Hello All,

warum empfinden Menschen Lockdown und Ausgangssperre über längere Zeit als schwer erträglich? Wieso kann man auf Dauer nicht einfach gemütlich zuhause abhängen? Das Unbehagen darüber wurzelt tiefer als die spontane Enttäuschung und verfassungsrechtliche Bedenken. Die Evolution zum Homo Sapiens vergönnt uns weder dauerhafte Freude am Alleinsein noch am stationären Verweilen. Seit Urzeiten durchstreifen Humanoiden und deren Ableger in kleinen Gruppen die Landschaften; Beweglichkeit ist unser Elixier. Feste Behausungen gibt es nicht einmal seit einem Bruchteil von Promille an Jahren in der menschlichen Entwicklungsgeschichte.  Auch Menschen mit inzwischen festem Wohnsitz bleiben latent auf der Pirsch. Sei es Schnäppchenjagd im Winterschlussverkauf oder Erkunden neuer Wege: wir folgen damit atavistischen, bisher erfolgreichen Gepflogenheiten unserer Spezies. Anthropologen lassen die Köpfe ihrer Doktoranten rauchen, ob und wie stark diese Urverlangen genetisch vererbt, durch Anpassungsdruck entstanden und kulturell bedingt sind.

Eine längere Trennung von der „in-group“ der eigenen Gruppe, Sippe, Freundeskreis oder Kollegen schmerzt; kann krank machen oder töten. Eine Zeitlang alleine zurecht zukommen gilt bei naturnahen Ethnien als Mutprobe; als außergewöhnliche Bewährung für die Aufnahme in erlauchtere Kreise. Eine der höchsten Stufen der Selbstkasteiung, wie sie Eremiten exerzieren, ist deren Rückzug in die Einsamkeit. Ähnliches gilt für verwehrte Bewegungsfreiheit: Fußfesseln, Ghetto, Inseln der Verbannung oder Verlies verhindern nicht nur Flucht und Rückkehr zur Gruppe, sondern nehmen dem inhärenten Streuner in uns den nötigen Raum und Strecke. Isolation und Fesseln wirken mehrfach, psychisch wie physisch; sie fühlen sich an wie Strafen.

Tierschützer würden sagen, Menschen im längeren Lockdown und mit Ausgangssperre belegt, werden nicht artgerecht gehalten. Also, nur akzeptabel, wenn glaubwürdig probat und zeitlich überschaubar.

Ihr Global Oldie