Hello All,

was haben so unterschiedliche Staaten wie Singapur, Argentinien, Fidschi oder Türkei gemein? Sie gehören zu jenen zwei Dutzend Nationen, in denen Wahlpflicht besteht. Mal sanktionsfrei wie in Österreich oder Italien, mal etwas bewehrter, wie in Belgien, Australien oder Bolivien. In den meisten dieser Länder erlischt diese Bürgerpflicht jedoch ab einer Altersobergrenze: In Ecuador mit 65, in Belgien und Brasilien mit 70, in Luxemburg ab 75. Ob Wahlpflicht der Demokratie dient oder schadet, bleibt trefflich umstritten. Unstrittig hingegen ist die Beobachtung, dass die Wahlbeteiligung älterer Staatsbürger überdurchschnittlich hoch liegt; dass Alte also motivierter sind, sich politisch einzubringen. Auch die Kandidaten. Da streben oder beharren Menschen auf entscheidende politische Positionen in einer Lebensphase, in der Gleichaltrige schon aus dem Wählerobligo samt Berufsleben entlassen werden.  Ein biographischer Wendepunkt, ab dem Alte höhere Prämien für Autoanmietung oder einen Bankkredit zahlen. So, als ob man beim Regieren ganzer Staaten weniger Schaden an der Allgemeinheit anrichten kann als mit einem Mittelklassewagen oder dem zugehörigen Ratenkredit.

Einer der klassischen Vordenker unserer westlichen Zivilisation, Platon (ca. 428-348 v.Ch.), hielt Menschen erst ab einem Alter von 50 Jahren für politikfähig.  Was ich für schlitzohrig halte. Denn zu Platons Zeiten erreichten nur ca. 20% der Bevölkerung ein Alter jenseits der 50 Jahre; einen 75. Geburtstag feierten nur noch ca. 5% der Griechen Attikas. Wenn man die Unfreien und Frauen herausrechnet, bezog sich Platon auf ca. 5 % der Bevölkerung, denen er das politische Handeln zutraute; einer kleinen männlichen Seniorenelite. Insofern haben wir in den letzten zweieinhalbtausend Jahren in Sachen Demokratie und Wahlen doch gewisse Fortschritte erzielt. Und wir Alten drängeln keine Jüngeren vom Weg zur Wahlurne; es gibt ja Briefwahl. Also werte Freunde: geht wählen, bei uns ganz zwanglos und sogar mit Platons Segen.

Ihr Global Oldie