Es ist ein Verdienst des umfangreichen Themenhefts »Flucht und Vertreibung« der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung (BLZ), dass es viele Facetten des bis heute schwierigen Kapitels in der deutschen Geschichte beleuchtet. Ebenso anerkennenswert sind die Anklänge an die Gegenwart, an die aktuellen Fluchtbewegungen und das Aufzeigen von Parallelen zu den Ereignissen nach Kriegsende 1945 und beispielsweise 2015.

Zwischen 12 und 14 Millionen Menschen hatten nach dem Zusammenbruch des NS Regimes ihre Heimat – häufig aufgrund der Nachkriegsordnung durch die Alliierten – verlassen und suchten einen Neuanfang im Westen. Etwa 600.000 überlebten die Gewaltmärsche, Vertreibung, Zwangsumsiedlungen und Flüchtlingstrecks nicht. Angesichts der Tatsache, dass jeder und jede Vierte in Deutschland aus einer Familie von Heimatvertriebenen stammt, ist erstaunlich wenig darüber bekannt. Im öffentlichen Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren spielte das Schicksal dieser Menschen so gut wie keine Rolle. Dafür gibt es viele Gründe. Einige werden in der Publikation analysiert und zum Teil neu eingeordnet.

Nüchterne Einordnung ist auch heute nicht immer leicht

Die Dimension der Dokumentation fasst Rupert Grübl, Direktor der BLZ, zusammen: Die historische »Aufarbeitung« bzw. eine nüchterne Einordnung von Flucht und Vertreibung gestaltet sich auch heute noch, ein Dreiviertel Jahrhundert nach den historischen Ereignissen, nicht immer leicht. Diese Geschichte zu reflektieren, heißt, von Entbehrungen, Verlusten und großem Leid zu erzählen, von unschuldigen Opfern, aber auch von Beispielen überzeugter Nationalsozialisten, Hitler-Anhängern und brutaler Täter, die sich, weil auch sie zu den Vertriebenen zählten, als Opfer gerierten und sich weigerten, ihre Schuld und die in deutschem Namen begangenen Verbrechen anzuerkennen. Die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Sylvia Stierstorfer, hatte den Anstoß für diese vorbildliche Beschäftigung mit der Völkerwanderung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten gegeben. Sie hat selbst sudentendeutsche Wurzeln und kennt die Situation in den betroffenen Familien. Denn das Thema war häufig tabu. Dennoch oder gerade deshalb »vererbten« sich die oft traumatischen Erfahrungen auf die nachfolgenden Generationen. Bei ihnen klaffen meist Wissenslücken, da sich die Erzählungen der Verwandten nur schwer historisch einordnen ließen.

Nachfahren kommen zu Wort

In dem lehrreichen Themenheft kommen die Nachfahren der Sudentendeutschen, Schlesier, Pommern und anderer Volksgruppen zu Wort. Ihren Erinnerungen wird ebenfalls Raum gegeben. Die Autoren der einzelnen Beiträge widmen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln den damaligen Ereignissen und beleuchten auch die Integration der »Rucksackdeutschen« in Bayern.

Das Themenheft »Flucht und Vertreibung« ist ab sofort im Bestellshop der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit bestellbar: www.bestellen.bayern.de/shoplink/05811125.htm oder zum PDF-Download bereit unter: www.blz.bayern.de/publikation/einsichten-und-perspektiven-themenheft-12021-flucht-und-vertreibung.html

Petra Nossek-Bock

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