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So gelingt der Umzug ins Heim

Obwohl Inge Gulden vieles zurücklassen musste, hat sie sich gut im Wohnstift eingelebt.

Abschied und Sicherheit, Verlust und Entlastung: Wer sich freiwillig entschieden hat oder aus gesundheitlichen Gründen gezwungen ist, das eigene Zuhause zu verlassen und in ein Seniorenheim zu ziehen, muss sich diesen Gefühlen stellen. Man muss vieles zurücklassen – und kann, wenn man es zulässt, auch Neues hinzugewinnen.

In den 1960-er Jahren hatten Inge Gulden und ihr Mann sich einen Bungalow im Nürnberger Stadtteil Mögeldorf gekauft. Er war fünf Jahrzehnte ein stilvolles und verlässliches Zuhause – auch nachdem ihr Mann plötzlich und unerwartet gestorben war. Sie pflegte ihren Garten, lud Verwandte und Freunde zum Essen ein, spielte Klavier und feierte mit den Nachbarn ausgelassene Feste – Tangoeinlagen auf der Terrasse inklusive.

Als kurz nacheinander zwei Freundinnen einen Schlaganfall bekamen, wurde Inge Gulden bewusst, dass auch sie selbst nicht mehr allein in ihrem Haus bleiben möchte. Die beiden Frauen waren nachts zusammengebrochen und wurden jeweils erst am nächsten Tag entdeckt. Zu spät: Sie trugen schwere gesundheitliche Schäden davon. »Davor hatte ich Angst. Das wollte ich auf keinen Fall erleben«, sagt die Seniorin bestimmt. Sie entschied sich vor sieben Jahren, in das Wohnstift am Tiergarten umzuziehen.

Der Abschied vom Klavier fiel ihr schwer

Hier hat die heute 85-jährige zwar nur ein kleines Apartment und keinen Garten mehr. Aber sie fühlt sich sicher. »Es ist rund um die Uhr jemand da, wenn ich Hilfe brauche.« Als sie sich bei einem Sturz beide Arme brach, wurde sie in der angegliederten Pflegestation versorgt und konnte anschließend in ihr Seniorenapartment zurückkehren.

Für ihr neues, behütetes Leben hat sie sich von viel Vertrautem trennen müssen: Geschmerzt hat sie zum Beispiel, dass sie ihr Klavier aus Platzgründen abgeben musste. Auch die Designerstühle samt Tisch hat sie verkauft und viele Erinnerungsstücke verschenkt.

Mitgenommen hat sie außer ein paar Möbeln ihre stattlichen Madonnenfiguren. Mit ihrem Mann hatte sie die drei im südtirolischen Wolkenstein gekauft. Die Gemeinde im Grödnertal ist für ihre religiöse Holzschnitzkunst bekannt. Dabei ist Inge Gulden gar nicht christlich. »Aber ich finde die Madonnen einfach schön«, sagt sie. Und sie lassen die Erinnerung an die Urlaubsreisen des Ehepaars immer wieder lebendig werden.

Die Madonnen aus dem ­Grödnertal haben einen ­festen Platz im neuen Zuhause ­gefunden.

Kontakt zu Mitbewohnern fällt leicht

Auch wenn der Abschied von ihrem Zuhause schwergefallen ist, hält sie diesen pragmatischen Entschluss nach wie vor für richtig. Man könne das eine, die Sicherheit, eben nicht ohne das andere, den Verzicht, haben. Im Übrigen wäre das Anwesen längst eine Belastung für sie, ist sie sich sicher.

Wie der temperamentvollen Frau geht es vielen älteren Menschen, die sich aus freien Stücken für das behütende Dach einer Seniorenresidenz entscheiden, berichtet Daniela Häring. Sie ist als Sozialpädagogin beim Sozialdienst des Sebastianspitals tätig und führt viele entsprechende Gespräche. Für die Senioren sei es ein klarer, bewusster Schritt, sie wüssten, dass sie im Heim regelmäßig versorgt werden und leicht Anschluss an Mitbewohner finden können.

Doch es gibt auch ältere Menschen, die durch Krankheit, einen Sturz oder Schwäche aus ihrem gewohnten Leben gerissen werden und nach Kurzzeitpflege oder Krankenhausaufenthalt nicht mehr in ihren eigenen vier Wänden leben können. Gerade diese Personengruppe tut sich laut Häring oft »ganz, ganz schwer«. 

Denn sie habe keine Möglichkeit, sich vorzubereiten und Abschied zu nehmen. »Manche können nicht einmal mehr selbst aussuchen, welche lieb gewordenen Dinge, welche Fotos, Geschenke oder Möbelstücke sie mitnehmen möchten. Diese Aufgabe übernehmen Angehörige oder fremde Leute für sie«, sagt die Sozialpädagogin, die versucht, den Betroffenen im Sebastianspital mit Gesprächen und Hilfen zur Seite zu stehen. »Egal wie schön man ein Zimmer oder Apartment herrichtet – es kann das eigene Zuhause nicht ersetzen.«

Ein Teil ging in die Kleiderkammer

Aus einer Notlage heraus musste auch Margarete Karl binnen weniger Wochen ihren Hausstand auflösen: Die Schwester, mit der sie über viele Jahre zusammen gelebt hatte, war schwer erkrankt und brauchte intensivere Pflege. Weil die beiden Frauen aber unbedingt zusammenbleiben wollten, zogen sie gemeinsam in ein Altenheim. Dank Margarete Karls Rüstigkeit und zupackender Art hatten sie zumindest die Chance, ihr Leben vorher akkurat zu sortieren. Und zu entscheiden, was sie begleiten soll.

Sie nahmen nur das Wichtigste in die nun auf deutlich weniger Quadratmeter geschrumpfte neue Bleibe mit: neben den geliebten Bauernmöbeln zwei schwere Perserteppiche, großformatige Ölbilder, die die Hobbykünstlerin Karl selbst gemalt hatte, Bücher über die Habsburger Donau-Monarchie, eine Kaiserin-Sisi-Tasse und zahlreiche Kleidungsstücke. Bis heute legt die gelernte Schneiderin Wert auf Eleganz, und ihre Garderobe füllte einst mehrere Schränke – davon musste sie vieles an die Kleiderkammer abtreten.

Mit dabei im neuen Lebensraum sind viele Fotos, welche die Seniorin an ihre unzähligen Reisen und Ausflüge, an ihr Ferienhaus in der Schweiz und die Faschingsfeste mit ihrer Schwester erinnern – und besonders an ihre Heimat im böhmischen Eger, dem heutigen Cheb. Davon gibt es nur wenige Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die entstanden, bevor die deutschstämmige Familie aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben wurde.

Die Vertreibung war das Trauma ihres Lebens

Neben dem Verlust ihrer Schwester, die vor drei Jahren starb, war die Vertreibung das Trauma ihres Lebens, über das sie bis heute immer wieder spricht. Binnen einer halben Stunde musste sie, damals noch ein Kind, 1945 ihr Zuhause verlassen, das der Vater selbst für seine Familie gebaut hatte – und sie konnte nicht einmal ihren geliebten Hund mitnehmen. Dieser erzwungene Abschied, die hasserfüllten Mienen der tschechischen Städter, als sich der Treck der deutschen Mitbewohner in Bewegung setzte, und die Ablehnung der Flüchtlinge bei ihrer Ankunft und Einquartierung in Franken – das sind wunde Punkte in Karls Leben, die nie vernarbt sind und immer wieder aufbrechen.

Deshalb war ihr ein unscheinbarer Stein, den sie von der evangelischen Kirche in der böhmischen Heimat mitgenommen hatte, wichtiger als wertvolle Vasen und Silberschalen. Sorgfältig hat sie den Schiefer beschriftet. Das Stück Heimat ist auch jetzt bei ihr.

Anders als Inge Gulden hat Margarete Karl ihren Jesus am Kruzifix nicht aus ästhetischen Gründen ins Heim mitgenommen, sondern weil ihr der Glauben Halt gibt. Der Heiland schwebt nun im Herrgottswinkel ihres »Bauernzimmers«, das sie aus der großzügigen Wohnung in Laufamholz mitgenommen hat. Integrieren will sich die 90-Jährige im Seniorenheim nicht, sie ist gerne für sich oder pflegt Kontakte von früher – soweit sie noch vorhanden sind.

Geselligkeit ist gefragt

Viele andere Heimbewohner nehmen laut Häring aber gerne die Gelegenheit wahr, hier andere Menschen kennenzulernen. »Manche, die zuvor zurückgezogen in ihrer Wohnung gelebt haben, blühen regelrecht auf.« Sie haben nicht mehr so viele Pflichten und pflegen die neuen Bekanntschaften, nehmen an Gruppenaktivitäten oder Ausflügen und Spaziergängen teil. 

Auch Inge Gulden ist im Bingheim am Tiergarten aktiv und gesellig. Statt sich um Haus und Grund zu kümmern, kann sie ihre Tage ganz nach Gusto planen. Sie trifft sich mit Freundinnen zum Bridge-Spiel und geht mit Gleichgesinnten wandern. Die Touren hat sie bis vor kurzem selbst organisiert, seit ihre Vorgängerin das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr machen konnte. Diese Aufgabe möchte sie jetzt gerne wieder abgeben, weil die Augen nicht mehr mitmachen und sie fürchtet, dass sie stürzen könnte. Seit neuestem ist sie aber Mitglied in einem nahegelegenen Fitnessstudio, in dem sie regelmäßig trainiert. Sie will schließlich fit und beweglich bleiben. 

Text: Alexandra Voigt
Fotos: Michael Matejka

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