Für den Vorsitzenden des Stadtseniorenrats Christian Marguliés hat das Gremium viele Verbesserungen für ältere Menschen angestoßen und nichts von seinem Schwung verloren. Foto: Michael Matejka

Christian Marguliés muss den Überblick behalten, was keine leichte Aufgabe ist. Denn der Vorsitzende des Stadtseniorenrats Nürnberg koordiniert die Arbeit von aktuell 65 Delegierten und sechs Arbeitskreisen. Rund 150.000 Nürnberger Bürgerinnen und Bürger vertritt der Stadtseniorenrat. Dafür braucht es professionelle Strukturen und eine Arbeitsorganisation, wie sie auch in vielen Unternehmen üblich ist. Marguliés erhält Unterstützung durch die Arbeitsgruppe »Entwicklung«. So kann der Seniorenrat eine umfangreiche Themenpalette rund ums Alter möglichst umfassend behandeln. Die Interessenvertretung ist damit heute so aktiv, wie es sich die Gründungsmitglieder und Initiatorinnen vor 25 Jahren gewünscht hatten. 

Der Seniorenrat sollte »ein Gegenüber von Verwaltung, Politik, und Verbänden« sein, der »ein Wächteramt übernehmen konnte«, formulierte einst Ursula Wolfring den Anspruch. Die integre und engagierte Frau lenkte die neue politische Kraft sicher durch die ersten zwei Wahlperioden von 1995 bis 2003. Wolfring, ebenso wie die frühere Sozialreferentin Ingrid Mielenz, Schirmfrau des Magazins sechs+sechzig, erkannte frühzeitig die Bedeutung des demografischen Wandels. Mit dem Stadtseniorenrat sollten Aspekte einer alternden Stadtgesellschaft in möglichst viele Bereiche der Planung und Umsetzung von Projekten in Nürnberg einfließen.

Mit 60 ist man Senior

Inzwischen gehört jeder vierte Nürnberger Bürger zur Zielgruppe des Seniorenrats, denn der »Senior« beginnt für Statistiker bei einem Lebensalter von 60 Jahren. Dabei fühlt sich kaum ein Betroffener in diesem Alterssegment als Senior. Auch das ist eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt hat. Dennoch setzen sich die Delegierten gerne für gute Lebensbedingungen für alle im Ruhestand ein. Das zeigt sich auch in der Schwerpunktsetzung der sechs Arbeitskreise: Kultur, Öffentlichkeit, Pflege, Sicherheit, Wohnen und, neu hinzugekommen, Altersarmut. Denn etwa 20 Prozent der Nürnberger gelten als armutsgefährdet im Alter.

Die Delegierten werden für fünf Jahre gewählt. Verschiedene Organisationen, Vereine und Wohlfahrtsverbände nominieren sie. Das Wahlverfahren erscheint auf den ersten Blick etwas umständlich, hat sich aber bewährt. Somit spielt die Höhe der Wahlbeteiligung ebenso wenig eine Rolle wie die Mitgliedschaft in einer Partei. Schließlich arbeitet das Gremium unabhängig und möchte auch denjenigen eine Möglichkeit zur Mitwirkung bieten, die sonst keine öffentlichen Ämter bekleiden.

Kompliziertes Auswahlverfahren

Durch das Auswahlverfahren, das manchem wie zum Beispiel der stellvertretenden Vorsitzenden Klara Rebhan schwerfällig erscheint, finden sich auch Menschen ein, die nach der beruflichen Phase noch etwas bewegen möchten. Derzeit setzt sich der Kreis aus 31 weiblichen und 34 männlichen Delegierten im Alter zwischen 61 und 81 Jahren zusammen. Am häufigsten findet sich die Gruppe 70 plus darunter, also eine Altersgruppe, in der man noch viel erleben möchte, bei kulturellen und gesundheitlichen Angeboten aktiv dabei ist, aber schon an das höhere Alter denkt.

Handlungsbedarf lokalisieren die Delegierten an vielen Ecken in der Stadt. Ein Dauerbrenner sind Bedürfnisse beim Wohnen. Es fehlt unter anderem ein verlässliches Bewertungssystem für Angebotsformen wie Betreutes Wohnen. Hier strebt der Rat eine Zertifizierung an. Der Ausbau der geriatrischen Versorgung hat beim Stadtseniorenrat eine lange Tradition. Schon zu Beginn hatte sich die Senioren-Initiative Nürnberg (SIN) mit ihrer (2008 verstorbenen) Vorsitzenden Magda Schleip um diesen Punkt intensiv gekümmert und einiges bewegt. Heute hat die SIN ein geriatrisches Kliniknetzwerk auf der Wunschliste.

Wertschätzung bei Entscheidungsträgern

Mit zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen und Aktionen hat der Stadtseniorenrat auf seine Anliegen aufmerksam gemacht. Geht es nach Christian Marguliés und Klara Rebhan, dürfte der Bekanntheitsgrad ihrer Organisation in der Bevölkerung noch zulegen. Doch bei Entscheidungsträgern, Politikern und Wirtschaftsvertretern ist eine hohe Wertschätzung deutlich zu spüren. 

So urteilt die frühere Sozialreferentin Ingrid Mielenz, in deren Amtszeit die Gründung fiel, dass »der Stadtseniorenrat aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben unserer Stadt nicht mehr wegzudenken ist. Mit den vielen Angeboten für Senioren, von der Stadt Nürnberg, den Wohlfahrtsverbänden und vielfältigen von Senioren selbst organisierten und selbstverwalteten Initiativen, ist er ein wichtiges Bindeglied.« 

Sozialreferentin kennt den Wert

Sozialreferentin Elisabeth Ries kennt die Bedeutung der engagierten Streiter für ein selbstbestimmtes, sicheres und angenehmes Leben in Nürnberg im Alter schon seit langem. Schließlich hat sie bereits Erfahrungen im Sozialreferat unter Reiner Prölß gesammelt. Der Antrittsbesuch von Ries musste wegen der Pandemie auf Mitte September verschoben werden. Für sie hat »eine repräsentative Seniorenvertretung einen unschätzbaren Wert, zumal diese engagiert Themen erarbeitet und Impulse für die Verwaltung gibt«. Sie will die bestehenden guten Kontakte zum Sozialreferat intensiv pflegen. Ries ist es zudem wichtig, dass das Gremium »in jedem Verwaltungsbereich Gehör findet und die Anregungen dort eine sachliche Diskussion auslösen«.

Die enge Verbindung zu Politik und Verwaltung wird auch dadurch unterstrichen, dass sich im Seniorenrathaus am Hans-Sachs-Platz, also in unmittelbarer Nähe zu Sozialreferat und Rathaus, die Geschäftsstelle befindet. Diese begleitet die Arbeit von Christian Marguliés und seinem Team nach Kräften und sorgt für Unterstützung bei der Vernetzung und Kommunikation nach innen und nach außen.

Für die nächste Etappe stehen noch »zahlreiche unbewältigte Themen in der Seniorenarbeit auf dem Programm«, sagt der Vorsitzende. Diese sollen trotz der Sondersituation durch Corona angepackt werden. Das betrifft besonders die Sicherstellung der Versorgung und Betreuung älterer Menschen in Heimen und die Stärkung der Stadtteil-bezogenen Arbeit der Seniorennetzwerke, die von Marguliés als bürgernah und zukunftsträchtig gelobt werden.

Text: Petra Nossek-Bock
Foto: Michael Matejka