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Erlangerin kämpft für Behinderte und Senioren

Dinah Radtke mit Schäferhündin “Elina” am Trinkwasserspender der Erlanger Stadtwerke am Theaterplatz in Erlangen.

Vieles, was Älteren zu schaffen macht, kennt Dinah Radtke schon ihr ganzes Leben lang. Die 75-Jährige sitzt seit ihrer Jugend im Rollstuhl, weiß also, welche Probleme es bereitet, wenn Gebäude keinen Aufzug oder Busse und Bordsteine keine Absenkung haben. Auch vielen anderen Seniorinnen und Senioren machen solche Hürden zu schaffen, gegen die Dinah Radtke schon seit Jahrzehnten kämpft. Sie ist in verschiedenen lokalen und bundesweiten Behinderteninitiativen engagiert, ist Mitbegründerin des Erlanger Vereins »Zentrum für Selbstbestimmtes Leben« und arbeitet auf internationaler Ebene bei der Aushandlung der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen. 

Nun macht sie sich auch für die Beseitigung von Barrieren im Erlanger Seniorenbeirat stark: Seit 2021 ist Radtke, die als junge Studierende von Bayreuth in die Hugenottenstadt kam, Vorsitzende des Gremiums, das die Interessen Älterer vertritt.

“Auch ältere Menschen werden diskriminiert”

Empfindet sie ihren Einsatz für Ältere anders als für Menschen mit Handicap? »Nein«, antwortet Radtke, »rund 60 Prozent der über 60-Jährigen sind behindert. Auch ältere Menschen werden diskriminiert.« Wenn beispielsweise Ältere oder Hochbetagte in der Klinik in der dritten Person oder sogar ganz übergangen und nur die Begleitpersonen angesprochen werden, dann sei das eine Form der Diskriminierung, die Behinderte auch oft erfahren. »Die Vorurteile gegenüber älteren Menschen sind groß«, sagt sie. So wie viele jüngere Menschen Ältere häufig nicht (mehr) als geistig und körperlich vollwertige Personen wahrnehmen, geht es Behinderten auch. Es brauche da noch viel Sensibilisierungsarbeit. Wenn Alt und Jung sowie Behinderte und Nichtbehinderte aufeinandertreffen und sich kennenlernen, sei das der beste Weg zu einem besseren gegenseitigen Verständnis, findet Radtke: »Gegen Alters- und Behindertendiskriminierung muss man noch viel ankämpfen.« 

Ebenso wie gegen Benachteiligung und Ausgrenzung. Für Teilhabe in allen Lebens- und Altersbereichen setzt sie sich schon immer ein: von Inklusion im Kindergarten und Schule, beim Wohnen oder am Arbeitsplatz. Jetzt ist der Bereich Senioren dazugekommen: »So wie Behinderte möglichst selbstständig leben möchten, tun das auch Senioren. Sie alle wollen möglichst lang in ihren Wohnungen und Häusern bleiben«, sagt sie und ergänzt: »Auch Ältere mit wenig Geld sollen sich eine seniorengerechte Wohnung leisten können, aber dafür braucht man mehr Pflege- und Assistenzkräfte und auch mehr seniorengerechten Wohnraum.«

Kein Aufzug ins Foyer

Öffentliche Gebäude müssten ebenfalls barrierefrei sein, fordert Dinah Radtke und verweist auf das Erlanger Markgrafentheater. »Dort sollte eigentlich schon der Aufzug sein, der bis ins obere Foyer geht.« Die Bauarbeiten dauern aber noch an. Bislang können Menschen mit Gehbehinderung nicht in den Bereich kommen.

Aber wie geht Dinah Radtke mit ihren eigenen Beschwernissen um? Eine ältere Person war früher womöglich sportlich und aktiv und muss sich nun an eine zunehmende Hilfsbedürftigkeit gewöhnen, ein Mensch mit Behinderung kennt das zwangsläufig oft schon das ganze Leben lang. Dinah Radtke war drei Jahre alt, als ihre Krankheit festgestellt wurde, eine spinale Muskelatrophie, ein Muskelschwund, der durch einen fortschreitenden Zerfall von motorischen Nervenzellen im Rückenmark verursacht wird. Mit zwölf konnte sie nicht mehr in die Schule gehen, mit 14 bekam sie ihren ersten Rollstuhl; ihre Schulausbildung und das Abitur machte sie schließlich über das Telekolleg. Ist sie geduldiger als andere, wenn etwas nicht gleich klappt und sie Hilfe braucht? »Nein«, entgegnet Radtke, »ich bin überhaupt kein geduldiger Mensch.« 

Etliche Auszeichnungen erhalten

Prognosen zur Lebenserwartung waren bei ihrer Diagnose schwierig. Doch jetzt, mit 75 Jahren, spürt auch Dinah Radtke das Alter. Wie jeder Mensch merkt sie, dass die Fähigkeiten im Alter schwinden. »Natürlich ist es bitter, wenn man etwas nicht mehr so gut kann, aber ich genieße mein Leben und bin dankbar für das, was ich bisher erlebt habe und noch erlebe.« Ihr Leben, und das ist ihr wichtig, sei »sinnerfüllt«. 

Für ihren Einsatz für die Rechte und Bedürfnisse behinderter Menschen hat Dinah Radtke schon etliche Auszeichnungen erhalten, etwa den Ehrenbürgerpreis der Stadt Erlangen, die Bezirksmedaille des Bezirkes Mittelfranken, die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber sowie das Verdienstkreuz am Bande und das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Vielleicht kommt jetzt noch ein Preis für ihr Engagement für Ältere dazu. Verdient hätte sie ihn. 

Text: Sharon Chaffin
Foto: Mile Cindric

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