Hanne sicher. »Die Entwicklung macht älteren Leuten Mut, neue Wege zu gehen.«

Text: Alexandra Voigt
Fotos: Michael Matejka