Reiner Gorn und Uta Behringer beklagen den trüben Alltag der Pflegebedürftigen. Foto: Kat Pfeiffer

Hinter den Bewohnern der Nürnberger Altenheime liegen schwere Monate. Über Wochen hinweg waren sämtliche Besuche tabu, auch nach dem Ende des Lockdowns dauern viele Einschränkungen noch an. Und das ist an den Senioren nicht spurlos vorbei gegangen, viele Angehörige berichten, dass die Folgen bis heute deutlich erkennbar sind. Sollte es zu einem zweiten Lockdown kommen, müsste manches anders geregelt sein, fordert die Arbeitsgemeinschaft der Bewohnervertreter und -Fürsprecher, die mit mehreren Delegierten im Stadtseniorenrat vertreten ist.

“Vielen geht es schlechter als vorher”

»Die Einsamkeit ist heute noch da«, sagt Peter Westphal. Der Vorsitzende des Bewohnerbeirates in der Seniorenwohnanlage Platnersberg fühlt sich noch immer »wie in Quarantäne«. »Ich sitze überwiegend in meinem Rollstuhl und kann mich kaum wegbewegen.« Noch immer seien die Besuchszeiten begrenzt, zudem dürften die Gäste nur aufs Zimmer kommen, wenn es unbedingt nötig sei. Westphal vermisst außerdem das sonst übliche Rahmenprogramm. Das Essen werde ihm nach wie vor auf dem Zimmer serviert, Gruppenaktivitäten wie Spieltreffs oder Malstunden gebe es derzeit noch nicht. Die Situation sei sehr belastend, sagt der 71-Jährige. »Für labile Menschen ist das nichts. Vielen geht es schlechter als vorher.« Vor allem die Demenzkranken hätten unter der Situation gelitten, sagt Westphal. Dabei hätten die Mitarbeiter ihr Bestes gegeben und sich »hervorragend gekümmert«.

Mit dem Heim am Platnersberg und dem August-Meier-Heim waren zwei städtische Heime trotz der Sicherheitsmaßnahmen unmittelbar von der Pandemie betroffen. Insgesamt waren in den beiden Einrichtungen 35 Bewohner und 23 Mitarbeiter infiziert, sieben Menschen starben an den Folgen der Erkrankung. Mittlerweile steht für künftige Notsituationen im Sebastianspital eine Isolierstation zur Verfügung. Menschen, die neu aufgenommen werden, kommen zuerst in die Kurzzeitpflege, außerdem sollen ein Covid-19-Test und ein ausführliches Screening dabei helfen, die Ansteckungsgefahr zu reduzieren. 

Die Isolation hat Konsequenzen

Michael Pflügner, der Zweite Werkleiter des städtischen NürnbergStifts (NüSt), blickt trotzdem mit Sorge in die Zukunft, weil auch er die massiven Folgen der Einschränkungen registriert hat. »Wir haben gemerkt, dass die Isolation erhebliche Konsequenzen hat«, sagt Pflügner. Depressive Verstimmungen und ein geistiger Abbau zählten zu den Auswirkungen, aber auch Unruhezustände und aggressives Verhalten bei Menschen, die ohnehin schon kognitiv beeinträchtigt sind. Ein erneutes »rigides Besuchsverbot« hält Pflügner deshalb für heikel. Man müsse die bisherigen Erfahrungen nutzen, um Besuche unter Einhaltung der Hygienestandards durchführen zu können. Auch Veranstaltungen müsse man so gestalten, dass sich der Abstand wahren lässt. Zudem könnten die Bewohner in Kleingruppen betreut werden. Es gehe um eine Abwägung der verschiedenen Bedürfnisse. »Manche Häuser haben die Leute ja gar nicht mehr rausgelassen, das halte ich für sehr, sehr kritisch.« 

Die Angst, zu verblöden

Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine da. Auch die Arbeitsgemeinschaft der Bewohnervertreter fordert »mehr Selbstbestimmung« in den Heimen. »Wer Kontakt haben will, soll das dürfen«, sagt Uta Behringer, die dem Gremium angehört und die sich vor allem in der Seniorenwohnanlage St. Johannis engagiert, in der ihre Mutter bis vor vier Jahren gelebt hat. Von den Bewohnern weiß sie, dass diese vor allem das kulturelle Angebot in den Einrichtungen vermiss(t)en. »Eine Frau hat mir geschrieben, dass sie Angst hat zu verblöden.« 

Fensterputzer dürfen ins Heim, aber keine Angehörige

Pflegebedürftige Menschen ohne Angehörige hätten überhaupt keinen Kontakt nach außen, sagt Behringer, der nach eigenen Angaben trotz ihres Ehrenamtes als Bewohnervertreterin der Zugang zur Pflegestation derzeit (Stand Anfang August) aus Sicherheitsgründen noch verwehrt wird. Die 72-Jährige hat den Eindruck, dass die Angst vor einer Ansteckung überwiegt. »Dabei muss man doch gucken, was die Leute brauchen und welche Einschränkungen nötig sind.« Mit ihrem Mitstreiter Reiner Gorn kritisiert sie zudem, dass die Regelungen in den Heimen so unterschiedlich sind. »Es fehlen einheitliche Vorgaben.« Zudem sei vieles für Außenstehende nicht nachvollziehbar. »Warum dürfen Angehörige nicht auf die Zimmer, aber Fensterputzer und Gardinenwäscher laufen durchs Haus?« 

Bei seiner Mutter, die in einem privaten Heim lebt, habe sich während des Lockdowns die Demenz verschlimmert, erzählt Gorn. »Als ich das erste Mal wieder da war, hat sie mich nicht erkannt.« Mittlerweile gehe es ihr wieder etwas besser, »aber sie leidet immer noch«. Auch dem 70-Jährigen macht das zu schaffen. Es gehe um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Wohl der Bewohner und deren Sicherheit. 

Text: Silke Roennefahrt
Foto: Kat Pfeiffer