Der rätselhafte Reisegast: Fünf Tage blieb er buchstäblich unsichtbar. Symbolbild: Dennis Gries/ Pixabay

Die nachstehende Geschichte liefert einen besonders mysteriösen Beitrag in meiner an Episoden reichen Reiseleiterhistorie. Selbst in jahrelanger Nachbetrachtung bleiben die Ereignisse genauso nebulös wie damals, als sie sich in der Gleichzeitigkeit des Erlebens darstellten.

Städtereise Madrid und Kastilien, Dauer 7 Tage. Gerade hatte ich eine Gruppe von ca. 20 Reisegästen nach kurzem Transfer vom Flughafen Barajas im Hotel eingecheckt, die Schlüssel verteilt und den Gästen gesagt, um wieviel Uhr wir uns in der Lobby treffen würden. Der erste Stadtrundgang im Madrid der Habsburger stand auf dem Programm. Nachdem ich mich kurz frisch gemacht und einige Minuten meine Unterlagen und den Stadtplan studiert hatte, fand ich mich ca. 5 Minuten vor der vereinbarten Zeit an der Rezeption ein. Bald war auch schon die Gruppe versammelt, einem pünktlichen Aufbruch schien nichts im Wege zu stehen, bis auf einen Reisegast waren alle da.

Es war ihr Mann

Die Minuten verstrichen, er tauchte nicht auf, ich schaute auf die Straße vor dem Hotel, da es erfahrungsgemäß immer jemanden an die frische Luft zog, und wenn es zum Rauchen geschah, auch noch in der Zeit, als in – fast– allen Hotels dieser Welt geraucht werden durfte. Nadie, niemand zu sehen! Ich ließ im Zimmer anrufen … da spricht mich eine mitreisende Dame an und erklärt mir, dass es sich bei dem ausbleibenden Herrn um ihren Mann handele. Sie sagte, er habe das Zimmer bereits kurz nach unserem Eintreffen im Hotel verlassen, um einen Spaziergang zu machen und dann pünktlich wieder zurück sein wollte. Was tun, wohlgemerkt, mit mobiler Erreichbarkeit war die Welt damals noch nicht so weit?

Nach weiteren fünf Minuten konnte ich nicht länger warten, die Zeit war kostbar, nachdem bereits eine Viertelstunde vergangen war. Kurze Mitteilung an den Rezeptionisten, um wieviel Uhr wir wieder zum Abendessen zurück seien, und dann zogen wir los. Auch nach unserer Rückkehr im Hotel ca. zwei Stunden später blieb der Reisegast verschwunden … el cliente desaparecido. Er sollte bis zum vorletzten Tag der Reise auch nicht mehr auftauchen.

Für einen solchen Fall war kein Maßnahmenkatalog vorgesehen. Also hieß es, sofort Kontakt mit dem beim Veranstalter für Spanien zuständigen Gebietsleiter (heute heißen sie Produktmanager) aufzunehmen und nach dem Abendessen beim nächsten Polizeirevier in Madrid im Beisein der Ehefrau eine Vermisstenanzeige aufzugeben, unsere Reiseroute mit den Kontaktnummern der Hotels und des Gebietsleiters zu hinterlassen und die Entwicklung der Dinge abzuwarten. Mehr war für den Moment nicht zu tun, und der besagte Moment, als wir die Polizeistation verließen, bewegte sich um die mitternächtliche Stunde herum.

Ein langer Tag mit Nachspielzeit

Wahrscheinlich muss ich mich an jenem Abend in einer etwas ambivalenten Gefühlslage bewegt haben, war ich doch hin und hergerissen zwischen dem Erleben einer gewissen dramatischen Zuspitzung der Ereignisse und meiner allgemeinen Müdigkeit bzw. Zerknirschtheit ob der in Kauf zu nehmenden „Nachspielzeit“ (wenn es nur wenigstens den Thrill des Elfmeterschießens gegeben hätte …) meines Einsatzes an jenem Tag. Für diesen erhielt ich das vertraglich vereinbarte Honorar. Das Tageshonorar des Reiseleiters war immer gleich, ungeachtet der Länge des Arbeitstages. In der Regel handelte es sich in Spanien, wo man sich selten vor 21:00 Uhr vom Tisch erhob, um 12 – 13 Stunden.

Nun, eigentlich ist die Geschichte schnell erzählt. Die Reise nahm während der folgenden vier Tage ihren vorgesehenen normalen Verlauf, begleitet von sich abwechselnden Telefonaten zwischen dem Polizeirevier und dem Gebietsleiter. Weniger normal nahm sich das Verhalten der Frau des Verschwundenen aus. Ich hatte, wie viele der Mitreisenden auch, erwartet, dass sie zunächst in Madrid bleiben würde, auch wenn sie verständlicherweise noch am Tagesausflug zum El Escorial teilnehmen wollte. Umso überraschter war ich, als sie dann mit zum nächsten Etappenziel Segovia reiste und insgesamt kaum Anzeichen von Beunruhigung äußerte. Natürlich war ihr nicht zu verwehren, eine Reise, die sie gebucht und längst bezahlt hatte, in Anspruch zu nehmen, doch wer hätte, in einer vergleichbaren Situation darauf noch Lust verspürt?

Keine Erinnerung an die vergangenen fünf Tage

Als wir schließlich in Toledo nach unseren Besichtigungsprogramm ins Hotel kamen, erhielt ich eine Nachricht mit der Bitte, mich mit der Polizeidienststelle in Madrid in Verbindung zu setzen. Bei dem anschließenden Telefonat erfuhr ich, dass der verschwundene Reisegast in der Nacht zuvor auf einer Bank im Retiro-Park in Madrid aufgefunden und mit aufs Revier genommen wurde. Dem Polizeibericht war später zu entnehmen, dass er auf die Polizeibeamten einen orientierungslosen, verwirrten Eindruck machte und auf ihre Fragen nach seinem Verbleib während der zurückliegenden fünf Tage keine Antworten geben konnte.

Am letzten Tage der Reise, dann wieder zurück in Madrid, gab es tatsächlich noch ein „glückliches Wiedersehen“ mit seiner Frau und der gesamten Reisegruppe. Und das Erstaunlichste, oder nennen wir es, das Beste an dieser Geschichte war, dass unser Protagonist, und im Übrigen auch seine Frau, beim Abschiedsessen, eingerahmt von der Reisegruppe, so tat, als wäre nichts geschehen, als wäre er die ganze Zeit dabei gewesen und als hätten wir alle nur geträumt.

Natürlich hatte es in der Reisegruppe während der besagten Tage reichlich Gesprächsstoff und Vermutungen um das Verschwinden des Herrn gegeben. Unbestritten spielte er eine Hauptrolle im Subtext des „gruppendynamischen Skripts“, war er doch nicht nur ein Nebenschauplatz sondern ein echtes und feines Highlight, eingewoben wie ein roter Faden in das an Sehenswürdigkeiten reiche touristische Gewebe Kastiliens. Welche Geschehnisse führten zu seinem Verschwinden? Hypothesen gab es deren viele, doch die wahren Gründe bleiben einzig sein Geheimnis.

Ihr United Guide Thomas Staender 
Geschäftsführer Enjoy Bavaria Tours