Irgendwann ist es mir selbst aufgefallen. Ich rede seit einiger Zeit mit meinen Möbeln. Zum Beispiel mit meinem Küchenschrank. »Dich müsste ich auch mal auswaschen« oder mit meinem Glastisch: »Mensch, du bist ja schon wieder staubig.« – Als aufmerksame Leserin werden Sie bemerken, dass hier Zweierlei nicht stimmt. Erstens wird es dem Tisch egal sein, und zweitens ist er schon gar kein Mensch. Egal. Etwas weniger herablassend spreche ich mit meiner Couch. Noch nie in meinem Leben habe ich so oft und lange darauf herumgelegen. Und das beschämend müßig.

Während der ersten Welle (Sie wissen schon…) war ich noch voller Schwung. Endlich mal ran an alle sieben Bände von Marcel Proust, rund 4000 Seiten, Titel und Thema aktuell wie nie: »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Dauerte der Ausnahmezustand länger, käme »Zettel’s Traum« von Arno Schmidt an die Reihe, etwa 1330 Seiten, danach vielleicht »Ulysses« von James Joyce, knapp 1000 Seiten. Insgesamt also über sechstausend Seiten Literatur, um die ich mich bislang gedrückt hatte. Doch auf besagter Couch liegend geriet mein Gehirn in einen permanenten Dämmerzustand und schaffte nur noch Charlotte Link. 

Und dazu noch das: »Wenn einer sich schlampig anzieht, denkt er auch schlampig«, sagte Modeschöpfer Wolfgang Joop kürzlich in einem Interview. Wenn das stimmt, muss ich mich über meinen Geisteszustand nicht wundern. Seit, ach, ich weiß nicht wie vielen Wochen, hänge ich im Gammel-Look herum. »Wer eine Jogging-Hose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren« – dieses Karl-Lagerfeld-Zitat, inzwischen Allgemeingut, gibt mir den Rest. Die beiden Herren sind vom Fach, sie müssen es wissen.

Jogginghosen gehen gar nicht, vor allem in der Öffentlichkeit. Sie haben sogar Lokalverbot. Wenn die Meldung stimmt, ist dies in einem Mülheimer Café der Fall. Im Aushang heißt es unter einer rot durchgestrichenen Jogginghose: »Jogginghosen nicht erlaubt. Verehrte Gäste, wir bitten Sie, unser Lokal nicht in Jogginghosen zu besuchen.« Das allerdings würde mir nie passieren. Einen Rest von Würde habe ich mir schließlich bewahrt. Schön wäre es, ich ginge Joggen (in Jogginghosen). Denn: »Wer joggt, hält seinen Körper in Shape. Hat also Kontrolle über seine Physis und damit über sein Leben.« Sagt wiederum Wolfgang Joop. – Hilft mir nicht, ich jogge nicht. Ich gammle bloß durch die Wohnung und spreche mit meinem Mobiliar. Wenigstens haben wir kein Kontaktverbot. 

Himmel, wo soll das enden? Und wann? Ob sich das Gehirn nach langer Untätigkeit wieder erholt? Sogar wenn man hin und wieder auf der Couch liegt? Dann vielleicht in Jeans und nicht in – nein, nicht schon wieder! Ich glaube, ich gehe jetzt besser in die Küche und spreche mit meinem Kühlschrank. Das haben vor mir schon andere getan, zum Beispiel Axel Hacke. Der hat darüber ein Buch geschrieben und damit sogar viel Erfolg gehabt. »Nächte mit Bosch«, – sollten Sie vielleicht mal lesen – am besten auf der Couch und in – neiiin!!! 

Brigitte Lemberger

Cartoon: Sebastian Haug