Kampfsport ist auch für die Generation 60plus attraktiv: Für Trainer Uwe Wittmann ist Karate ein gelenkschonender Fitness-Sport. Foto: Kat Pfeiffer

Alles beginnt mit der Verneigung vor dem Ort. So verhält sich jeder frisch eintreffende Teilnehmer am Karate-Kurs in der Nürnberger Südstadt. Jedem und jeder Einzelnen ist anzusehen, dass Haltung zeigen hier das oberste Gebot ist. Dabei gehören die allermeisten zur Altersgruppe 60 plus – und bewegen sich aufrecht wie bei einer Krönungszeremonie, nur geschmeidiger. Der Kopf sitzt, als werde er von einer Schnur emporgezogen, die Schultern sind gerade und entspannt.

Der Karate-Kurs im Treff Bleiweiß ist ein typisches Bespiel dafür, wie sich die Einrichtung gerade verändert und sich für die Generationen öffnet. Seit 1987 ist »das Bleiweiß« ein Treffpunkt für Ältere, nicht nur aus der Nürnberger Südstadt. Julius Leib, kommissarischer Leiter des Treffs und Mitarbeiter im Seniorenamt der Stadt, ist stolz auf die Stammkundschaft, viele sind seit Jahrzehnten dabei. 

Das Durchschnittsalter steigt

Der hohe Anteil an Stammkunden hat Folgen: Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden stieg kontinuierlich an – zwischen 2010 und 2017 von 71,7 auf 76,6 Jahre. »Daraus erwächst ein gewisser Handlungsbedarf«, sagt Leib. »Wenn wir auch in Zukunft ein lebendiger Ort der Begegnung sein wollen, muss es uns gelingen, die Babyboomer-Generation anzusprechen, die nach und nach ins Rentenalter kommt.«

So arbeitet die Leitung an einer Neuaufstellung und zukunftsfähigen Weiterentwicklung des Treffs, »ein immer so weiter« ist aus der Sicht des zuständigen städtischen Seniorenamts keine Option. Frische Impulse sollen Ideenstammtische zu neuen Formen ehrenamtlichen Engagements geben. Außerdem wolle man eine Plattform für die Beteiligung Älterer an aktuellen Diskursen bieten wie Rechtsextremismus/Rassismus oder Ökologie/Klimawandel, verstärkt durch fachkundige Referenten. »Seniorinnen und Senioren sind in diesen Diskursen oft unterrepräsentiert, obwohl sie eine Menge beizutragen haben«, meint Leib. Das seien Ansätze, die es auszuprobieren gelte; eine feste Agenda zur Ansprache dieser »neuen Alten« gebe es hingegen nicht. »Ich denke, es ergibt nur begrenzt Sinn, den Menschen ein festes Menü an Angeboten vorzusetzen. Was die nun in die Jahre kommende Babyboomer-Generation betrifft, wollen wir vor allem erst einmal zuhören, was die Leute brauchen.«

Schmerzfrei dank Kampfsport

Aktuell hat die Corona-Pandemie im Treff ihre Spuren hinterlassen. Das Programm lag monatelang weitgehend brach, ab September startet es wieder. Karate ist eines der wenigen Angebote, das bereits seit Juni wieder fortgeführt wird.

Bei den Karatekämpfern in der Halle ist Anspannung Trumpf, wenn es zur Sache geht. Bei den Übungen verhelfen die Muskeln zu einem festen Stand ohne Wackeln, egal, ob bei der 15-jährigen Verena Wedel oder beim 77-jährigen Gert Arnold. Der einstige Studiendirektor ist der Älteste in der Gruppe, seit sechs Jahren dabei und hat den asiatischen Sport schon als Student betrieben, danach lange nicht mehr. Was ihm das Training bringt, fasst er kompakt zusammen: »Ich bin schmerzfrei.« Vor Jahren war das völlig anders, er litt unter höllischen Schmerzen, konnte nicht mehr laufen wegen einer Verengung des Rückenmarkkanals. Die anstehende Operation hatte sich erübrigt, dem Sport sei Dank. 

Im Corona-Sommer läuft das Training ein bisschen anders ab als sonst, Kämpfe mit Körperkontakt unterbleiben. Kreuze auf dem Boden des Saals markieren die Positionen der Teilnehmer, damit der vorgeschriebene Abstand gewahrt ist. Für Trainer Uwe Wittmann steht ohnehin der »Kampf nicht im Vordergrund«, sondern gelenkschonender Fitness-Sport, Ausdauer, Koordination, blitzschnelle Reaktion, Prävention. Zudem ist Karate eine Art von Gedächtnistraining, denn 26 komplexe Bewegungsabläufe muss man sich erstmal merken können – und ständig dazulernen. Mit seiner Karatesportschule »bespielt« der 58-Jährige den Großraum Nürnberg mit zehn Trainingseinheiten pro Woche, darunter viele Kurse für Kinder. Im Bleiweiß ist er seit 2013.

Handkantenschlag gegen den Hals

Kraftvolle Schreie in der Halle an der Hinteren Bleiweißstraße zeigen, dass es sich im Grunde dennoch um Kampfsport handelt. Wittmann, im Hauptberuf Berater in der Immobilienbranche, führt vor, was ein Handkantenschlag gegen den Hals des Gegners anrichten kann, wie im Verteidigungsfall das Zungenbein gebrochen werden könnte, wenn der Schlag zu Ende geführt werden würde. Oder: »Ich drücke mit den Fingern auf den Knorpel hinter dem Ohr.« Der Angreifer gibt reflexartig nach. Im Ernstfall zielt das Knie auf den Kopf. 

Den Ernstfall hat die 15-jährige Verena zum Glück noch nicht erlebt. Doch würde sie attackiert werden, sieht sie sich auf der sicheren Seite. »Ich glaube, dass allein meine Körperhaltung mich als wehrhaft zeigt. Und wenn das nicht genug abschreckt, würde ich sicher zuschlagen. Spontan, irgendwas, was mir reflexartig kommt.«

Julius Leib vom Seniorenamt findet Gefallen an der Wehrhaftigkeit. »Aktiv und wehrhaft, interessiert, kreativ und engagiert, so erlebe ich viele unserer Besucherinnen und Besucher – unabhängig von ihrer körperlichen Verfassung«, sagt er – und stellt sich so die Zukunft der ganzen Einrichtung vor. Insgesamt wolle man bei den Veränderungen behutsam vorgehen, um die Stammbesucherschaft auf dem Weg nicht zu verlieren. Die Grundstruktur solle erhalten bleiben, doch mittelfristig mit mehr Besucherbeteiligung und einem Beirat. 

“Es lohnt sich, das Älterwerden bewusst anzugehen”

»Unsere Message, auch an die künftige Generation der Rentner, lautet: Es lohnt sich, das Älterwerden bewusst anzugehen, das Altern als Gestaltungsraum zu betrachten.« Gleichwohl ist sich Leib bewusst, dass sich die heutige fitte Generation der Ruheständler weniger über das Alter definiert als über ihre Interessen. Deshalb heißt das Bleiweiß auch nicht mehr »Seniorentreff«, sondern schlicht »Treff Bleiweiß« – mit dem neuen Zusatz »Bewegung und Begegnung«. Leib: »Es soll auch ein Schaufenster für das Image der städtischen Seniorenarbeit sein.«

Im Sinne der Offenheit und Geselligkeit wird ein neuer Pächter für die Cafeteria gesucht, der zum modernisierten Konzept passt. Im kommenden Frühjahr soll es losgehen. Leib sagt: »Ich gehe davon aus, dass die Besucher die Veränderung 2021 spüren werden.«

Text: Angela Giese
Foto: Kat Pfeiffer

Informationen:

Treff Bleiweiß

  • Hintere Bleiweißstraße 15, 
  • 90461 Nürnberg 
  • Öffentlicher Nahverkehr:
  • Straßenbahnlinien 7, 8 – Haltestelle Schweiggerstraße; 
  • Straßenbahnlinie 6 – Haltestelle 
  • Harsdörfferplatz