Seit einem Jahr zerrt die Corona-Krise an unseren Nerven – bei Jung und Alt. Ständig muss man umdenken, sich Neuem stellen, lieb gewordene Rituale aufgeben, soziale Kontakte beschränken. Große Hoffnungen ruhen auf den Impfungen, die uns Schritt für Schritt zurück in die Normalität führen sollen. Wir sprachen mit vier Senioren über ihre Probleme, Freuden und Leiden in dieser schwierigen Phase: Fühlen Sie sich hilflos, eingesperrt, teilweise depressiv, oder sehen Sie die Pandemie mehr oder minder gelassen? Können Sie Ihren Hobbies nachgehen? Wenn nein, was tun Sie stattdessen? Kann man die Entbehrungen der Corona-Zeit mit denen der Nachkriegsjahre vergleichen? Was halten Sie von den Querdenkern? Lassen Sie sich impfen? Und schließlich: Was tun Sie als Erstes, wenn wieder »normale Zeiten« anbrechen?

Gerhard Kohl versucht sich mit Joggen fit zu halten.

Gert Kohl (78), wohnhaft in Zirndorf, verheiratet, zwei Kinder. Er war von 1975 bis 1994 Leiter der dortigen Stadtwerke. Der ehemalige SPD-Kommunalpolitiker wurde 1994 zum Bürgermeister Zirndorfs gewählt und im Frühjahr 2000 im Amt bestätigt. Zur Wahl 2006 kandidierte er nicht mehr. »Ich fühle mich weder hilflos noch eingesperrt. Aber es ist schon erstaunlich, wie ein winziges Virus, ein mit keinem unserer Sinne erfassbares Gebilde aus Nukleinsäuren, sich bei uns einschleichen und im menschlichen Körper so viel Schaden anrichten kann – und das bei einer rasanten weltweiten Verbreitung. Das zwingt uns, die Infektionsgefahr zu minimieren, was bei einem solchen Urheber äußerst schwierig ist. Aufgrund dieser Krise hat sich natürlich mein persönlicher Lebensstil sehr verändert. Meine Hobbies liegen brach oder sind nur noch bruchstückhaft möglich. Fahrten nach Erlangen, wo ich seit meinem Ruhestand bei der Uni als Gaststudent eingeschrieben bin, gehen nun leider nicht mehr. Auch beim Sport, meiner zweiten großen Leidenschaft, muss ich Abstriche machen, lediglich ein paar Mal Joggen in der Woche ist noch geblieben. Aber das reicht bei weitem nicht aus, meine Muskulatur gleicht mittlerweile eher Tränensäcken. Man kann die Hoffnungen und Ansprüche der Jungen von damals gegen die von heute nicht aufrechnen, das ist überhaupt nicht vergleichbar. Als 42-er Jahrgang habe ich die erste Nachkriegszeit mehr oder weniger als »normal« empfunden. Das war halt so, wie es war, anders kannte ich es ja nicht. Später spürte ich dann, dass die Welt auch schöner und besser sein kann. Was die Querdenker betrifft, muss ich immer wieder feststellen, dass es Menschen gibt, die in einer Gedankenwelt leben, die mir vollkommen fremd ist. Wenn die Krise vorbei ist, wird es das Erste sein, einmal wieder gemütlich mit Freunden in einem Gasthaus zu feiern, das fehlt mir schon.«

Sigrid Nowak hofft, gut durch die Corona Pandemie zu kommen.

Sigrid Nowak (83), wohnhaft in Zirndorf-Bronnamberg, verwitwet, drei Kinder. Die ehemalige Sport-, Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin ist eine erfolgreiche Schwimmerin, die mehrmals ausgezeichnet wurde, und Schwimmtrainerin. Sie ist seit 40 Jahren Mitglied beim TSV Zirndorf: »Zum Glück habe ich ein gemütliches und warmes Zuhause und kann ins Grüne schauen, ich kann mich mit mir selbst beschäftigen. Trotzdem fühle ich mich eingeschränkt und eingesperrt und hoffe, dass wir mit den Maßnahmen unserer Regierung das Virus bald in den Griff bekommen. Natürlich fehlt mir mein täglicher Schwimmsport, aber stattdessen mache ich Gymnastik und trainiere täglich auf meinem Heimfahrrad. Auch wenn uns die Krise im Griff hat, sehe ich trotzdem die positiven Seiten des Lebens und lasse Einsamkeit und Hilflosigkeit nicht aufkommen. Jammern hilft nichts. Die Corona-Maßnahmen mit der Nachkriegszeit zu vergleichen, ist absoluter Humbug. Wir standen 1945 vor dem Nichts und mussten Stück für Stück Aufbauarbeit leisten. Heute leben wir doch in einer absoluten Konsumwelt. Die Corona-Gegner betrachten das nur aus ihrer Perspektive. Sie sehen zwar ihre persönliche Freiheit eingeschränkt, ignorieren aber das Wohl ihrer Mitmenschen. Zu Beginn der Pandemie habe ich mich noch an Diskussionen beteiligt. Aber mittlerweile rede ich nicht mehr darüber, weil die Gespräche um das Thema Corona meist mit Beschimpfungen der Politiker enden, und das frustiert mich. Zuerst habe ich gezögert, aber jetzt denke ich, es sei besser, sich impfen zu lasssen. Sobald wieder Normalität unser Leben bestimmt, werde ich meine Trainerlaufbahn beim TSV Zirndorf aktivieren. Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen mit den Teilnehmerinnen unseres Gymnastikkurses.«


Inge Hartosch

Inge Hartosch (75), wohnhaft in Fürth, Diplom-Verwaltungswirtin, verwitwet, zwei Kinder. Sie arbeitete 40 Jahre lang bei der Stadtverwaltung Fürth (Kämmerei, Sozialamt und Stadtplanung). Seit 2016 ist sie Vorsitzende des Seniorenrats der Stadt Fürth: »Wir leben in harten Zeiten, aber ich versuche, das Beste daraus zu machen. Den Anfang der Corona-Beschränkungen empfand ich als gar nicht so schlimm. Doch der zunehmende Abbau sozialer Kontakte seit Ende des vorigen Jahres macht mir schon zu schaffen. In der Vorweihnachtszeit 2020 fiel der gemütliche Adventsbummel aus, es gab keine Café-Plaudereien mit Bekannten mehr, und auch der beliebte monatliche Stammtisch des Seniorenrats musste ins Wasser fallen. Froh bin ich darüber, dass ich mich mit meinen Kindern immer wieder per Video verständigen kann. Bedauerlich ist natürlich, dass ich mein Ehrenamt als Vorsitzende des Seniorenrats der Stadt Fürth zurzeit nicht ausfüllen kann, weil unser Büro geschlossen ist. Da ich nun mehr Zeit zuhause verbringe, habe ich das Lesen wieder entdeckt. Auch das Sortieren von Urlaubsbildern in Fotoalben macht mir viel Spaß. Dagegen ärgert mich das Geschrei der Jüngeren, dass sie keine Parties in Privatwohnungen feiern können und ihnen ein verlorenes Jahr bevorsteht. Der Maßstab in der Pandemiebekämpfung darf sich nicht am Alter orientieren, sondern an dem, was zumutbar und machbar ist. Ich habe auch kein Verständnis für Vergleiche mit der Kriegs- oder Nachkriegszeit. Der Impfung stand ich anfangs skeptisch gegenüber wegen irgendwelcher Nebenwirkungen, weil ich Asthma habe. Doch sollte es machbar sein, werde ich mich impfen lassen. Kaum ist die Corona-Krise vorbei, werde ich meine Kinder umarmen und drücken. Uns fehlt die emotionale Verbindung, die eine ersehnte Berührung auslöst. Eine Reise steht auch auf meinem Wunschzettel.«

 

Herbert Schmitt hat ein Hobby, das viele interessiert: Super-8-Filme.

Herbert Schmitt (82), wohnhaft in Nürnberg, verheiratet, ein Kind. Schmitt war in den 50-er und 60-er Jahren als staatlich geprüfter Filmvorführer in den großen Nürnberger Filmtheatern tätig. Nach der Kinokrise wechselte er zu Foto Porst, wo er 28 Jahre lang im Technischen Kundendienst arbeitete: »Außer den altersbedingten Wehwehchen geht es mir in der Rente ganz gut. Ich resigniere nicht und habe keine Depressionen. Was mein Hobby betrifft, so schaue ich mir immer wieder gerne meine Super-Acht-Filme an, von denen ich zwei Schränke voll habe. Außerdem gehe ich jeden Tag spazieren. Wenn 40-bis 50-Jährige heute Vergleiche mit der Nachkriegszeit ziehen, weil sie Eingriffe in ihre Grundrechte ertragen müssen, ist das völlig absurd. Sie haben von der Kriegszeit und ihren Folgen keine Ahnung. Wir Älteren mussten schauen, wie man einfach überlebte, wir hatten keinen Psychologen und keinen kirchlichen Beistand zur Seite. Wer sich zu den Querdenkern zählt, sollte ein Papier unterschreiben, in dem steht: ›Falls ich Corona bekomme, verzichte ich auf eine Behandlung im Krankenhaus.‹ Die Impferei ist doch ein Kuddelmuddel. Meine Frau und ich sind bereits von der Stadt Nürnberg darüber informiert worden, dass wir geimpft werden, aber wann das sein wird, weiß keiner. Wenn die harte Zeit vorbei ist, werden meine Frau und ich sofort wieder ins Schwimmbad und in den Gymnastikkurs gehen. Nur, wann wird das möglich sein?«

Interviews: Horst Otto Mayer

Fotos: Michael Matejka, Unser Aufmacher-Foto zeigt Sigrid Nowak