Franz Rumpler lässt im Kampf gegen die Folgen seines Schlag­anfalls nicht nach und setzt auf kleine Portionen.

Schreiben kann Franz Rumpler noch und auch reden. Das ist fast schon ein kleines Wunder: Denn das Schicksal, das den pensionierten Schulleiter im Juni 2010 von einer Minute zur nächsten aus seinem bisherigen Leben warf, traf ihn mit voller Wucht. Ein Jahr war der heute 76-Jährige da im Ruhestand, hatte mit seiner Frau viele Pläne, wollte reisen, sich um die Enkel kümmern, einen Tag zuvor hatte das Paar noch eine lange Radtour in die Oberpfalz gemacht. 

Und dann war plötzlich alles anders, ohne jede Vorwarnung. Ein Schlaganfall macht alle Vorhaben zunichte. Nichts war mehr so wie bis zu diesem Abend. An die Einzelheiten erinnert sich der frühere Sonderpädagoge noch minutiös: Aufgeschlossen und aktiv, wie er bis zu diesem Zeitpunkt ist, besucht der Erlanger an jenem Sommertag eine Diskussionsveranstaltung, in der es um den Dechsendorfer Weiher geht. Lokalpolitiker sind anwesend und viele Besucher, die schnell reagieren, als er nach links zusammensackt und bei ihm nichts mehr funktioniert. Vor allem die linke Körperhälfte ist betroffen, wird taub und ist es zum Teil bis heute noch. Ein Notarzt ist schnell da, in der Klinik entdecken die Ärzte eine große Blutung im Stammhirn, ein Aneurysma. 

Klagen hört man von ihm nicht

Von diesem Moment an muss Rumpler vieles wieder neu lernen, einiges klappt, anderes geht bis heute nicht. Viele Einschränkungen hat er immer noch, sagt er, aber jammern möchte er darüber nicht. Selbst als er gleich zu Beginn des Gesprächs erzählt, dass er zusätzlich zu seinen körperlichen Beeinträchtigungen durch den ersten Schlaganfall und die darauf folgenden epileptischen Anfälle erst im vergangenen Jahr wohl einen weiteren kleinen Schlaganfall hatte – auch darüber klagt er nicht. 

Natürlich gebe es immer wieder Momente, in denen er sich frage, warum er und warum jetzt, doch die Fragen wischt er dann einfach vom Tisch. Dann blickt er nach vorn und hofft, dass es auch jetzt, nach diesem Rückschlag, irgendwann wieder bergauf geht. Vielleicht liest Franz Rumpler ja dann in seinem eigenen Buch, seinem Ratgeber, den er im Jahr 2016 geschrieben und 2021 unter dem Eindruck von Corona aktualisiert hat. »Leben in kleinen Portionen« hat er das Bändchen genannt. »Anregungen für schwierige Lebenslagen«, will er, wie das Werk im Untertitel heißt, mit seinem Erfahrungsbericht geben. Bei Klinik- und Reha-Aufenthalten und auch bei Treffen mit Freunden und Bekannten stellte er schnell fest: Kranke, Menschen mit Handicap und Unfallopfer machen mehr oder weniger alle die gleichen (schlechten) Erfahrungen. Ihnen allen will er mit seinem Buch Handreichungen geben, praxisnahe Tipps zu unterschiedlichen Lebenslagen: etwa, wie bewältigt man Einkäufe, welches Verkehrsmittel ist geeignet, wann soll man sich um ein Testament kümmern und wie sieht besseres und barrierefreies Wohnen aus? 

Widerstand von Ärzten

Helfen ist Rumplers Motto. Als ehemaliger Leiter der Schule für Kranke, die inzwischen Jakob-Herz-Schule heißt, war der Sonderpädagoge zuständig für Schüler, die in einer Einrichtung des Universitätsklinikums Erlangen liegen, Kinder und Jugendliche, die zum Teil schwer und todkrank sind und die, wenn sie nicht mehr in die Klassenzimmer der Jakob-Herz-Schule (die ihre Räume in einer regulären Schule hat) gehen können, in ihrem Krankenzimmer unterrichtet werden. Rumpler machte sich für Videoübertragungen auf die Kinderklinikstationen stark, zu einer Zeit, als noch niemand an Homeschooling übers Internet dachte. Seine Ideen setzte er damals engagiert durch, auch gegen so manchen Widerstand etwa aus den Reihen der Ärzte. 

Beeinträchtigung, Behinderung, Krankheit, Sterben, Tod und Trauer: Franz Rumpler hat sich sein ganzes Berufsleben damit befasst. Er hat Kinder kennengelernt, die in jungen Jahren eine schwere Krankheit bekamen, die physische oder psychische Leiden hatten, ihr Krankenbett irgendwann gar nicht mehr verlassen konnten, und das doch so gerne wollten, nur um an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen und etwas Normalität zu haben. Er kennt die Breite des Lebens und weiß: »Es ist nichts selbstverständlich. Ich habe so viele gesehen, denen es noch viel schlechter ging als mir.« 

Der Lebenswillen zählt

Immer nach vorne schauen, nie aufgeben, im Kampf gegen die Krankheit nicht nachlassen: Bei Franz Rumpler sind diese Mutmach-Parolen weit mehr als reine Floskeln, er lebt sie, hat bei seinen früheren schwerkranken Schülern gesehen, wie sie ihre ganze Kraft in den Besuch einer einzigen Schulstunde im Klassenzimmer gesteckt haben. Einen solchen Lebenswillen hat er auch im Privaten erlebt, als seine Ehefrau im Alter von 35 Jahren an Brustkrebs erkrankte. Eva Rumpler rief später in Erlangen die Gruppe »Frauenselbsthilfe nach Krebs« ins Leben. 2022 begeht die Initiative, die seit ihrer Gründung schon vielen Patientinnen Halt und Hilfe gab, ihr 25. Jubiläum. Auch Franz Rumplers Buch wird in einem Vierteljahrhundert sicher noch gelesen werden – denn Schicksalsschläge gibt es (leider) zu allen Zeiten. 

Text: Sharon Chaffin
Foto: Mile Cindric

Franz Rumpler: »Leben in kleinen Portionen – Anregungen für schwierige Lebenslagen«, BoD Verlag, Norderstedt, Taschenbuch, 136 Seiten / 7,99 Euro, ISBN: 9783751969765. E-Book ISBN: 9783752695502, 5,49 Euro.