Hello All,

Grübeln über die Zeit. Angeblich habe ich als Ruheständler davon genug, für die paar Vorhaben, die noch so anstehen. Doch nagt an mir ein übles Gefühl, dass mir die Zeit schneller denn je zwischen den Uhrzeigern verrinnt. Zeit ist eine Form von Lebenschancen. Mit ihr zu tun, was mir beliebt, ist Teil meiner Freiheit. Und dann nimmt man mir heute Nacht eine weitere Stunde. Sechsmonatige Zwangspfändung mit offizieller Ansage. Ich komme mir wehrlos vor, wie bei der Steuer, die mir ebenfalls etwas nimmt, womit ich selbst weitere Gestaltungsmöglichkeiten hätte.

Doch neben Steueroasen gibt es auch Sommerzeit-Oasen; sehr große sogar; tendenziell mehr. Die Sommerzeitumstellung praktizieren überwiegend nur Länder der nördlichen Hemisphäre. Deutschland hatte sich 1916 mit dieser frühen Form der Energieeinsparung als Vorreiter der damaligen Industrieländer profiliert. Die meisten Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas verzichten jedoch (wieder) auf diese Errungenschaft. 3/4 der Menschheit kommt nun ohne dem Hin und Her der Stundenzeiger im 6 Monatsrhythmus aus. Neben dem organisatorischen Aufwand ersparen sie sich die epidemiologisch belegte Häufung von Verkehrsunfällen, Herzinfarkten und Schlaganfällen in den Folgetagen der verkürzten Nacht. Arbeitsforscher beobachten in dieser Zeit zudem einen deutlichen Konzentrationsmangel und Produktivitätsabfall. Vor diesem Hintergrund beschloss 2019 das Europäische Parlament, die Zeitumstellung wieder abzuschaffen. Seitdem warte ich auf die Umsetzung.

Noch vertraue ich darauf, dass das im Frühjahr verschwundene Fragment an Lebenszeit im Herbst aus dem chronologischen Wurmloch wieder auftaucht.  Doch wenn die Sommerzeit als die neue offizielle Standardzeit festgeschrieben wird? Dann ist gefühlt die eine Stunde verloren.  Andererseits, wer braucht im düsteren Herbst eine Stunde mehr an Dunkelheit? Da ich dieses Jahr wieder nicht zu den  Sehnsuchtsorten in anderen Zeitzonen fliegen darf, interpretiere ich die Zeitumstellung als statischen Jetlag; eine kleine Aufmerksamkeit für verhinderte Weltenbummler, als Oster-Geschenk.

Ich kenne da jemand, der ebenfalls mit der Zeitpendelei hadert. Sie stellt sich zu Beginn der Sommerzeitnacht den Wecker: Damit sie  eine Stunde früher zu Bett geht. Das fällt ihr leichter, als eine Stunde früher aufzustehen.

Ihr Global Oldie