vignette2012 Hello all, beim Paddeln ab Wildwasserklasse III, in den Bergen ab 3000 Höhenmetern und im Biergarten ab der 3. Maß sind wir alle per Du. Aber unterhalb solcher klaren Grenzen wird’s vertrackt, mit dem Sie oder Du. Bei internationalen Kontakten wächst die Anrede vollends zum verbalen Hürdenlauf aus. Alles klar mit dem vermeintlich saloppen „you“ im Geschäftsleben? Mitnichten. „You“ – und was dann ? Thank you ,Mr. Smith oder besser Mr. John Smith oder gleich nur John? . Bei den formellen Lateinamerikanern besser „ Ingeniero Velazquez“ schreiben, mit Titel vorweg oder sogar nur den Titel ohne jedweden Namen als Anrede im direkten Gespräch? Handelt es sich beim e-Mail- Absender Chumlong Pasokpuckdee um eine Frau oder Mann, und wie antworte ich ihm/ ihr korrekt, wenn ich das Geschlecht nicht googeln kann? Was ist bei Herrn Li Kei Qiang überhaupt der Vor- und Nachnahme? Wenn ich den weltgewandten Japaner Tanaka in den USA treffe, soll ich dann noch immer das in Japan erwartete „- san“ an seinen Namen dranhängen, also Tanaka-san sagen; oder ist es sogar besonders entgegen kommend, das „-san“ an seinen Vornamen zu binden, um somit einen internationalen Anrede- Hybrid zu schaffen, als kulturelle Brücke für uns beide? Was sagen, wenn, wie in Indonesien oder auf Madagaskar, die Leute gar keinen eindeutigen Familiennamen tragen? Mit solchen Fragen und Antworten lassen sich dicke Handbücher füllen!
Doch hier die gute Nachricht, werte Freunde: Je älter wir werden, desto leichter wird das mit der Anrede – für uns. Wir, die Älteren, haben oft das Privileg, es uns auszusuchen, wie wir angesprochen werden möchten, vor allem von offensichtlich Jüngeren. Dann können wir, dank der Würde des Alters, ganz offen fragen: „…und wie darf ich Sie anreden?“. Der eine oder andere Fauxpas in dieser Richtung wird uns ebenfalls leichter verziehen; der Anstand des Gegenübers verpflichtet diesen meist, solche Parkettfehler uns nicht anmerken zu lassen; auch das macht die Sache entspannter; je älter, umso mehr!
Eine hoch betagte Nachbarin unserer Familie in Vancouver macht es sich noch einfacher. Vermutlich auch ihrem schwindenden Namensgedächtnis geschuldet, nennt sie jeden, wirklich jeden, einfach nur „my dear“.
„My dear“, finde ich wunderbar. Es ist universell, liebenswürdig und politisch korrekt. Fast ein Grund, sich aufs Altern zu freuen, zumindest in Kanada.
Einen geschmeidigen Tag, my dear all!
Ihr Global Oldie