vignette_nosseck_bockBeim Ausräumen und Sichten des Nachlasses meiner Eltern habe ich viele Dokumente gefunden, die sie handschriftlich verfasst haben. Einträge in Kalender, Notizzettel, Reisenotizen, persönliche Betrachtungen über Fernsehsendungen und vieles mehr. Jedes Mal, wenn ich ein Stück Papier mit ihrer Handschrift anschaue, sind sie mir nahe. Denn natürlich hat diese Schrift in meinem Leben eine ganz große Rolle gespielt. Ob auf Einkaufszetteln oder To Do Listen, die meine Mutter übrigens hätte erfunden haben können, alles Mögliche wurde geplant per handschriftlicher Notiz und kommuniziert. Etliches davon habe ich inzwischen ohne großes Bedauern entsorgt, manches aber behalten, obwohl es eigentlich nur sentimental ist und ohne großen Nutzwert.

Sicher kennt das jeder: Eine Postkarte wegzuwerfen, kostet Überwindung, ein gedrucktes Schriftstück ist dagegen entweder wichtig oder überflüssig, aber selten emotional berührend.
Ich habe auch die Postkarten zum Teil weggeworfen, die von der Vorgänger-Generation der Großeltern noch aufgehoben wurden. Ihre Schrift ist mir weniger vertraut und damit die Scheu geringer, sie noch länger aufzuheben.
Wenn ich mir aber vorstelle, dass die nächste Generation, die meine Enkel sein könnten, so gut wie gar keinen Bezug mehr zur Handschrift hat, dann bin ich traurig. Ich glaube nämlich, dass viel Persönlichkeit in dieser individuellen Ausdrucksform steckt. Davon profitierten beispielsweise Graphologen. Sie wurden auch beschäftigt, um bei Bewerbungen auf den Charakter der Kandidaten zu schließen.

Heute werden Bewerbungsunterlagen einfach per Internet vermittelt. Keine Unterschrift mehr darunter, keine handschriftlichen Anschreiben. Das mag man als Fortschritt loben, ich empfinde es als Verarmung.
Künftig geht alles nur noch per Wischer-Geste, in ein paar Jahren per Sprachbefehl.
Was bleibt dann übrig von den Gedanken und dem Leben der Vorfahren? Ein paar Dateien, von denen keiner mehr weiß, auf welcher Festplatte sie lagern?

Es mag ja eine Entlastung für die Nachkommen darstellen. Ich merke jedenfalls bei mir einen gewissen Retro-Trend. Von den letzten Urlaubsfotos habe ich wieder Papierabzüge gemacht und sie in ein Album gesteckt. Dieses schaue ich mir viel häufiger an als die Bilder am Computerbildschirm. Und wie geht es ihnen?