Für Elisabeth Knoll war der Seniorentreff Bleiweiß in Nürnberg immer eine gewohnte Anlaufstelle. Ihre Woche bestand aus Wirbelsäulengymnastik, Yogagruppe, und wenn der Singkreis am Mittwoch durch war, ging es langsam aufs Wochenende zu. Doch das ist seit dem Ausbruch der Pandemie vorbei. Die Wochentage verschwimmen bei ihr. Die Regelmäßigkeit des Kursprogramms im Bleiweiß hätte Sicherheit in den Alltag gebracht. Die 83-Jährige ist nicht die einzige, die sich umstellen musste. Kursleitungen und städtische Programmplaner stehen ebenfalls vor neuen Herausforderungen.

»Ein halbes Jahr haben wir keine Kurse mehr durchgeführt, das ist bitter für uns, weil es bitter für unsere Teilnehmer ist«, fasst Julius Leib zusammen. Der Leiter des Seniorentreffs Bleiweiß hatte an Ostern gemeinsam mit den Kursleiterinnen und Mitarbeiterinnen erneut ein Programm zusammengestellt. Zum dritten Mal. Und zum dritten Mal weiß er nicht, ob er zumindest Teile davon verwirklichen kann oder gar nichts. Diese Unsicherheit liegt vor allem an den sich ständig verändernden Vorschriften, die Leib und viele andere in der offenen Seniorenarbeit Tätige begleitet. Mareen Bähr ist zentrale Ansprechpartnerin für die Seniorennetzwerke. Sie bezeichnet es als »größte Herausforderung herauszufinden, welche Verordnung wofür passt, da die Angebote so vielfältig sind«. In regelmäßigen, digitalen Konferenzen tauscht sie sich mit den Koordinatorinnen der Angebote in den Stadtteilen aus.

Begierig auf Austausch

Als im Sommer 2020 Veranstaltungen im Freien wieder möglich waren, hätten sich die Organisatorinnen »wie Flugbegleiterinnen gefühlt, weil sie immer wieder auf die Abstandsregeln hinweisen mussten«. Die Leute seien aber sehr begierig sich auszutauschen, manche hören schlecht, und so rücke man eben zusammen. Doch das ist nicht erlaubt. Wie die »Coronapolizei« seien sich die Kursleiterinnen und städtischen Mitarbeiterinnen vorgekommen. Das sei eine Rolle, die ihnen gar nicht behage.

»Man muss aufpassen, dass man nicht in eine Problem-Trance hineinrutscht«, meint Julius Leib. Persönlich hilft dem 38-Jährigen sein familiäres Umfeld. Bei den gemeinsamen Aktivitäten mit seiner Frau Tanja und den beiden Kindern Rosa (4 Jahre) und Anton (7 Jahre) tankt er Kraft. Außerdem motivieren ihn die Rückmeldungen aus dem Kreis der Senioren, die zeigen, wie wichtig die städtische Altenarbeit ist. »Auch, dass kleine Angebote funktionieren, hat mich angespornt«, ergänzt er. Leib und seine Kollegin Mareen Bähr kennen zahlreiche Aktivitäten, die gegen die Einsamkeit während des Lockdowns wirken. Dafür wurde viel angestoßen: angefangen bei den »Gemeinsambänken« in St. Johannis und Ziegelstein, die zum Plausch einladen, über generationenübergreifende Kontakte durch regen Briefaustausch zwischen Grundschülern und Älteren bis zum »Brieftaubentanz«, wie ein gemeinsames Tagebuch-Projekt in Muggenhof heißt, das Jung und Alt verbindet.

Kontakt gehalten hat auch Maxi Zieger­er während der ganzen Zeit. Sie leitet den beliebten Singkreis im Bleiweiß mit mehr als 50 Mitgliedern, die meisten im Alter von 80 plus. Die wöchentlichen Gruppentreffen hätten wie ein Lebenselixier gewirkt. »Das tut der Seele unheimlich gut«, sagt die 75-Jährige. Wenn jetzt die Mitglieder das Singen von alten Schlagern, bekannten Volksliedern und beliebten Potpourris sehr vermissen, rufen sie ihren Musiker mit dem Schifferklavier an. Dann schalten sich mehrere Teilnehmer telefonisch hinzu und singen zu seiner Begleitmusik. Das tröstet darüber hinweg, dass man sich schon länger nicht mehr persönlich getroffen hat.

Allein konnte sie sich zu Nichts aufraffen

Ein bisschen Aufmunterung könnte auch Helga Orff gebrauchen. Die 80-Jährige hat im Bleiweiß regelmäßig am Gedächtnistraining teilgenommen und am Gesprächskreis. Im Seniorentreff Heilig Geist hat sie außerdem einen Malkurs besucht. »Ich verdumme langsam«, beklagt sie. Sie unternehme nichts mehr, alleine mache ihr das Malen keinen Spaß. Ihr fehlen Motivation und Austausch. Aus dem Kreis der Teilnehmer hätten sich einige stark in die Familie zurückgezogen, berichtet sie. Anderen ergehe es ähnlich wie ihr, die »faul geworden ist«. Die Anrufe des Bleiweiß-Teams sind für sie eine willkommene Abwechslung. Kursleiterin Barbara Zülch-Ludwig erkundigt sich öfter nach ihrem Befinden.

Früher war Helga Orff eine »leidenschaftliche Stadtgängerin«. Aber auch dort war das ganze Frühjahr über »tote Hose«. Es sind keine großen Wünsche, die sie für die Zeit nach dem Lockdown hegt: »Eine Tasse Kaffee trinken im schönen Garten der Stadtbibliothek oder einfach auf der Bootsterrasse am Dutzendteich sitzen und eine Kleinigkeit genießen«, zählt die Stammkundin im Treffpunkt Bleiweiß die Ereignise auf, auf die sie sich freut.

»Auf Los, geht‘s los«, ist Elisabeth Knoll überzeugt und steht schon in den Startlöchern. Singen unter freiem Himmel, das sollte doch bald wieder gehen. Julius Leib und das Team aus dem Seniorenamt sind auf jeden Fall vorbereitet. Noch hofft der Bereichsleiter, dass sich das Sommerkonzert im Seniorentreff Heilig Geist durchführen lässt, notfalls nicht wie gewohnt mit 300 Zuhörern, sondern in kleinerem Kreis. Die Unplanbarkeit der Veranstaltungen ist eine Tatsache, an die er sich inzwischen gewöhnt hat. Trotzdem hält er an Bewährtem fest und denkt schon an die Weihnachtsgala, die seit jeher ein fester Bestandteil im Jahreskalender der Nürnberger Senioren ist.

Text: Petra Nossek-Bock
Foto: Kat Pfeiffer

Unser Foto auf der Homepage zeigt Julius Leib und Mareen Bähr vom Seniorentreff Bleiweiß in Nürnberg.