Hello All,

mein Kleider- und Schuhschrank ist überbelegt. Besser gesagt: fehlbelegt. Seit Jahren harren erlesene Krawatten, kunstvolle Manschettenknöpfe, Anzüge, Blazer und glatte Lederschuhe vergebens auf Sitzungen, Dienstreisen, Vorlesungen, Vorträge. Hochzeiten, Taufen und andere Feste mit gediegener Kleiderordnung waren schon vor dem Lockdown zunehmend durch betrüblichere Anlässe ersetzt worden. Inzwischen hinken die noblen Stücke auch hinter meiner aktuellen Kleidergröße und Mode her. Also weg damit und dabei tapfer vergessen, was das mal gekostet, welche Erfolge (und Pleiten) ich darin durchschwitzt hatte?

Nur wohin? Die üblichen Abnehmer für Kleiderspenden ächzen seit Beginn der ersten Lockdown-Monate unter Sintfluten an aussortierten Klamotten. Deren Klienten haben kaum Bedarf an Anzügen und polierten Lederschuhen. Second Handshops winken unwillig ab: Wer sucht schon Business- Klamotten im Second-Hand-Store? Mal ganz abgesehen vom gängigen Corona-Dress-Code. Alterchen, Lockerheit im Silicon-Valley- Outfit ist King im modernen Leben. Saloppes zum Hausgebrauch, Sporteln und Kuscheln. Leggins, Jeans, Jumpers, Hoodies, Sneakers, Turnschuhe.

Bleibt der schmerzliche Weg zum Wertstoffhof. Oder, als Alternative, das Auftragen der einst besten Stücke zuhause. Da sieht es fast keiner, dass die Schulterpartie der Sakkos inzwischen zu weit geschnitten ist und die Bundfaltenhosen den Halt durch Gürtel anfordern. Für Couch und Spaziergang durch den Wald das Kamelhaarjackett; zum Einkauf im Anzug und zum Abendbrot den Blazer. Die Enkel im FaceTime werden Augen machen! So könnte ich meine bessere Freizeitkleidung schonen, bis Impfung, Herdenimmunität und Reglements mich wieder in die Öffentlichkeit entlassen. Um dann draußen den lässigen Rentner aufzuführen.

Ihr Global Oldie