Das hätten sie sich vermutlich nicht träumen lassen, die Wortkünstlerinnen und Wort­künstler, die im vergangenen Jahr um Ostern herum in Prosa und Versform über ihre »Corona-Befindlichkeiten« Auskunft gaben: dass nämlich ein Jahr später der ganze Spuk noch immer nicht vorbei ist. Noch ging es leicht belustigt um den fehlenden Nachschub von Klopapier oder Hefe, die Triumphmeldung »Entspannung total!/ Verdauung neu aufnehmen!/ Es gibt Klopapier.« (Norbert Autenrieth am 15.4.20) und den Hinweis »Wer mehr wai 10 Rolln Gloobabier derhamm hod/ wärd ab soford zur öffndlichen Dioleddn erglärd« (Jürgen Leuchauer am 18.4.20). Nachdenkliches kam genauso vor. Was immer in jenem vergangenen Frühling den Alltag bestimmte, war Thema der über dreißig Autorinnen und Autoren, die in der genau umrissenen Zeit vom 13. März bis 29. Mai 2020 mit Beiträgen für ein gemeinsames Projekt zusammenfanden. Norbert Autenrieth, Autor und u.a. Sprecher des Collegiums Nürnberger Mundartdichter, Zweiter Vorsitzender des AutorenVerbands Franken, Mitglied im »Pegnesischen Blumenorden« und der »Wortkünstler Franken« sammelte auf Anregung von Helmut Hermann die »Befindlichkeitsmails« der dichtenden fränkischen Zunft und gab sie in Buchform heraus.

Nun, mehr als ein Jahr später, rechnen wir noch immer nach dem »Neuen Längenmaß/ für einskomma fünf Meter: Jetzt ein Corona.« (Norbert Authenrieth am 23.5.20). Nach wie vor hoffen wir auf die »Lockerungsorgie« und stellen uns gegenseitig Fragen wie diese: »Sooch amol, finds du eichendlich, dass ich in derer Gwarandääne zougnummer hob?« (Jürgen Leuchauer am 2. Mai 2020). Noch spiegelt das Buch die Gegenwart, hoffentlich bald aber die Erinnerung an eine vergangene schwierige Zeit. Auf jeden Fall ist es ein bunter literarischer Tupfen im gegenwärtigen Grau.

Norbert Autenrieth (Hg.), »Corona-Befindlichkeiten – Ein poetisches Tagebuch«, Iatros-Verlag & Services e.K., Kronacher Str. 39, 96242 Sonnefeld. € 14.-

Buchtipp: Brigitte Lemberger
Cartoon: Sebastian Haug