Das Nürnberger Seniorenamt plant eine groß angelegte Bildungsoffensive für Offliner: Für unterwegs bieten Smartphone und Tablet vielfältige ­Unterhaltung für die lange Fahrt.

Bernd ist fast täglich online. Der 85-Jährige bucht Reisen im Internet, erledigt seine Bankgeschäfte am PC und schickt, wenn er unterwegs ist, kleine Textnachrichten an Kinder und Enkel via WhatsApp. Berührungsängste mit der digitalen Welt kennt der ehemalige Chemiker nicht, nur die kleinen Tasten am Smartphone nerven ihn. Deshalb fallen seine Botschaften aus dem Urlaub immer recht kurz aus. »Aber ein Leben ohne diese Geräte könnte ich mir nicht mehr vorstellen«, sagt der zweifache Großvater. Und er ist damit nicht alleine. Die Mehrheit der Senioren in Nürnberg ist online-affin. Dennoch: Eine relativ große Gruppe älterer Menschen nutzt das Internet nach wie vor nicht. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Nürnberger Seniorenamtes im Sommer 2019. Demnach schalten gut 35 Prozent der über 60-Jährigen weder Computer noch Laptop ein, beim Smartphone liegt die Quote der Abstinenzler sogar noch höher: 37,5 Prozent nehmen es nicht in die Hand, manche kennen es nicht einmal.

Der Bildungsabschluss macht den Unterschied

Für manche ist dies mit der Pandemie zum Problem geworden. Kontakte halten im Lockdown, sich beim Impfportal registrieren, vorab das Schwimmbad-Ticket kaufen – all das geht entweder nur online oder es ist mit Hilfe digitaler Technik wesentlich leichter und bequemer. Diese Techniken werden auch nach der Pandemie bestehen bleiben. Damit in Zukunft nicht viele Ältere außen vor bleiben, möchte das Seniorenamt im Rahmen eines auf drei Jahre angelegten Projektes den Weg in die digitale Welt ebnen. 

Um welche Zielgruppe es dabei geht, das hat die Studie ziemlich genau ermittelt. Die Untersuchung zeichnet nämlich ein durchaus differenziertes Bild: Von den 60- bis 69-Jährigen sind über 80 Prozent im Internet aktiv. Je älter die Befragten, desto größer wird jedoch die Gruppe der sogenannten Offliner. Bei den 70- bis 79-Jährigen ist immerhin noch mehr als jeder Zweite relativ kenntnisreich im Umgang mit PC und Co., doch bei den über 80-Jährigen nimmt die Internetnutzung deutlich ab. Über 73 Prozent dieser Altersgruppe gaben an, das Internet selten oder nie zu besuchen oder es überhaupt nicht zu kennen. 

Lernorte in den Stadtteilen

Deutliche Unterschiede fanden die Forscher auch zwischen den Geschlechtern: Männer sind demnach eher online-affin als Frauen. Menschen, die sich gesund fühlen, sind eher im Netz aktiv als solche, die nicht mehr so fit sind. Und: Alleinstehende nutzen das Internet seltener als Menschen, die mit jemandem zusammen leben. Schließlich macht der Bildungsabschluss einen Unterschied: Ältere ohne Ausbildung sind seltener im Internet unterwegs (40 Prozent) als Menschen mit Ausbildung oder einem Meister-, Techniker- oder Hochschulabschluss: In dieser Gruppe sind es über 80 Prozent. 

Mareen Bähr und ihre Kollegin Anne-Katrin Töpfer, die sich im Seniorenamt um das Projekt kümmern, nehmen alle älteren Offliner in den Blick: »Ihnen wollen wir gezielt Angebote machen«, sagt Bähr. Das Problem dabei: Erst einmal muss das Amt an diese Senioren überhaupt herankommen. Das Vertrauen in die Organisatoren entsprechender Angebote sei dabei besonders wichtig, sagt Bähr. Aus diesem Grund sind die Seniorennetzwerke in das Projekt eingebunden; ihre Koordinatoren sollen auf die Menschen zugehen und sie für ein Ausprobieren gewinnen. Dieses Testen solle möglichst niederschwellig gestaltet sein, betont die Sozialwissenschaftlerin. Deshalb sind sogenannte digitale Lernorte in den Stadtteilen geplant, in denen die Älteren in kleinen Gruppen oder sogar in 1:1-Tandems »erste Schritte mit Smartphone oder Tablet« gehen können. Damit die Hürden möglichst niedrig sind, wird es Leihgeräte geben. Frauen und Männer, die nicht mehr so mobil sind, können Hausbesuche bekommen, auch an Hilfe bei der Einrichtung des eigenen WLANs zu Hause haben die Organisatoren gedacht. 

Digital-Lotsen sollen helfen

Wichtig sei es, die Motivation der potentiellen Teilnehmer zu kennen, betont Bähr. »Die Menschen müssen wissen, wozu sie das Internet brauchen und welchen Mehrwert es für sie hat.« Auch dazu hat das Seniorenamt schon erste Erkenntnisse: Besonders groß sei die Lernbereitschaft bei denen, die mit Hilfe der Technik Kontakt mit Familien und Freunden halten wollen, weiß Bähr. Mit diesem Thema ließen sich etwaige Bedenken gut überwinden. Wenn dann erste Kenntnisse vorhanden sind, könnten die Teilnehmer sich auch mit Online-Banking und Ticketbuchung auseinander setzen, hofft die Leiterin des Fachbereichs Quartiersentwicklung und Seniorennetzwerke. 

Bei der Durchführung der Kurse setzt das Seniorenamt auf ehrenamtliche Digital-Lotsen. Einige gibt es bereits, weitere werden gesucht und können sich per E-Mail an digitale.welt.seniorenamt@stadt.nuernberg.de melden. Sie sollen auf ihren speziellen Einsatz vorbereitet und zum Thema »Lernen im Alter« geschult werden. Dabei gehe es auch um die Frage, wie man Älteren Ängste vor dem unbekannten Terrain nehmen kann. 

Start ist im Treff Bleiweiß

Im Herbst startet das Projekt mit einem Digitalcafé im Treff Bleiweiß, weitere Einrichtungen sollen folgen. Fachlich einbezogen ist der Computer Club Nürnberg 50+, in dem schon jetzt viele ältere Frauen und Männer aktiv sind. Hier, oder auch am Bildungszentrum, können im Idealfall alle Offliner, die die ersten Hürden genommen haben, ihr Wissen vertiefen. Doch erstmal geht es darum, dass möglichst viele aus der Zielgruppe einen Anfang machen. Dabei hilft, dass die Finanzierung bereits geklärt ist: Das Projekt wird komplett aus Drittmitteln finanziert, unter anderem über eine Spende der Fürst Gruppe, einem Unternehmen zur Gebäudereinigung, und aus Mitteln eines zweckgebundenen Nachlasses.

Dank dieser Unterstützung sollen die Digitaltreffs in den kommenden drei Jahren in vielen Seniorennetzwerken angeboten werden. Dabei gehe es nicht nur darum, bei den technischen Möglichkeiten mithalten zu können, betont Bähr. »Das Leben ist ja dann auch einfacher.« Das Digitale helfe den Menschen dabei, selbstständig zu bleiben, etwa dank Online-Shopping oder digitaler Kommunikation. Und möglichst lange zu Hause bleiben, das wollen die meisten Senioren.

Text: Silke Roennefahrt
Foto: Edyta Pawlowska/photocase.de