110? Wer mag das sein? Mit Sicherheit nicht die Polizei. Foto: Wolfgang Gillitzer

Eberhard B., (77) hat sich gerade einen Kaffee gemacht und sitzt gemütlich in seinem Fernsehsessel, als das Telefon klingelt. Das passiert im Haus des verwitweten Rentners nicht allzu häufig, also ist er gespannt, wer wohl am Apparat sein würde. Eine weibliche Stimme am anderen Ende fragt: »Rat mal, wer da spricht?«

Herr B. ist etwas verblüfft und vermutet, dass es vielleicht seine Enkelin sein könnte, denn so gut hört er nicht mehr. Er fragt spontan: »Ach, bist Du es, Lara?« Die Frau bejaht die Frage und beginnt, ihrem »Opa« eine haarsträubende Geschichte zu erzählen: Sie hätte einen schweren Unfall gebaut, es habe einen Schwerverletzten gegeben und nun wolle die Polizei sie in Haft nehmen. »Ja, und was kann ich da machen?«, fragt der aufgeregte alte Herr. Um nicht in Haft zu kommen, so die falsche Enkelin, müsse sie eine Kaution von 10.000 Euro stellen. Und zwar sofort. 

Klaus ist weg und das Geld ist weg

Der besorgte Großvater überlegt einen Moment und fragt dann: »Ja, aber wie kommst Du an das Geld?« Das sei kein Problem, sagt die falsche Enkelin, ein Freund namens Klaus sei mit im Auto gewesen und könne das Geld abholen, sobald der Opa es von der Bank geholt habe. Gesagt, getan. Herr B. läuft los und hebt 10.000 Euro von seinem Konto ab. Kurz danach klingelt es, und ein junger Mann steht vor der Tür, der sich als Klaus Lange vorstellt. Der aufgeregte Mann übergibt ihm das Geld, denn, so Klaus, es eile – und weg ist er. 

Als Herr B. später seine Enkelin kontaktiert, erfährt er, dass er einer raffinierten Betrügerbande aufgesessen ist. 

Dieser sogenannte »Enkeltrick« ist nur einer von einer ganzen Reihe krimineller Taten, dem jedes Jahr meist ältere Bürger zum Opfer fallen, sagt Wolfgang Prehl, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken in Nürnberg.

Hohe Dunkelziffer

Im Jahr 2020 gab es 17 vollendete Betrugsfälle mit immerhin 1,2 Millionen Euro Schaden. »Wir können 2021 eine Tendenz erkennen, wonach die Zahlen den Wert von 2020 noch übertreffen könnten. Aber die Dunkelziffer kann man gar nicht abschätzen, jedoch dürfte sie nicht unerheblich sein«, sagt Prehl. Viele der Betrugsopfer schämten sich, dass sie auf so einen Trick hereingefallen sind und meldeten sich deshalb nicht bei der Polizei. 

Im Prinzip gäbe es drei Tricks, die in verschiedenen Variationen von den Betrügern angewendet werden: den falschen Polizeibeamten am Telefon, den Enkeltrick und den Schockanruf.

Der Falsche Polizeibeamte am Telefon. Der Anrufer versucht unter den verschiedensten Vorwänden seine Opfer dazu zu bringen, Geld und Wertgegenstände einer fremden Person zu übergeben. Bei dem Mitschnitt eines dieser Telefonate fällt die Professionalität des »Polizeibeamten« auf, mit der er sein Opfer in Panik zu versetzen versucht, damit es dann Geld und Wertgegenstände einem sogenannten Abholer übergibt. Dem Opfer wird folgende Story erzählt: Bei einer Festnahme von Einbrechern aus Osteuropa, habe die Polizei Namenslisten potenzieller Opfer sichergestellt, unter denen sich auch der Angerufene befinde. Geld und Wertgegenstände seien bei ihm zu Hause daher nicht mehr sicher. Um zu verhindern, dass sie bei einem Einbruch Kriminellen in die Hände fallen, werde demnächst ein Kriminalbeamter kommen und Geld und Wertgegenstände bei dem Angerufenen abholen.

Der Enkeltrick läuft in der Regel so ab wie er eingangs dargestellt wurde. Die Anlässe, warum der »Enkel« gerade viel Geld braucht, können variieren. Typisches Besispiel: Er sitzt angeblich schon beim Notar und könnte eine wahnsinnig günstige Wohnung kaufen. Aber ihm fehlen gerade noch 15.000 Euro. 

Der Schockanruf ist eine Masche, bei dem auch eine »Enkelin« oder ein falscher Polizeibeamter anruft. Dabei geht es oft um die Abwendung einer Haft nach einem schweren Verkehrsunfall, in den der Enkeln oder die Enkelin verwickelt ist und nun dringend eine größere Summe für die zu stellende Kaution braucht. 

Vornamensuche im Telefonbuch

Wie aber kommen die Kriminellen auf die Namen ihrer Opfer? Eine Methode, so die Polizei, sei es, das Telefonbuch nach eher altmodischen Vornamen wie Hildegard, Edeltraud, Wilhelm oder Friedrich zu durchforsten und dann dort anzurufen. 

Fest steht, dass es sich bei den Verbrechern um gut organisierte Banden handelt, die meist von der Türkei oder Rumänien aus gesteuert werden. Die Bosse selbst kommen nie an den Ort des Geschehens. Das größte Risiko tragen die »Abholer«, die an den Wohnungen die Beute einsacken sollen. Werden sie erwischt und verurteilt, warten hohe Haftstrafen auf sie. Da sind für diese Täter schon mal fünf bis sieben Jahre drin.

Was aber was kann der Bürger tun, um einem solchen Verbrechen nicht zum Opfer zu fallen? 

Zu beachten gilt, so Polizeipressesprecher Wolfgang Prehl, dass sich die Polizei niemals unter der Rufnummer 110 meldet. Zu beachten ist aber auch, dass die Täter praktisch jede Rufnummer, die auf dem Display erscheint, fälschen können. Folgende Tipps gibt die Polizei:

• Falls Sie bei der Polizei zurückrufen, suchen Sie die Nummer selbst im Telefonbuch heraus. 

• Ziehen Sie gegebenenfalls eine Person Ihres Vertrauens hinzu. 

• Lassen Sie keine Fremden in die Wohnung! 

• Legen Sie den Telefonhörer sofort auf, wenn Bargeld gefordert wird. Die Polizei wird niemals Geld oder Wertgegenstände bei Ihnen abholen. 

• Wenn Ihnen etwas verdächtig vorkommt, setzen Sie sich mit der Polizei in Verbindung, in Nürnberg ist es die Rufnummer 09 11 / 21 12 33 33. 

Text: Werner vom Busch
Foto: Wolfgang Gillitzer