Claus Fussek weist schon seit mehr als 40 Jahren auf Missstände in Altenheimen hin. Auch wenn Deutschlands bekanntester Pflegekritiker mittlerweile in den Ruhestand gegangen ist, bleibt er weiter das Sprachrohr der Heimbewohner. »Ich kann meinen Mund nicht halten«, sagt er über sich selbst. Über das Thema »Wie kommen wir aus der Pflegekrise« referiert Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Fürsprecher von Heimbewohnern, bei einer Veranstaltung am Donnerstag, 27. Oktober, 18 Uhr, im Fürther BRK-Haus an der Henri-Dunant-Straße 11. Veranstalter des Abends ist der Pflegestammtisch Nürnberg-Fürth (Kontakte: C. Limbacher, Nürnberg, 
Tel. 0170 / 963841 undUlrich Schuberth, Fürth, 
Tel. 015123006054). Wir sprachen mit ihm über eine bessere Pflege, weniger Profit und mehr Personal.

Claus Fussek ist am 27. Oktober in Nürnberg zu Gast.

sechs+sechzig: Sie haben mehr als 50.000 Hilferufe dokumentiert, Ihre Aktenordner füllen mehrere Regalwände. Gibt es eklatante Unterschiede zwischen früher und heute?

Claus Fussek: Nein, es hat sich leider nichts verändert. Das Pflegesystem sind wir alle, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Pflegekräfte, Ärzte, Angehörige. Die Pflege signalisiert seit Jahrzehnten, dass sie kollabiert, am Ende, am Limit ist. Schon 1987 hat ein mutiger  Altenpfleger bei einem Kongress in Duisburg gesagt: »Es ist würdelos, dass alte Menschen stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen.« Und diese Kritik, diese Zustände sind heute noch aktuell.

Seit langem steht fest: Der Beruf des Altenpflegers ist gesellschaftlich nicht besonders angesehen. »Scheißeputzer, solche Leute muss es auch geben«, heißt es manchmal sogar. Und nach wie vor wird die Arbeit schlecht bezahlt. Warum hat sich das nicht längst gebessert?

Die Altenpflege ist »eigentlich« ein wichtiger Beruf mit Arbeitsplatzgarantie. Leider sind Pflegekräfte nicht, beziehungsweise schlecht gewerkschaftlich organisiert. Würden sich Pflegekräfte untereinander und mit den ihnen anvertrauten pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörigen solidarisieren, hätten sie eine gesellschaftliche Macht und sie könnten ihre Arbeitsbedingungen und ihr Gehalt bestimmen. Sehen Sie sich zum Vergleich einmal den Streik des Bodenpersonals bei der Lufthansa an. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege kritisieren übrigens nicht ihr Gehalt, sondern die unzumutbaren Arbeitsbedingungen und häufiges Mobbing. Viele strukturelle Probleme in der Pflege sind hausgemacht!

Da die Dokumentationen umfangreicher geworden sind, bedeuten das eine Belastung. Folge: Entweder die Pflegekräfte kümmern sich genau um das Ausfüllen der Dokumentationen oder sie schenken ihre ganze Aufmerksamkeit den Heimbewohnern. Beides unter einen Hut zu bringen, geht vermutlich schlecht.

Würden alle Pflegekräfte nur das ehrlich dokumentieren, was sie tatsächlich leisten können, dann hätten wir doch die strukturellen Probleme schwarz auf weiß! Es gibt doch längst auch intelligente Dokumentationen. Ich höre immer wieder das bekannte Jammern: »Wir sind so überlastet, wir haben keine Zeit mehr für ein freundliches Wort!« Ich antworte dann: »Ein unfreundliches Wort dauert genauso lang.« Heime werden schon lange unabhängig vom medizinischen Pflegedienst zertifiziert, der Notendurchschnitt beträgt 1,2. Ein Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes sagte mir einmal – natürlich anonym – die guten Noten seien dazu da, damit die Gesellschaft ruhig schlafen kann. Denn wir wissen, dass Pflegedokumentationen zum Großteil gefälscht sind. Die Branche weist das natürlich von sich. Es werden Dinge aufgeschrieben, die gar nicht geleistet werden konnten, damit wird das System stabilisiert.

Nach jahrzehntelanger Kritik: Was müsste generell passieren?

Wir brauchen bei diesem sensiblen Thema einen ethischen Perspektivenwechsel. Es kann und darf nicht sein, dass pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen Angst haben, sich zu beschweren. Sie sind zahlende Gäste im Heim. Meine eigene Mutter sagte mir in der Klinik: »Bitte beschwere dich nicht, ich habe Angst.« Diese Klima der Angst, des Schweigens, Vertuschens und Wegschauens ist gespenstisch.

Das gilt aber nicht für die gesamte Branche.

Selbstverständlich geht es auch anders. Ich kenne zahlreiche, vorbildliche Pflegeheime, verantwortungsbewusste Heimleitungen, selbstkritische und couragierte Pflegekräfte und sich kümmernde Angehörige. Es gibt zufriedene Mitarbeiter, eine niedrige Krankheitsquote und wenig Personalfluktuation. Diese Heime sind in der Regel nicht teurer als andere und schreiben schwarze Zahlen. Das Kontrastprogramm könnte nicht schärfer sein: Es gibt Heime, in denen werden die Leute um 17.30 Uhr ins Bett gelegt, und ein paar Kilometer weiter gehen sie zu Bett, wann sie wollen. Allerdings hat »Corona« auch gute Pflegeheime an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht.

Woran liegt es dann, dass es so viele schlechte Heime gibt?

Leider arbeiten in der Altenpflege viele Menschen, die für diesen anspruchsvollen Beruf ungeeignet sind. Von Lehrkräften in Altenpflegeschulen höre ich seit Jahren hinter vorgehaltener Hand: Viele Schülerinnen würden in keinem Tierpark wegen fehlender Empathie eine Stelle bekommen. Dauerthemen in der Pflege sind auch schlechtes Arbeitsklima, Mobbing und unfähige Führungskräfte.

Betreuerin hilft älteren Patienten beim Aufstehen aus dem Bett- Foto: davidpereiras/photocase.de

Was sollte sich verändern?

Wir müssen endlich ehrlich, selbstkritisch und angstfrei über das Thema sprechen. Die Sorgen und Probleme sind doch allen bekannt. Wir haben in der Altenpflege keinerlei Erkenntnisprobleme mehr. Gute Pflege ist auch eine Frage der Haltung. In allen Heimen sollten palliative Pflegebedingungen selbstverständlich sein. Es kann doch nicht sein, dass Schwerkranke zum Sterben in Kliniken transportiert werden oder einsam sterben müssen, weil die Pflegekräfte in der Nacht völlig überfordert sind. Wir brauchen eine Art Frühwarnsystem, eine ehrliche Selbstkontrolle. Dass kritische Angestellte und Angehörige in gut geführten Heimen angstfrei sagen können, wenn etwas falsch läuft.

Wir führen eine leidenschaftliche Debatte über das ungeborene Leben, bräuchten wir nicht auch eine Debatte über das zu ende gehende Leben?

Mir kommt es oft so vor, als lebten wir in einem Land mit einer Nah-Ethik und einer Fern-Ethik. Je weiter eine Menschenrechtsverletzung entfernt ist, desto engagierter werden wir. Ich vermute, dass viele über die gesundheitliche Situation von Frau Timoschenko in der Ukraine besser Bescheid wissen als über die Situation der eigenen Mutter im Pflegeheim um die Ecke. Hinzu kommt, dass viele Familienprobleme bis zum Tod verdrängt werden. Alte Rechnungen werden leider im Alter beglichen, weil sich viele Angehörige nicht mehr um ihre alten Eltern im Heim kümmern. Deshalb mein Rat: Seid lieb zu euren Kindern und Enkelkinder, denn diese suchen später das Pflegeheim für euch aus.

Noch einmal: Bei diesem Thema hat man das Gefühl, kaum ist eine kritische Tür geschlossen, wird die nächste aufgemacht. Geht das ewig so weiter?

Wir müssen die Pflege endlich zur »Schicksalsfrage der Gesellschaft« machen. Wir können und dürfen das Thema nicht weiter verdrängen. In diesem Interview sprechen wir nur über die Pflege in den Heimen. Doch was geschieht in der häuslichen Pflege? Auch hier sind die Dienste überlastet, aber man spricht nicht gerne darüber. Wer nicht selbst zu Hause einen Menschen bis zum Tod gepflegt hat, der kann es nicht nachvollziehen. Leider verdrängen das auch viele rüstige Seniorinnen und Senioren.

Interview: Horst Otto Mayer

Prominenter Gast beim Pflegestammtisch

Seit rund 15 Jahren beschäftigt sich der Pflegestammtisch mit dem Thema, wie die Versorgung von Seniorinnen, Senioren und Kranken verbessert werden kann. Die Organisatoren bemühen sich darum, Menschen und Verbände aus der Region zusammenzuführen, die direkt oder indirekt mit dem Thema Pflege zu tun haben. Ansprechpartner in Nürnberg ist die frühere SPD-Stadträtin Christine Limbacher, in Fürth ist es Ulrich Schuberth vom Seniorenrat der Stadt. »Wir betrachten es als große Aufgabe, die unwürdigen Zustände anzuprangern und zu verändern, denen viele alte Menschen in den Heimen ausgeliefert sind«, sagt Schuberth und fügt hinzu: »Wir selbst müssen lernen, wieder mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Das fängt gemeinsam mit unseren Kindern beim fürsorglichen Umgang mit den älteren Menschen an.«

Über das Thema »Wie kommen wir aus der Pflegekrise« referiert Claus Fussek, Deutschlands bekanntester Fürsprecher von Heimbewohnern, bei einer Veranstaltung am Donnerstag, 27. Oktober, 18 Uhr, im Fürther BRK-Haus an der Henri-Dunant-Straße 11. Veranstalter des Abends ist der Pflegestammtisch Nürnberg-Fürth (Kontakte: C. Limbacher, Nürnberg, 
Tel. 0170 / 963841 undUlrich Schuberth, Fürth, 
Tel. 015123006054).

Laut Statistik sind von den zirka 22 Millionen der derzeit über 60-Jährigen in Deutschland mehr als 25 Prozent pflegebedürftig. Mehr als die Hälfte von ihnen kann den Eigenkostenanteil nicht selbst tragen und ist deshalb auf staatliche Unterstützung angewiesen. Insider kritisieren seit langem, dass das System Pflege so träge sei wie ein Öltanker. Es gebe von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Strukturen, absurder gehe es nicht. Hinzu komme, dass die Pflegebranche die am schlechtesten organisierte Berufsgruppe sein. Dabei wäre sie die mächtigste Berufsgenossenschaft, die Bedingungen diktieren könnte (siehe Interview oben).