Schon als Kind hat sich Günter Löslein sehr für Tiere interessiert. »Irgendwann habe ich mich auf Vögel konzentriert. Ihre verschiedenen Arten, Farben und Gesänge – davon war ich unheimlich angetan«, berichtet der 77-Jährige. Er widmet ihnen seine Freizeit – seit mehr als fünf Jahrzehnten. »Das Hobby füllt mich vollkommen aus«, sagt Löslein. In seinem Garten in Veitsbronn im Landkreis Fürth gibt es gleich mehrere Futterstellen, an denen die gefiederten Gäste Sämereien und selbst gemachtes Fettfutter vorfinden.

Und das nicht nur im Winter: Löslein hält sich an die Empfehlung von Professor Peter Berthold. Dieser leitete viele Jahre die Vogelwarte in Radolfzell, bei der Löslein in seiner Freizeit schon mitgearbeitet hat. Der bekannte Ornithologe und Autor plädiert dafür, Singvögel nicht nur im Winter zu füttern, sondern ganzjährig – insbesondere auch in der Brutzeit.

Günter Löslein füttert mit Begeisterung Vögel. Foto: Kat Pfeiffer

Wenn die Elterntiere gut versorgt sind, haben sie mehr Ruhe, sich um die Aufzucht der Jungen zu kümmern. Das ist für Vögel in den letzten Jahrzehnten mühevoll geworden, weil es in der stark kultivierten und vom Menschen genutzten Landschaft immer weniger Nahrung in Form von Fliegen, Raupen, Spinnen und Ähnlichem gibt. »Beobachtungen haben gezeigt, dass die Küken von den Eltern ausschließlich tierisches Futter bekommen. Man muss nicht fürchten, dass sie an den Körnern aus dem Garten ersticken«, sagt Löslein.

Sperlinge, Meisen, Kleiber, Amseln und ab und zu auch Kernbeißer danken ihm die zuverlässige Versorgung, indem sie sich zahlreich auf seinem Grundstück einfinden. Löslein belässt es nicht nur bei der Freude über die munteren Geschöpfe. Er engagiert sich aktiv beim Landesbund für Vogelschutz (LBV), etwa bei der Pflege der verbandseigenen Biotope. Außerdem beringt er Falken in der ganzen Region, darunter auch den Nachwuchs der Wanderfalken, die jedes Jahr auf dem Sinwellturm in der Nürnberger Kaiserburg brüten.

Ringe verraten viel über das Leben der Vögel

Durch das Beringen von Vögeln kann man viel über Lebensweise, Verbreitung, Flugrouten und Winterquartiere erfahren. Aber Löslein gibt zu: »Die Türme werden mit den Jahren für mich immer höher, mittlerweile komme ich ganz schön ins Schnaufen, wenn ich die Stufen von Aussichts- und Kirchtürmen bis nach ganz oben steige, wo sich die Nistkästen befinden.« Umso wichtiger ist es für ihn, in Sachen Vogelschutz am Ball zu bleiben. »Das hält mich fit, im Geist, aber auch körperlich«, sagt er.

Dass über die Jahre so mancher gefiederte Pflegefall in seiner Obhut gelandet ist, versteht sich bei so viel Expertise fast von selbst. »Wenn ich ein gesund gepflegtes Tier der Natur zurückgeben konnte, hat mich das immer sehr berührt«, betont er. Wichtig war es dem gebürtigen Fürther auch, etwas von seinem Wissen weiterzugeben: So hat er jahrelang Vogelstimmenwanderungen veranstaltet und bei der Unteren Naturschutzbehörde geholfen, am Hainberg Vögel zu kartieren. Und natürlich hat er Tochter, Sohn und Enkel mit seiner Begeisterung angesteckt. Kein Wunder, schließlich hat er ihnen jeden Piepmatz nicht nur im Bestimmungsbuch, sondern auch in der Natur gezeigt und erläutert, ob es ein Körner- oder Insektenfresser ist und ob er sein Nest in Baum und Busch baut oder in einer Höhle.

Vogelbeobachtung hält fit

Dass das Beobachten von Vögeln das Wohlbefinden und die Zufriedenheit bei älteren Menschen fördert, belegt seit neuestem eine Studie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU). Es helfe, geistig und körperlich aktiv zu bleiben, stellen die Wissenschaftler darin fest.

Sie haben seit 2017 das vom Landesbund für Vogelschutz initiierte Präventionsprojekt »Alle Vögel sind schon da« begleitet. In 76 Seniorenheimen in Bayern, darunter auch etliche in Mittelfranken, stellte der LBV Vogelfutterstationen auf und legte Informations- und Beschäftigungsmaterial aus. Die Betreuer führten mit den Bewohnern dann Gespräche über das gemeinsame Naturerlebnis.

»Die alten Leute, die meist einen eingeschränkten Aktionsradius haben, bekommen die Natur direkt vors Fenster. Die Tiere zu sehen, bereitet ihnen Freude«, sagt Kathrin Lichtenauer, die das LBV-Projekt leitet. Sie verknüpfen mit den Tieren Erinnerungen an frühere Erlebnisse oder denken zum Beispiel darüber nach, was sie gerade für einen Vogel sehen, ob es eine Amsel ist oder ein Star.

Für viele Bewohner ist es auch ein Anreiz, sich zu bewegen. Sie kommen aus ihren Zimmern und begeben sich in den Gemeinschaftsraum, die Cafeteria oder das Foyer, um von dort aus dem Treiben am Futterhaus zuzuschauen. Die Vogelstationen sind extra so aufgestellt, dass jeder sie gut einsehen kann. Besonders rüstige Senioren helfen auch beim Befüllen.

Manche verbringen ganze Nachmittage in der Nähe der Futterstationen und blühen sichtlich auf, wenn sich gefiederte Besucher sehen lassen. Für jene, die nicht mehr gut zu Fuß sind, kommen Vögel aus Plüsch oder in Form eines Memorys ans Bett. So haben die Senioren die Gelegenheit, sich mit Pflegekräften oder Familienmitgliedern über Tiere und Natur zu unterhalten. »Durch die Aktion werden kognitive, motorische, sprachliche und alltagspraktische Fähigkeiten gefördert, was zu deutlich mehr Anteilnahme am Leben und zu mehr Lebensqualität führt«, sagt Lichtenauer.

Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie erfüllend die Naturbeobachtungen gerade für betagte Menschen sind. Täglich trinkt sie Kaffee mit ihrem noch rüstigen Vater. Das Zusammensein findet immer in der Nähe des Futterplatzes in ihrem Garten statt. »Durch unsere Vogel- und Naturbeobachtungen haben wir immer ein schönes Gesprächsthema«, sagt Lichtenauer.

Auch Günter Lösleins Neugier auf Vögel ist nach fünf Jahrzehnten immer noch ungebrochen. Wenn er allein, mit Gleichgesinnten oder der Familie in der Natur unterwegs ist, hat er stets sein Fernglas dabei. »Man weiß ja nie, was man vor die Linse bekommt. Ein Ornithologe ohne Fernglas ist nackt.« Ob im Garten oder in Feld und Flur: Die »Piep-Show« hat von ihrer Anziehungskraft noch nichts verloren.

Für die wissenschaftliche Begleitstudie des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) wurde in der dreijährigen Projektlaufzeit von 2017 bis 2020 eine umfangreiche Datengrundlage mit Befragungen von über 1500 Bewohnern und Bewohnerinnen und über 300 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Einrichtungen geschaffen. Die Befragten waren im Durchschnitt 83 Jahren alt. Knapp drei Viertel der Befragten waren weiblich. Es konnten Personen aller Pflegegrade erfasst werden. Die Daten sind somit zu großen Teilen repräsentativ für die Situation in vollstationären Pflegeeinrichtungen in Bayern. Der gesamte Abschlussbericht kann eingesehen werden unter www.lbv.de/allevoegel.)

Text: Alexandra Voigt

Fotos: Kat Pfeiffer, Hannes Kleindienst

Illustrationen: Tereza Schott