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Was ist der Reiz der Vorgeschichte?

Norbert Graf hat sich enorm viel Wissen angeeignet. Von der Vorgeschichte ist er immer noch fasziniert. Foto: Michael Matejka

Von Vereinen, Verbänden und Kirchengemeinden ist öfter zu hören, dass Interessierte sich nur kurzfristig engagieren wollen, bei einem Projekt mitmachen, dann aber wieder abtauchen. Doch es gibt sie noch, die »Lebenslänglichen«, die sich über Jahrzehnte hinweg in ihrer Freizeit mit einem Thema beschäftigen. Zum Beispiel Norbert Graf, seit 54 Jahren Mitglied der Abteilung Vorgeschichte in Nürnbergs Naturhistorischer Gesellschaft (NHG).

Der Rentner ist einer von etwa 200 aktiven Ehrenamtlichen, die Schwung, Ideen und Zeit in die verschiedenen Sparten einbringen – ob dies nun Archäologie, Botanik, Geologie, Pilzkunde, Vorgeschichte oder ein anderes Fachgebiet ist. Die NHG lebt von dieser Begeisterung, denn im Gegensatz zu anderen Museen läuft hier alles ehrenamtlich. Doch wie bindet man Menschen langfristig und nicht nur für ein paar Monate an den Verein? »Wenn man sich in eine Sache vertieft, wird man glücklich und bleibt«, meint die NHG-Vorsitzende Gabriele Prasser, die seit vielen Jahrzehnten Gesteinsschichten in der Region und weltweit erkundet. »Man findet Gleichgesinnte, baut sein Wissen aus und entwickelt sich ständig weiter.« Selbst aktiv werden, mitbestimmen – dies sei das Band, das die NHG-Mitglieder zusammenhält.

Bei Norbert Graf hatte der Vater das Interesse für die Vergangenheit geweckt, als er mit den beiden Söhnen Burgen, Ruinen und Höhlen in Mittelfranken erforschte. In der Petershöhle bei Velden fand der kleine Norbert einst ein paar Bärenknochen, die er zuhause wie einen Schatz hütete. Später faszinierten ihn Versteinerungen, die ein Bekannter in seiner Wohnung an der Wand aufgehängt hatte. »Wenn du mehr darüber wissen willst, schau dich doch mal bei der Naturhistorischen Gesellschaft um. Vielleicht gefällt’s dir dort«, riet ihm der Mann.

Bei seinem ersten Besuch stieß Graf auf eine Gruppe junger Leute, die versuchte, Tonscherben wieder zu kompletten Gefäßen zusammenzufügen. »Ich habe dann bei den ,Töpflesflickern‘ mitgemacht«, erinnert sich der mittlerweile 72-Jährige. Ihm bereitete damals das Puzzeln mit den Bruchstücken Freude, weil am Schluss ein konkret sichtbares Ergebnis steht: Zunächst wurden die Keramikreste gewaschen, gesäubert, gehärtet und beschriftet. Anschließend versuchte man, eine Schale, Vase oder ein Trinkgefäß in der ursprünglichen Form zusammenzusetzen, Fehlstellen wurden mit Gips ergänzt.

Bei der akribischen Arbeit hat Graf von den Kollegen viel über Archäologie und Vorgeschichte erfahren – und außerdem einen Freund fürs Leben gefunden. Seine Frau hat der Franke ebenfalls bei der NHG kennengelernt – der Kitt, der ihn bei dem Verein gehalten hat, besteht also auch aus menschlichen Beziehungen. Grafs Fachgebiet, über das er Vorträge sowie Führungen hält und wissenschaftliche Aufsätze publiziert, ist die Vorgeschichte Süddeutschlands – die Zeit vom Auftauchen der ersten Menschen bis zu den schriftlichen Quellen in der Römerzeit.

Spannende Spuren bei Wendelstein

Spannend waren für ihn die zahllosen Geländebegehungen in seiner Heimat, um auf Spuren der Vorgeschichte zu stoßen: Beim Pflügen tauchten auf Äckern gelegentlich Knochenreste und Tonscherben auf. Nach dem Abholzen eines Wäldchens bei Wendelstein für eine Wohnsiedlung und dem Abschieben der obersten Erdschicht kamen Reste eines Gräberfelds aus der Urnenfelderzeit zum Vorschein – also aus der Zeit 1200 bis 1000 vor Christus. Für Graf war dies damals eine Sensation. Die NHG-Mitglieder legten zwölf Gräber frei, eines ist im NHG-Museum in der Norishalle in Nürnberg zu sehen. »Da habe ich einen tollen Fund gemacht: einen noch als Schatten erkennbaren Erdabdruck eines hölzernen Schmuckkästchens, die Bronze-Armreifen waren erhalten. Bei anderen Grabungen stieß ich auf Halsringe und Gewandnadeln«, schwärmt Norbert Graf. Solche Entdeckungen haben ihn immer wieder zum Weitermachen animiert. Auch die Möglichkeit, in Fachblättern die Grabungen und Funde wissenschaftlich auszuwerten, hat ihn stets aufs Neue motiviert: »Das ist gut fürs Ego«, meint er augenzwinkernd.

Der frühere Großhandelskaufmann hält fest, dass die NHG-Gruppe im Gegensatz zu Raubgräbern absolut wissenschaftlich arbeitet: Es geht nicht um das Aufspüren von wertvollem Schmuck oder Waffenresten, sondern um das professionelle Auswerten eines vorgeschichtlichen Ortes. Mit der – seit einigen Jahren verschärften – gesetzlichen Verpflichtung, Bodendenkmäler bei Bauvorhaben umfassend zu dokumentieren, sind zahlreiche archäologische Grabungsfirmen gegründet worden. Daher hat die NHG-Abteilung Vorgeschichte ihre eigenen Grabungen weitgehend eingestellt. Das Netzwerk, das die Mitglieder über viele Jahre mit anderen Experten aufgebaut haben, trägt aber weiterhin zum fachlichen Austausch bei. Jede Woche kommt bei der Naturhistorischen Gesellschaft in der Norishalle ein Stapel mit neuen Fachzeitschriften, Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten an – allmählich wird der Platz knapp in der umfassenden Fachbibliothek.

Schon früher wurden die Menschen alt

Aus Knochen und Grabbeigaben können Experten viel herauslesen.
In der Norishalle werden die Funde entsprechend präsentiert. Foto: Michael Matejka

Doch die 150 Mitglieder der Vorgeschichte-Abteilung wollen keineswegs nur die akademische Elite erreichen: Mit Führungen durch die Ausstellung möchte man alle Interessierten ansprechen – auch Familien mit Kindern. Dabei räumt Graf mit weit verbreiteten irrigen Meinungen auf. »Viele Besucher glauben zum Beispiel, dass die Menschen früher generell nicht alt geworden sind. So pauschal stimmt das aber nicht, ich bin schon auf Skelettreste von 75-Jährigen aus der Vorgeschichte gestoßen«, erzählt der Ehrenamtliche, »und dass die Menschen früher viel kleiner waren, ist allgemein gesprochen ebenfalls nicht richtig.«

Aber ist das Einordnen alter Knochen und zerbrochener Bronzeringe nach einem halben Jahrhundert nicht langsam langweilig? »Nein, überhaupt nicht«, widerspricht der Rentner, »es gibt ja immer wieder neue Befunde. Und man lernt häufig weitere Fachleute zum Austausch kennen.  Das Thema ist bis heute spannend.« Auch weil sich die Menschen der Vorgeschichte mit Fragen beschäftigt haben, die man sich heute genauso noch stellt: Woher kommen wir und wohin gehen wir? Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Die Vorgeschichte fasziniert Norbert Graf unvermindert. Er ist allerdings froh, dass er nicht in der Stein- oder Bronzezeit gelebt hat. Die medizinischen Kenntnisse waren minimal, ein eitriger Zahn konnte bereits das Todesurteil sein. »Das wäre definitiv keine Zeit für mich gewesen«, merkt er an, »doch  zumindest für einen Tag mal einen Einblick zu bekommen in das Leben um 500 vor Christus auf dem Walberla, das wäre schon interessant. Wie sie dort Feste gefeiert haben, wie sie sich aus dem Umland versorgt haben – über diesen Hotspot aus der Hallstatt-Zeit wüsste ich gern mehr.«

Der frühere Kaufmann bleibt aber nicht in den vergangenen Jahrtausenden stecken, unterschiedliche Kulturen heute sind für ihn ebenso spannend. Von seinen Reisen hat er beispielsweise indigene Flechtarbeiten aus Panama mitgebracht, schwere Ohrringe aus Borneo und Jagdwerkzeuge von namibischen Ureinwohnern. Noch bevölkern die Souvenirs sein Zuhause, doch später einmal soll die NHG sie bekommen – schließlich gibt es dort unter den vielen Abteilungen auch eine für Völkerkunde, die sich der Darstellung der Kulturen der Welt widmet.

Text: Hartmut Voigt; Fotos: Michael Matejka

Information

Interessierte sind bei der Vorgeschichte- Abteilung der Naturhistorischen Gesellschaft (NHG) herzlich willkommen. Jeden Freitag treffen sich die Mitglieder ab 17 Uhr bis 21 Uhr im Arbeitsraum der Nürnberger Norishalle am Marientorgraben. Vielleicht lässt sich dabei die/der eine oder andere sogar so begeistern, dass sie/er  wiederkommt. Wer den Sonntags-Rundgang im Museum mit Fachleuten der NHG verpasst, kann sich mit Hilfe von QR-Codes an den Vitrinen selbst einen Überblick über die Sammlung verschaffen.

 

 

 

 

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