Hello All,

mit einem langen Leben erreicht man angeblich ein „hohes Alter“.  Was ich als einen irreführenden Euphemismus in Sachen Alter auslege. Weil sich „hoch“ spontan zu gut anhört. Doch, wortwörtlich interpretiert, auch nach blankem Hohn. Tatsache ist, man schrumpft im Alter. Während meiner Gymnasialzeit in den 1960zigern überragte meine Augenhöhe im Stehen die der meisten Mitfahrer in der Metro, Straßenbahn oder im Bus. Was mir gefiel. Als ich in den 1970zigern nach Ostasien und Lateinamerika kam, durfte ich mich zeitweise sogar als großen Blonden inszenieren.

Diese Rolle und diesbezügliche Eitelkeiten musste ich in den nachfolgenden Jahrzehnten aus meinem Selbstdarstellungsrepertoire wieder streichen. Nicht nur, weil mir für „blond“ die Substanz abtrünnig wurde. Altern ist nichts für eingebildete Hochgewachsene. Ich füge mich seitdem dem biologischen Mainstream. Zwischen 3 – 4 cm an Körperhöhe kosten einem durchschnittlichen Senior die physischen Alterungsprozesse der Knochen, Knorpel und Muskeln. Optisch verstärkt durch den unnötigen Verzicht auf die einst kecke, aufrechte Haltung, weil viele von uns Kopf und Schultern der Schwerkraft preisgeben.

Und das sind nur die absoluten Veränderungen, zu denen sich die relativen Vergleichsmaßstäbe addieren. In den letzten 50 Jahren sind die nachfolgenden Kohorten messbar gewachsen. Je nach Region, Ernährung und sozialer Schicht überragen die Millennials und Generation Z-Jahrgänge uns Baby-Boomer um 5 –12 cm an Körpergröße; gemessen am statistischen Medianwert. Und das ohne Plateau- oder Stöckelschuhe. Also nehme ich gerne jeden angebotenen Sitzplatz im öffentlichen Personenverkehr an. Auch, um die vor einem halben Jahrhundert gefeierten Augenhöhevergleiche zu vermeiden.

Das passt zur Rundum-Reduktion im Alter, die über die absinkende Scheitelhöhe hinausgeht. Mit dem Ruhestand kommt der schwindende soziale Einfluss; weder Kunden, Lieferanten oder Mitarbeiter zollen Respekt. Den kann ich mir vielleicht noch beim Apotheker erkaufen oder am Spielplatz mit Klimmzügen erheischen. Doch die werden weniger. Reduktion vollzieht sich auch in der Hirnmasse; die Anzahl der Neuronen und Synapsen geht um bis zu 10 % im Alter zurück. Gut, vergesslich sind auch Jüngere; die kompensieren das mit mehr Apps. Spürbar reduziert sich die eigene Reichweite zu Fuß; aus ambitionierten Wanderungen werden Spaziergänge. Und hoch hinaus gehen die auch nicht mehr, es sei denn mit der Seilbahn.

Bitter ist die allmähliche Reduktion des Freundeskreises aus Gründen, die sich jenseits des hohen Alters finden. Aus dem Höhenflug der Biografie geht’s gefühlt Jahr um Jahr in den tiefen Sinkflug. So betrachtet wäre es doch konsequent und ehrlicher, im Windschatten der Gender-Umprägung der deutschen Sprache, vom tiefen Alter zu sprechen, wenn das vorgerückte gemeint ist. Ganz ohne *Stern und Schluckauf beim Sprechen.

Ihr Global Oldie

*Median ist ein Mittelwert, bei dem die eine Hälfte aller Messungen unterhalb, und die andere oberhalb dieses Durchschnitts liegen. Der Median eignet sich besser als das weitverbreitete arithmetische Mittel zur realistischen Darstellung von Sachverhalten.