vignette2012 Hello all, Ruth und George aus Oklahoma haben ihre goldene Hochzeit und den Großteil der Gesundheit schon ein paar Jahre hinter sich gelassen; ihren Spaß am Leben und Kontaktfreude jedoch nicht. George geht seit einem Schlaganfall etwas tapsig am Stock; Ruth hakt sich an seiner anderen Seite unter. So kann sie die Gehhilfe mit ihm diskret teilen. Vor allem wenn es leicht schwankt. In den letzten zwei Jahren hat das Paar über 400 Tage an Bord von Kreuzfahrtschiffen verbracht, auf „adult oriented ships“; für „Erwachsene“, sprich späte Senioren ausgelegte Dampfer. Alle Fahrten nur im Sonderangebot, versichert Ruth. Innenkabine und untere Decks – das sind die billigsten und bieten den Vorteil, dass die Stampf- und Rollbewegungen bei rauer See kaum spürbar werden – siehe Gehen mit Stock. Zudem ist es dort näher zu den Restaurants mit Sitzreservierung und Promenadendeck. Der Clou sei jedoch: wenn man die Reisezeit (Nebensaison) richtig wählt und bei der Fahrtenroute flexibel ist, käme das preiswerter, als zu Hause zu bleiben: Kein Auto und ermüdende Fahrten mit horrenden Park- und Strafgebühren, kein Einkaufen, Putzen, Kochen, Gartenarbeit oder kostspielige Kulturveranstaltungen. Hier an Bord wird fast alles inclusive geboten: Hausarbeit in der (winzigen) Kabine übernimmt das Bordpersonal; das Essen vom Feinsten sei im Preis schon dabei. Tagsüber geht Ruth zum Bingospielen (Deck 5) und zum Gospelsingen (Bordkapelle, Deck 6); George sitzt gern auf der Leeseite im Schatten unter den Rettungsbooten oder bei Regen in der Bibliothek; nachmittags bei den Baseballübertragungen auf Autokino- großer Leinwand (Pooldeck 14); abends besuchen die beiden Musikdarbietungen, Artisten und Shows (Princess Theater, Deck 7). Ein länderkundiger Bill hält nachmittags Vorträge über die nächsten Zielhafen („kennen wir schon fast alle, aber Bill ist sooo ein netter Kerl zum Zuhören!“); im Restaurant Bordeaux servieren sie Afternoon Tea-Time, ganz britisch. In der Cooner- Bar  (Mitschiff Galleriedeck) singt William Evergreens am Klavier; da kann man mitschunkeln oder bei einer Lifeband abends im Wheelhouse ganz sachte das Tanzbein schwingen oder auch nur nachziehen. Überall treffen wir nette Leute an Bord, schon nach ein paar Tagen sind wir wie eine große Familie. „Wissen Sie, unsere Großstädte sind für uns langsamere Leutchen gar nicht mehr geheuer. Weite Wege, zu heiße Sommer und zu kalte Winter, hektischer Autoverkehr, tückische Bordsteine, zu kurze Ampelphasen, Kriminalität.“ An Bord ist es sauber, sicher und behindertengerecht; immer ist hilfsbereites Personal in der Nähe. Wir haben unser Schlafzimmer dabei und kommen dennoch rum; nie wird es uns langweilig. „Übrigens, wo sind wir morgen Früh? Hauptsache, wir können mit Dollar bezahlen und werden nicht überfallen“. Ruth und George sind an Bord der „Princess Island“ Teil jener 70+ Jährigen Subkultur an Bord, für die solche Schiffe eine zweite Heimat und eine temporäre Alternative zur Seniorenresidenz geworden sind. Das Ziel ihrer Reise ist der wohlige Bordaufenthalt, das  Schiff mit den breiten Korridoren und Haltebarren daran, das ihnen so viel Auslauf und Abwechslung bietet, wie es  Senioren mit Gehhilfe  bewältigen können; Landgängige sind nur  Möglichkeiten über das Bordleben hinaus, aber nicht das Sinnstiftende.
Wir haben aufgehört, über solche alten Dauergäste an Bord zu schmunzeln. Uns gefällt ihr heiterer Lebensmut, Willen zur  Begegnung und Beweglichkeit in der eigenen Ungelenkheit.
Ahoi, Ihr Global Oldie