Das Reportage-Format 37 Grad im ZDF ist etwas ganz Besonderes. Denn das Team hat eine Sensibilität im Umgang mit heiklen sozialen Themen, wie man sie sonst in den Medien nur selten findet. Keine reißerische Anmoderation, keine dramatische Musik. Die Geschichten, die hier erzählt werden, wirken für sich. So auch bei der Sendung über verarmte Rentnerinnen und Rentner. Es geht einem nahe, wenn ein 75-jähriger Mann berichtet, dass er 25 Jahre lang als Pförtner gejobbt hat und sich bis heute etwas dazuverdienen muss, damit er über die Runden kommt. Doch bevor er seine Stelle bekommt, muss er einen Kurs besuchen. Rund 400 Euro kostet dieser. Dafür hat der Mann, dem es an allem mangelt, kein Geld. Was macht er? Er resigniert nicht, nein er sammelt Flaschen. So lange, bis er das Geld zusammenhat. Eine andere Lösung sieht er nicht.
Das ist beschämend. Nicht für ihn, sondern für die Gesellschaft.
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen Sozialpolitiker geradezu dafür geworben haben, sich Hilfe beim Amt zu holen, wenn man im Alter nicht zurecht kommt. Das sei ein Rechtsanspruch, kein Almosen. Damals kam der Beruf des Sozialpädagogen gerade erst auf. So Anfang der 80er Jahre. Das ist lang vorbei. Inzwischen scheuen sich die betrofffenen Menschen wieder, Hilfe vom Sozialamt zu holen. Sie wollen dort nicht um Unterstützung nachfragen. Das fühle sich an wie Betteln, sagte eine Frau, die für ihren demenzkranken Mann aufkommen muss. Das ist teuer. Dafür geht alles Ersparte drauf. Obwohl sie sich doch gerne mal ein kleines bisschen was gönnen wollte. Die Kinder sollen nicht belastet werden. Die hätten es schwer genug. Der eine Sohn war arbeitslos und fasst gerade erst wieder finanziell Fuß und der andere hat Familie. Eine alltägliche Situation.
Als die Frau beim Sozialamt erfährt, dass die Beerdigungskosten übernommen werden, traut sie sich, einen Tagesausflug zu unternehmen. Sie macht eine Dampferfahrt auf dem Rhein.
Bescheidene Ansprüche, die doch schwer erfüllbar sind. Spätestens in diesem Moment weiß der Zuschauer, die Zuschauerin, es stimmt nicht mehr im einstigen Sozialstaat. Bitte mehr solche Reportagen! Und nicht nur ab 22.15 Uhr. Da könnte man glatt meinen, der Begriff verschämte Armut kommt daher, dass sie im Fernsehen nur versteckt gezeigt wird.
In der Mediathek kann man sich den Beitrag noch eine Woche lang ansehen.