Cartoon: Sebastian Haug

Das ist das Schöne am Leben: Man lernt nie aus. In einer geselligen Runde dreht sich das Gespräch um Rollatoren. Mit der liebevollen Nachsicht, die Kinder im fortgeschrittenen Erwachsenenalter auszeichnet, wenn sie über ihre altersschwach gewordenen Mütter und Väter berichten, geben sie zum Besten, welche Überredungskunst es brauchte, der alten Mama den Gebrauch eines Rollators schmackhaft zu machen. Harte Arbeit für den wohlwollenden Nachwuchs. Irgendwann, wissen sie, kommt die Einsicht aber doch und Oma nimmt das Ding in Gebrauch. Zu ihrem eigenen Besten.

»Also, ich glaube«, wirft die am Gespräch beteiligte Fotografin tiefsinnig ein, »also ich glaube, alte Leute sprechen mit ihrem Rollator.« – Donnerwetter, das muss ich mir merken. Vielleicht, nicht mehr lange, ist es auch bei mir soweit. Vorerst neige ich zu Selbstgesprächen. »Hab ich den Herd ausgeschaltet?« – »War eigentlich der Briefträger schon da?« – Nur so ins Leere gesprochen, natürlich. 

Ich wünsche guten Morgen

Wie anders wird das, wenn ich erst einen Rollator habe! Beim Aufstehen, der Rollator steht natürlich neben meinem Bett, wünsche ich ihm einen guten Morgen. Ich ächze ein wenig (die alten Knochen!), dann machen wir uns auf in die Küche. »Was meinst du, Toast oder Graubrot?« Meine Tageszeitung liegt vor der Tür, von einer freundlichen Nachbarin hochgebracht. Ich lese, zunehmend empört wie immer, über den Lauf der Dinge, und bin froh, dass ich meinem Gesprächspartner meine Sicht auf das Weltgeschehen erläutern kann. Wir verbringen eine geruhsame Stunde, der Rollator ist still und ich genehmige mir ein kleines Vormittagsnickerchen. Dann raffen wir uns auf und schieben uns in die Küche. Ich bereite mir einen leichten kleinen Imbiss zu, gut bekömmlich. Dazu hat meine Tochter geraten: »Mama, du darfst nicht soviel Fett für deine Bratkartoffeln nehmen, das ist ungesund.« Ich spüle ab, der Rollator steht in der Ecke, hoffentlich ist er nicht traurig. Wir schieben zurück ins Wohnzimmer, Richtung Sofa. Mit der Zeitung bin ich noch nicht ganz durch – das Vormittagsnickerchen. »Hast du meine Brille gesehen? Ach, da liegt sie ja.« Ich genehmige mir ein paar Schokoladenkekse und verscheuche mein schlechtes Gewissen. (»Mama, du isst viel zu viel Süßes. Denk an dein Cholesterin!«) 

Gegen Abend fühle ich mich einsam, kein Mensch klingelt, niemand ruft an. Macht nichts, ich habe ja meinen Rollator! »Glaubst du, dass Minchen noch ihren Gehgips tragen muss?« frage ich meinen Gefährten. Minchen, das muss ich erklären, ist meine Enkelin, die sich kürzlich beim Sport den Fuß gebrochen hat. Vielleicht hätte sie vorübergehend auch gern einen Rollator…? »Was meinst du? – Aber nein, sie humpelt ja ganz behände und zum Reden hat sie ihren Freund. 

Der Lebensabschnittsgefährte ist sehr schweigsam

Mein Rollator und ich schauen die Abendnachrichten an, dann einen Krimi. Jetzt finde ich es schade, dass mein Rollator so schweigsam ist. Sonst könnte er mir erklären, wer der Täter war. Aber jetzt wird es Zeit, schlafen zu gehen. Meinen Lebensabschnittsgefährten parke ich wie gewohnt neben meinem Bett. Bevor ich entschlummere (nein, nicht endgültig!) kommt mir noch in den Sinn, was Minchen mir erzählt hat. Bald gibt es ein vernetztes Haus, eine vernetzte Wohnung. Alles ist mit allem verbunden: Haustür, Fernseher, Radio, Kühlschrank, Waschmaschine, Fensterrollos, die Matte vor meinem Bett, natürlich der Rollator und hoffentlich auch mein Herd, der mir selbsttätig etwas kocht. Und alle können mit mir »kommunizieren«! Himmel, wird das ein Gequassel! – Oder habe ich da was falsch verstanden? Egal: »Gute Nacht, lieber Rollator!«

Text: Brigitte Lemberger
Cartoon: Sebastian Haug